Shorttrack:Ein Schritt zurück in die Sonne

Lesezeit: 4 min

Shorttrack-Europameisterschaft in Danzig

Maximale Kurvengeschwindigkeit: Anna Seidel, die beste Shorttrackerin im Lande.

(Foto: Adam Warzawa/dpa)

Anna Seidel war in der Form ihres Lebens, als sie sich beim Shorttrack-Training das Schien- und Wadenbein brach. Nun ist sie zurück und will es zu den dritten Olympischen Spielen schaffen - auch wenn erste Erfahrungen in Peking auf anstrengende Spiele hindeuten.

Von Barbara Klimke, München

Der dritte Olympiawinter im Leben von Anna Seidel hat begonnen. Anna Seidel mag diese Ziffer, die runde "3". Sie ist zahlenaffin, auch ein bisschen abergläubisch, "auf die Drei gepolt", das räumt sie gerne ein. Bei den Wettkampfvorbereitungen auf Schlittschuhen führt sie manche Kleinigkeiten dreimal aus; sie geht dreimal in die Hocke; dreht die Haare dreimal hoch. Und so kann die "3" auch für ihre bevorstehende Hatz zu den Spielen von Peking, die in knapp drei Monaten beginnen, ein gutes Omen sein.

Zuletzt ist Anna Seidel, 23, die EM-Zweite im vorigen Jahr, Ende Oktober nach Peking geflogen, zum Weltcup-Auftakt im Shorttrack, ihrer Eissport-Disziplin. Manches, was sie in der Olympiastadt erlebte, trug, bei allem persönlichen Erfolg, allerdings eher seltsame Züge einer Begegnung der dritten Art: Da war zum Beispiel der Mann im Schutzanzug mit Tornister auf dem Rücken, der immer in Erscheinung trat, wenn die Athleten im Freien auf den Transfer zur Eisbahn warteten. Sobald alle eingestiegen waren, sprühte er dort, wo die Gruppe gestanden hatte, zu Seidels Verwunderung mit seinen Gerätschaften den Asphalt ab. Auch die Mannschaftsbusse wurden desinfiziert, "von außen", wie sie sagt.

Wenn das Gleiten leichter fällt als das Gehen

China hält strikt an seiner Null-Covid-Politik fest, reagiert schon auf minimale Fallzahlen mit rigoroser Abriegelung. So wurden in dem Milliardenland, das im Februar ein perfektes Weltereignis inszenieren möchte, Maßnahmen für den Wettkampfbetrieb in einem hermetisch abgeschotteten System eingeleitet, die das übertreffen, was die Shorttracker bisher an Hygieneverordnungen kannten. "Superstreng" sei ihr das alles erschienen, sagt Anna Seidel. Auf der anderen Seite habe viel Personal bereitgestanden, "und es war natürlich hervorragend organisiert und sehr sicher".

Gependelt wurde nur zwischen Hotel und Halle, und beim Warten auf die Shuttlebusse habe die Gruppe nicht einmal hinter einen Zaun treten dürfen, "um sich mal die Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen", wie sie erzählt. Man sei gebeten worden, sofort wieder "den Schritt nach vorn" zu gehen. Oder fast unmerklich nach vorn zu humpeln - wie in ihrem Fall.

Denn das Erstaunliche ihrer Reise lag weniger in den Erfahrungen, welche die Athleten beim Weltcup im olympischen Testbetrieb sammelten. Sondern darin, dass Anna Seidel überhaupt wieder mitläuft bei den Weltbesten, nur sieben Monate nach einer horrenden Verletzung, einem Waden- und Schienbeinbruch. Und sie kann mithalten mit der Eis-Elite - obwohl sie noch immer schmerzhaft die Folgen des Unfalls spürt. Im Rennen über 1500 Meter raste sie auf Rang neun und erfüllte auf Anhieb einen Teil der Olympianorm; zwei Plätze im Klassement bis Position 15 (oder einmal mindestens Achter) sind die Vorgabe des nationalen Verbandes. Dass sie eine Woche später in Japan - wo der pandemische Schutzmaßnahmenkatalog übrigens, wie sie berichtet, nur unwesentlich weniger rigide war - das Halbfinale um zwei Zehntelsekunden verpasste, schreibt sie ihrer Nervosität zu: "Da habe ich mich dann wohl selbst zu sehr unter Druck gesetzt."

