Ski alpin Kötbullar mit Stenmark

1,19 Sekunden langsamer als die Beste: Lindsey Vonn bei ihrer Rückkehr in den Weltcup.

(Foto: Marco Trovati/AP)

Lindsey Vonn bricht in Cortina d'Ampezzo in den letzten Winter ihrer Karriere auf - und muss erkennen, dass der Weg zum Sieg-rekord im Weltcup ein schwerer wird.

Von Johannes Knuth, Cortina d’Ampezzo

Der alpine Weltcup in Cortina begann am Freitag in etwa so wie in jedem anderen Jahr auch: Der Skiort am Fuße der Tofana-Bergkette lag in der Januarsonne. Er sah unverschämt hübsch aus. Die Händler stellten Orangen, Äpfel und unverschämt große Champagnerflaschen vor ihren Läden aus. Nur einmal brach Hektik aus: Als Lindsey Vonn gerade die Abfahrt beendet hatte und im Zielraum Hof hielt, für die Fans. Ein Gast hatte eher unfreundliche Absichten, er zog die Amerikanerin mit den Erfolgen von Mikaela Shiffrin auf, Vonns derzeit unverschämt erfolgreicher Landsfrau. "Kurz nach einem mäßigen Rennen von mir war das vielleicht nicht sehr schlau", sagte Vonn später, dann beschloss sie, sich nicht zu tief in den Frust zu knien. "Ich habe noch genug Fans hier", befand sie, durchaus mit Recht.

So weit, so gewöhnlich. Auch die Erste war am Freitag lange eine alte Bekannte: Die Slowenin Ilka Stuhec hatte die schnellste Zeit angeboten, dann zog die Österreicherin Ramona Siebenhofer noch überraschend vorbei. Der achte Platz von Kira Weidle vom SC Starnberg ging wiederum fast als gewöhnliche Meldung durch, die 22-Jährige war wieder flinker als Teamgefährtin Viktoria Rebensburg auf Rang elf. Und Lindsey Vonn gab im Zielraum wie immer Auskünfte zu allem möglichen, sei es zu Lausbuben im Ziel oder ihrem Hund Lucy ("Sie stammt aus Bologna und sagt nie nein zu Pasta und gutem Wein"). Wo Vonn ist, wird es selten langweilig, für den Weltcup war das in all den Jahren ihres Wirkens nie die schlechteste Werbung.

Aber ein bisschen was war schon anders, an diesem unverschämt hübschen Freitag in den Dolomiten. Vonn hatte im Mittelteil "den Grip verloren", fand sich am Ende auf Rang 15 ein, das zerrte schon an ihrer Laune. Zum anderen kommt die hochdekorierte Amerikanerin gerade wieder aus einer Verletzungspause, Cortina war ihre erste Dienstreise zu einem Weltcup in diesem Winter. Und dieses Mal ist es ihr letzter vollwertiger überhaupt - Lake Louise, ihre Lieblingspiste, will sie zum kommenden Saisonbeginn noch einmal mitnehmen, dann soll Schluss sein. Was macht das mit einer, die irrwitzige 82 Weltcups gewann, die immer alles in den Dienst des Erfolgs stellte, wirklich alles?

Vonn war mit zarten Erwartungen nach Cortina gereist, sie hatte zuletzt acht Tage im Schnee trainiert, nur acht Tage. Ihre beiden maladen Knie sind in Schienen gekleidet, das kostet Zeit im Rennen, aber Vonn führt mittlerweile auch einen Körper mit sich, der viel älter ist als ihre Inhaberin. Die 34-Jährige hatte zuletzt sogar ihre Kompromisslosigkeit gedrosselt, die stets ihre größte Stärke und Schwäche war. Andererseits: Die Dosis an Risiko, die sie ihrem letzten Winter spendiere, sei wieder stärker, sagte sie in Cortina. Sie ziele nur noch auf Erfolge, "egal was passiert. Ich werde nichts mehr überanalysieren, sondern genießen". So wie einst, als sie ihr erstes Podium bestieg, übrigens auch in Cortina, 15 Jahre ist das mittlerweile her.

Und so guckt sie mit milderem Auge auf all das, was sie lange mit heiligem Ernst verfolgte. Den Weltcup-Rekord von Ingemar Stenmark etwa, die 86 Siege, die Vonn in bestenfalls noch einem Dutzend Rennen einholen müsste. Wenn es klappt, wäre das "ein Traum", sagte Vonn, wenn nicht, dann sei das auch nicht schlimm. Mittlerweile zitiert sie - früher undenkbar - sogar Sätze aus dem Lexikon der Ski-Romantiker: "Wenn du morgens hier auf dem Berg stehst, das Tal schimmert rot und orange - das ist einer der unglaublichsten Anblicke auf der Welt." Und ihr Karriereende? "Es ist kein Mangel an Motivation, es ist ein Mangel an Knorpel", sagte Vonn. "Skifahren war immer meine Nummer eins, aber es gibt ein Leben danach."

"Es sei denn", fügte sie an, "es gibt bald eine neue Wunder-OP für meine Knie."

Manchmal klingt Vonn in diesen Tagen wie eine, die sich schon von dem Trubel gelöst hat, der sie weiter umspült. Als sie am Freitag gefragt wurde, was sie sich für die Abfahrt und den Super-G am Wochenende vornehme, scherzte sie: "Unterwäsche und Rennanzug wechseln, dann bin ich noch schneller." Und falls es doch noch klappe mit Ingemar Stenmarks Rekord, dann werde sie das mit dem Schweden angemessen zelebrieren: mit "ein paar Köttbullar" nämlich. Vorbereitung ist alles, vor allem im letzten Winter einer Skirennfahrerin.