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Schwimm-WM:Ein Dopingfall bei den lautesten Kritikern

Positiver Dopingtest: Shayna Jack, hier auf einem Foto von April 2018.

(Foto: Manan Vatsyayana/afp)
  • Als der Chinese Sun Yang Gold gewinnt, protestiert der Australier Mack Horton deutlich gegen seinen Konkurrenten. Sun Yang hatte eine Dopingprobe mit dem Hammer zerstören lassen.
  • Nun gibt die Australierin Shayna Jack zu, vor der WM positiv getestet worden zu sein. Auf welche Substanz, ist bisher noch unbekannt.

Ein Wettkampftag noch, dann sind die Schwimm-Weltmeisterschaften in Südkorea Geschichte. Was die Deutschen angeht, lässt sich eine Bilanz schon ziehen: die atmosphärische. Ein halbes Jahr nach der Trennung vom umstrittenen Chefbundetrainer Henning Lambertz waren in Gwangju so gut wie keine Misstöne zu vernehmen. Regelmäßig bog irgendwo eine deutsche Schwimmerin oder ein deutscher Schwimmer um die Ecke und versicherte, das Rennen habe "mega Spaß" gemacht. Am Samstag etwa die erst 17-jährige Anna Elendt, die sich überraschend fürs Finale über 50 Meter Brust qualifiziert hatte. Wie auch Florian Wellbrock, 21, über 1500 Meter Freistil - er zählt am Sonntag zu den Medaillenfavoriten.

Aber wie immer in der Individualsportart Schwimmen gilt: Im Medaillenspiegel werden die Erfolge zwar den Nationen zugeschrieben, die Geschichten muss aber jeder selbst schreiben. Und nicht immer sind das die Geschichten, die man dem Sport zumuten will.

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So wurde am Samstag bekannt, dass ausgerechnet das australische Team einen Dopingfall zu verzeichnen hat. Shayna Jack, 20, ist positiv getestet worden. Das ist auch deshalb brisant, weil es ja die Australier waren, die sich in der Debatte um den Chinesen Sun Yang (Stichwort: Dopingprobe mit einem Hammer zertrümmert) am deutlichsten positioniert hatten. Und nun also: Steine aus dem Glashaus?

Drei Geschichten über Athleten, die in den letzten WM-Tagen im Fokus standen. Shayna Jack, die heimlich abreisen musste, Marco Koch, der ein beachtliches Comeback gab - und Caeleb Dressel, der einfach immer und immer weiter gewinnt.

Shayna Jack

Shayna Jack ist nicht mehr da. Kurz vor dem ersten Rennen ist sie heimgeflogen nach Australien, und das einzige, was dazu bekanntgemacht wurde, waren "persönliche Gründe". Das kann man jetzt so oder so sehen. Denn ihr Fall betrifft auch andere: in erster Linie Mack Horton, den Silbergewinner über 400 Meter Freistil. Und das ebenfalls sehr persönlich.

Was sich hinter Jacks "persönlich Gründen" tatsächlich verbirgt, machte die Schwimmerin am Samstag in der australischen Zeitung The Sunday Telegraph öffentlich: eine positive A-Probe, abgegeben am 26. Juni im Trainingslager in Japan.

Die 20-jährige Freistilschwimmerin, die bei der WM in Gwangju für die Staffel vorgesehen war, beteuert ihre Unschuld: "Schwimmen war meine Leidenschaft, seit ich zehn war, und ich würde nie absichtlich eine verbotene Substanz einnehmen, weil das meinen Sport missachten und meine Karriere gefährden würde", sagte sie der Zeitung. "Mein Team und ich tun alles, um herauszufinden, wann und wie diese Substanz in Kontakt mit meinem Körper gelangt ist."

Shayna Jack stammt aus Brisbane und trainiert auch dort. Ihr Coach ist Dean Boxall, der auch Ariarne Titmus, 19, betreut, den neuen Star am australischen Schwimmhimmel: Vier Medaillen gewann Titmus in Gwangju, darunter Gold über 400 Meter Freistil.

Worauf wurde Shayna Jack positiv getestet? Das australische Schwimmteam bestätigte die auffällige Probe zwar am Samstag, machte aber keine Angaben zur Substanz. Vor allem davon dürfte am Ende abhängen, wie der Fall einzuschätzen ist. Mit manchen Mitteln kann ein Athlet ja zumindest theoretisch über verunreinigte Lebensmittel in Kontakt kommen - bei anderen ist das ausgeschlossen. Shayna Jack leidenschaftliches Dementi? Ihre Ratlosigkeit? Das hat man so schon von vielen Sportlern gehört.

Mehr Wirbel macht ohnehin die Frage, warum die australische Teamleitung das Versteckspiel mitgespielt hat. Am 14. Juli hatte Jack für die WM abgesagt, der Co-Trainer Michael Bohl erklärte ihren Zustand danach als "Mysterium". Und womöglich hätte auch Mack Horton am ersten WM-Abend manches anders gemacht, hätte er die Fallhöhe richtig einschätzen können. Horton hatte sich an die Spitze jener Athleten gesetzt, die gegen die Anwesenheit des Chinesen Sun Yang bei der WM protestieren. Während der Siegerehrung stand Horton hinter dem Podest, danach verweigerte er Sun Yang das gemeinsame Foto der Medaillengewinner.

Die Australier haben am Samstag vor allem um Verständnis geworben. Dafür etwa, dass bei ihnen die Regel gelte, jeden, gegen den irgendeine Art von Verdacht vorliege, sofort von allen Wettkämpfen zurückzuziehen. Das war auch ein Seitenhieb auf Sun Yang, der sich im September vor dem Sportgerichtshof Cas verantworten muss, weil er im vergangenen September eine Dopingprobe mit dem Hammer zerstören ließ. Zugleich könne man Namen aber immer erst nennen, wenn das Verfahren offiziell sei, schrieb der Chef von "Swimming Australia", Leigh Russell. Man habe das Team gar nicht informieren dürfen.

Nun war es Shane Jack selbst, die den Fall bestätigt hat. Einen schlechteren Zeitpunkt hätte es dafür nicht geben können.