Nächste Qualifikationschance: Weltcup Nummer drei in Debrecen

Den nächsten Versuch unternimmt sie an diesem Wochenende in Ungarn, in Debrecen, beim dritten von vier Shorttrack-Weltcups des Winters. Da ist sie wieder, die ominöse "3". Was immer die Glückszahl diesmal bedeutet: Sie hat sich vorgenommen, "bei den europäischen Wettbewerben die Leichtigkeit im Rennen zu finden".

Zum langen Genesungsprozess gehört es auch, dass ihr die gleitenden Bewegungen auf Kufen müheloser erscheinen als das Schreiten auf Asphalt. Die Knochen sind mit Platten fixiert. "Und die Schmerzen", sagt sie, "werden auch bleiben, solange ich die Platten habe. Vor allem beim Gehen. Ich kann noch immer nicht ohne ein kleines Humpeln ein ordentliches Gangbild schaffen." Auf dem Eis sei es besser, "weil der Druck über die Ferse und nicht über die Spitze geht".

Erst seit acht Wochen trainiert sie in Dresden, ihrem Heimatort, wieder mit der Nationalmannschaft. Der Heilungsverlauf stagnierte nach dem fatalen Sturz im März, wenige Tage vor der WM in Dordrecht, als sie "fit war wie nie", gerade erst drei Medaillen bei der Europameisterschaft gewonnen hatte und dann mit der Spitze des Schlittschuhs ins Eis bohrte - bei Höchstgeschwindigkeit, die in der Dynamik des Shortracks auch 40 km/h betragen kann. Keine Kollision, vielleicht nur eine Unkonzentriertheit, sagt Anna Seidel heute. Sie hat in ihrer internationalen Karriere, die bereits im Alter von 15 Jahren im Weltcup begann, schon mehrmals schwere Unfälle erlitten. 2016 brach ein Brustwirbel, 2020 zog sie sich einen knöchernen Bänderriss im Sprunggelenk zu. Aber der Bein- und Wadenbruch sei die härteste Prüfung gewesen, "nicht nur wegen der Schmerzen, sondern auch, weil es mich mental extrem gefordert hat".

Die Hilfe der Psychologen

Der Stillstand quälte eine Athletin, die rasende Schnelligkeit gewohnt ist. "Man stellt sich dann alle möglichen Fragen. Ich habe nie wirklich gesagt: Ich lasse das. Aber ich war sehr, sehr kurz davor." Sie bedauerte in der Reha, das BWL-Fernstudium abgebrochen zu haben, weil ihr das umfangreiche Training zu wenig Muße zum Lernen ließ; sie spürte, wie hoch der Leistungsdruck, der Zeitdruck war. Dankbar ist sie, dass ihr in dieser Zeit zwei Psychologen zur Seite standen. "Es gab zum Glück Menschen, die mir geholfen haben, Methoden zu finden, aus dem Loch herauszukommen."

Mit dieser Unterstützung schaffte sie es auch zurück an die Grenzen eines Sports, bei dem die Läufer nicht einsam gegen die Uhr auf dem Eis kreiseln, sondern bei den Staffeln taktisch gegeneinander laufen, Kontakte inbegriffen.

Und so will sie nun versuchen, noch einmal zurückzukommen nach Peking, in diese nun abgeschottete Stadt, wenn dort die Winterspiele beginnen. 2014 in Sotschi war sie schon dabei, damals mit 15 als eine der Jüngsten im Team, erneut 2018 in Pyeongchang. Dreimal Olympia? "Das ist auf jeden Fall der Plan", sagt sie. Und dreimal Olympia könnte auch ein guter Abschluss sein. Der beste eigentlich, auch wenn sie noch nicht entschieden hat, ob sie vielleicht noch ein, zwei Jahre dranhängen mag.

Nur Olympia Nummer vier, das wird es nicht geben. "Dann wäre ich 28", sagt Anna Seidel. "Und in dem Alter will ich andere Dinge in meinem Leben machen."

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