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Ski Alpin:Über die steile Eisrampe

SOELDEN, AUSTRIA. OCTOBER 17 2020: 1st Women s Giant Slalom as part of the Alpine Ski World Cup in Solden on October 17

Fuhr in Sölden auf den ersten Platz im Riesenslalom der Damen: die Italienerin Marta Bassino.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Beim ersten Ski-Weltcup des Winters in Sölden ist vieles anders - aber am Ende doch wieder vertraut: Die Italienerinnen um Siegerin Marta Bassino sind die Stärksten.

Von Johannes Knuth, Sölden

Nach einer Viertelstunde probierte es der Stadionsprecher doch einmal. Er bat die wenigen Anwesenden um etwas Stimmungsmache, mal testen, was so ein Zielraum ohne Zuschauer kann. Aber der Ertrag war eher bescheiden, am lautesten jubelten noch zwei norwegische Betreuer auf einem Balkon hinter dem Zielbereich, die sich mit einer Landesflagge ausgerüstet hatten. Und das war ja schon ulkig: Die Norweger genossen nun einen kleinen Heimvorteil am Rettenbachgletscher in Sölden, wo sonst 15000 Zuschauer lärmen, wie bei einem Volksfest. Aber ein Volksfest ohne Volk, das war nun doch ein wenig traurig, allen wackeren Norwegern zum Trotz.

Am Ende ertönte am Samstag zumindest ein vertrauter Klangteppich: Die Italienerinnen jubelten. Erst Federica Brignone ("Woaaaaaah!"), die Gesamtweltcup-Siegerin der Vorsaison, die als vorletzte Starterin im zweiten Lauf die Führung in diesem Riesenslalom an sich gerissen hatte. Dann Marta Bassino, die ihre Teamkollegin um 14 Hundertstelsekunden überbot. Die 24-Jährige stieß ein vierfaches "Siiiiiiii" aus. Dann tauschte sie mit Brignone und Petra Vlhova, der Drittplatzierten aus der Slowakei (1,13 Sekunden zurück) die obligatorischen Umarmungen aus, auch wenn das Protokoll davon eigentlich abrät. Aber gut. Für den Anfang war alles störungsfrei verlaufen beim ersten Weltcup des neuen Winters in der Corona-Blase; nebenbei hatte der Tag eine kleine Vorschau auf die kommenden Monate gewährt: Auch im Wintersport werden wohl weniger die Volksfeste, sondern das Geschäft an erster Stelle stehen, denn ohne Weltcups steht die ganze Branche vor dem Existenzverlust. Immerhin: Der Sport an sich scheint bei aller Ungewissheit wenig von seiner Spannkraft eingebüßt zu haben.

Mit der ungewohnt ruhigen Kulisse haben die Jungen weniger Probleme als die Routiniers

In der Startliste fehlten am Samstag einige prominente Namen: Viktoria Rebensburg, die einstige Riesenslalom-Olympiasiegerin aus Deutschland, hatte zuletzt ihre Karriere beendet - wie die Österreicherin Anna Veith und Tina Weirather aus Liechtenstein. Auch Mikaela Shiffrin hatte sich entschuldigt; die dreimalige Gesamtweltcupsiegerin wollte nach dem Tod ihres Vaters im vergangenen Frühjahr endlich in den Weltcup zurückkehren, setzte aber mit Rückenproblemen aus. Der Qualität des Wettstreits schadete das kaum, vor allem Bassino schlängelte sich im ersten Lauf gekonnt über die steile Eisrampe, mit dieser Gabe, im Schweren das technisch Einfache abzurufen. Leichter gesagt als gefahren. Brignone kam ihrer sechs Jahre jüngere Mitstreiterin um eine halbe Sekunde nahe, der Rest lag schon eine Sekunde zurück und noch weit mehr.

