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Schiedsrichter-Affäre:DFB bezichtigt Amerell weiterer Belästigungen

Spät bestätigt der DFB, dass es sich bei den Vorwürfen gegen Amerell "um keinen Einzelfall handelt". Der Belastete verlangt Akteneinsicht.

Manfred Amerell ging am Dienstag in die Offensive. Weil der vormalige Schiedsrichtersprecher des Deutschen Fußball-Bundes, der von Fifa-Referee Michael Kempter sexueller Belästigung geziehen wird, vom ermittelnden Verband weiterhin keine Akteneinsicht erhält, schaltete er das DFB-Sportgericht ein. Zugleich rief sein Münchner Anwalt Jürgen Langer den DFB-Kontrollausschuss an. Der soll ermitteln, ob Amerell das Recht auf Akteneinsicht in die DFB-Verwaltungsakten verweigert werden durfte. Am Dienstagabend konterte der DFB mit einer Presseerklärung, in der weitergehende Vorwürfe gegen Amerell erhoben werden.

Wurde gebeten, seine Ämter "aus Gesundheitsgründen" aufzugeben - Manfred Amerell.

(Foto: Foto: Imago)

Die Erklärung bestätigt den seit Tagen kolportierten Sachstand über weitere angebliche Belästigungen durch Amerell, erhellt jedoch die Kernfragen nicht. So hat sich laut Fußball-Bund im hauseigenen Schiedsrichterwesen ein unappetitliches Beziehungssystem etabliert, das junge Männer im Ehrenamt in körperliche und seelische Nöte brachte - doch über Jahre unentdeckt geblieben war. Auch von Schedsrichter-Obmann Volker Roth, dessen Arbeitsweise der DFB-Pressebericht erneut nicht thematisierte.

Indes wird betont, Vizepräsident Rainer Koch, der von seiner Zuständigkeit fürs Schiedsrichterwesen zurückgetreten ist, habe nochmals bestätigt, "dass er das Vorgehen des Präsidenten nicht beanstande". Koch hatte zu Roth und Amerell ein zerüttetes Verhältnis. Er wollte deren als geheimbündlerisch empfundene Selbstverwaltung beschneiden.

Im Ergebnis hält der DFB fest, es gebe "keinen Einzelfall". Es hätten mehrere Personen bezeugt, von Amerell "bedrängt und/oder belästigt worden zu sein. Dass die Betroffenen die Übergriffe so lange nicht gemeldet haben, begründeten sie mit latenter Angst vor privaten oder beruflichen Nachteilen, die sich vor allem auf die weitere Entwicklung ihrer Laufbahn als Schiedsrichter bezogen". Zu klären ist, wie das so lange unentdeckt bleiben konnte - und ob der monatelang tändelnde DFB erst öffentliche Anschubhilfe brauchte, um dies herauszufinden.

Der DFB hat seine - erst nach Presseberichten am 10. Februar - initiierte Anhörung zur Causa Amerell als Verwaltungsvorgang deklariert. Anwalt Langer erhielt weder Akteneinsicht noch Zutritt, als vergangene Woche der Amerell belastende Kempter vernommen wurde. Am Montag legte DFB-Justiziar Jörg Englisch den internen Bericht vor. Zugleich plauderte Verbandschef Theo Zwanziger in der Bild-Zeitung über Kerninhalte dieser als diskret deklarierten Untersuchung. "Amerell wird stark und intensiv belastet", erläuterte Zwanziger, geprüft werden müsse sogar, ob die Staatsanwaltschaft einzuschalten sei.

Roths mysteriöse Rolle

Anwalt Langer reagiert mit Verwunderung, zumal der DFB schon am Freitag öffentlich gedroht habe. Ob Amerells "Äußerungen klug waren, möchten wir unkommentiert lassen", hatte es da geheißen, nachdem Amerell eine angebliche SMS des ihn belastenden Referees publik gemacht hatte. Diese legt ein vertrauliches Verhältnis der beiden nahe: "Wieso machen wir alles kaputt? Komm doch ohne dich auch nicht klar." Wesentliche Bedeutung misst Langer dieser SMS bei, weil Kempter sie am 13. Januar an Amerell geschickt haben soll - einen Monat, nachdem er die Vorwürfe bei Schiedsrichterchef Volker Roth erhoben hatte.

Roths Rolle erscheint myseriös, zumal sich unter seiner Zuständigkeit ein übles Abhängigkeitssystem etabliert haben soll. Doch der Obmann soll den Fall Amerel erst Mitte Januar an Zwanziger gemeldet haben. Zugleich wurden Kempter und Amerell seit Rückrundenstart am 15. Januar wieder im Profispielbetrieb eingesetzt. Überdies führte die Geheimhaltung der brisanten Causa intern zu Verwerfungen: Der für die Schiedsrichter zuständige, doch von Roth und Zwanziger nicht eingeweihte DFB-Vize Rainer Koch gab bekanntlich vergangene Woche unter Protest seine Zuständigkeit ab.

Später Aufklärungseifer

Fragen stellt auch die Deutsche Fußball-Liga (DFL). Bereits bei einem Gespräch mit Zwanziger, DFB-Generalsekretär Niersbach und Personalchef Hans am 1. Februar will Amerell die besagte SMS vorgezeigt haben. Von der sei aber bei einer Präsidiumssitzung zur Causa Amerell drei Tage später keine Rede gewesen, sagte DFL-Chef Reinhard Rauball der SZ - obwohl es da um die Beziehung zu nur einem namentlich nicht genannten Referee gegangen sei.

Nun wundert sich Langer, dass die DFB-Anhörungen binnen kurzem mehrere weitere Referees zutage gefördert haben sollen, die neue Aussagen gemacht hätten. Amerell sagte der SZ, er sei nach dem Gespräch in der DFB-Zentrale am 1. Februar wiederholt gedrängt worden, "aus Gesundheitsgründen" alle DFB-Ämter aufzugeben; sogar aus der laufenden Sitzung am 4. Februar sei er angerufen und zum Rücktritt gedrängt worden. Doch der Rücktritt erfolgte erst am vergangenen Freitag, nachdem die Affäre bereits durch alle Medien lief.

Offenbar hegt Anwalt Langer den Verdacht, dass der DFB die unappetitliche Causa erst nach Ruchbarwerden mit dem gebotenen Eifer betrieb. Per Mail an die DFB-Vertreter Hans und Englisch bat er am Montagabend um Bestätigung eines eigenartigen Gesprächsinhalts vom selben Tag, nämlich "dass aufgrund des am 12.2. erklärten Rücktritts von Amerell der beim DFB geführte Vorgang abgeschlossen sei". Die erbetene Rückmeldung sei nicht erfolgt.

Im Video: Der Fall Amerell, den Schiedsrichter Michael Kempter ins Rollen gebracht hat, bringt den DFB und die gesammte Schiedsrichter-Abteilung in Zugzwang.

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© SZ vom 17.02.2010
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