Das organisatorische Zwischenfazit, neben dem sportlichen: Einige handverlesene Gäste auf der Tribüne, jeder auf einem zugeteilten Platz. Viel Raum im Ziel, sehr diszipliniertes Abstandhalten. Ein sanfter Event-Teppich aus Musik und Stadion-Animation, was weniger die Jungen zu stören schien - die ruhige Kulissen aus unterklassigen Rennen ja gewohnt sind - sondern die trubelerprobten Veteranen: "Du fühlst dich so einsam, du weißt gar nicht, wo du hinschauen sollst", sagte Brignone, "aber am Ende geht es vor allem darum, dass wir Rennen fahren". Sie halte das Konzept des Ski-Weltverbandes auch für sehr sicher, die Läufer fahren ja für sich, jeder sei dick eingepackt und an der frischen Luft: "Ich denke, da muss sich niemand große Sorgen machen", sagte Brignone, "ich werde es auf jeden Fall nicht tun". Die Frage ist nur, ob dieses Konzept auch für einen ganzen Winter lang hält, mit hunderten Athleten allein bei den Alpinen, die fast 80 Weltcups quer durch Europa bestreiten.

Für die deutschen Fahrerinnen ist der Weg zu den Hauptrollen ihres Sports noch sehr weit

Die deutschen Technikerinnen, so viel bestätigte sich am Samstag ebenfalls, werden dabei wie erwartet nur Nebenrollen besetzen: Alle vier Starterinnen schieden in Sölden nach dem ersten Lauf aus und ließen mal mehr, mal weniger den letzten Mut vermissen; vor allem Lena Dürr, 29, die als 38. im ersten Durchgang allein 4,74 Sekunden verlor. Die Münchnerin Lisa Loipetssperger, 20, trat bei ihrem Weltcup-Debüt als 50. und zweitbeste DSV-Fahrerin noch am erbaulichsten auf, was Cheftrainer Jürgen Graller in seiner Haltung bestätigte, dass der Nachwuchs allmählich an die große Bühne herangeführt gehört. Zur Wahrheit zählt freilich auch: Der Weg zu den Hauptrollen ist noch sehr, sehr weit.

Der zweite Lauf begann zunächst mit einer Enttäuschung für die stolzen Gastgeber: Katharina Truppe war als 15. noch die Beste. Petra Vlhova, die Riesenslalom-Weltmeisterin von 2019, zirkelte dann einen gewaltigen Lauf ins Eis und machte sieben Ränge gut. Alice Robinson, die Vorjahressiegerin, mittlerweile 18 Jahre alt, rutschte diesmal neben der Idealspur. Von den starken Schweizerinnen kam nur Michelle Gisin an Vlhova ran - fast zumindest, um 0,17 Sekunden. Am Ende zwängten sich nur Brignone und Bassino an der Slowakin vorbei, auch wenn Bassino im Steilhang ganz schön kämpfen musste, ehe ihr zweiter Erfolg im Weltcup nach 2019 in Killington aktenkundig war. "Der zweite Sieg ist fast noch spezieller, weil man den Erfolg bestätigt hat", sagte sie. Auch als Team präsentierten sich die Italienerinnen wieder enorm stark, wie in der Vorsaison; Sofia Goggia, die 27-jährige Abfahrts-Olympiasiegerin von 2018, wurde am Samstag noch Sechste.

Brignone, der Zweitplatzierten, war am Ende noch etwas anderes wichtig: "Ich war mein ganzes Leben immer sehr gestresst vor einem Rennen", sagte sie. Und nach allem, was ihr im vergangenen Jahr widerfahren sei - die Erfolge, aber auch das Gerede, dass sie bei ihrem Gesamtsieg vom verfrühten Abbruch der Saison profitiert hatte - sei sie am Samstag noch immer nervös gewesen. Andererseits: "Ich war einfach happy, am Start stehen zu dürfen." So kann man jedes Rennen in der Corona-Blase ja auch sehen: nicht als Belastung, sondern als kleines Geschenk, jedes Mal aufs Neue.

© SZ vom 18.10.2020/dsz

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