Bundesliga Naldos Verkauf offenbart Schalkes Probleme

Vor dem Zerwürfnis: Schalkes Trainer Domenico Tedesco und Naldo beim Eintracht-Symbolisieren.

(Foto: imago)
  • Der Verkauf von Schalkes Innenverteidiger Naldo, 36, an AS Monaco rief in der Fachwelt Unverständnis hervor.
  • Derweil verstärkt Seppo Eichkorn, 62, einst Co-Trainer unter Felix Magath, seit Jahresbeginn den Stab um Cheftrainer Domenico Tedesco, 33.
  • Beide Personalien gehen auf die Initiative von Tedesco zurück. Und jeweils auf ihre Weise offenbaren sie die Probleme, in die sich der Traditionsverein mit seinem jungen Trainer manövriert hat.
Von Philipp Selldorf

Schalkes Manager Christian Heidel hatte außerordentlich miese Kritiken prophezeit, und genau die bekam er dann auch. Der Verkauf des allseits geschätzten Abwehrchefs und Alterspräsidenten Naldo, 36, an AS Monaco rief in der Fachwelt Unverständnis und in der königsblauen Fangemeinde Ärger und Wehklagen hervor. Darüber herrschte Einigkeit im Fußball-Land: Wie kann man bloß einen Spieler hergeben, der zu den nobelsten Persönlichkeiten der Szene gehört, den die Mitspieler liebten, und der vor ein paar Monaten noch Anwärter auf den Oscar als wertvollster Bundesligaspieler war? Heidel wusste, was die Leute über ihn und seinen seltsamen Verein sagen würden - und erteilte trotzdem die Freigabe: "Schweren Herzens" habe man entschieden, "dem Wunsch des Spielers zu entsprechen".

Doch Schalke 04 erhielt in diesen turbulenten Tagen auch Zuspruch, und zwar von einer Koryphäe, die in Gelsenkirchen wohlbekannt wie wohlberüchtigt ist. Immer noch zuckt mancher Mitarbeiter des Vereins zusammen, wenn er den Namen Felix Magath vernimmt, diesmal aber trat der ehemalige Generalintendant überraschend als Fürsprecher der Schalker Personalpolitik hervor, wenn auch nicht in Sachen Naldo. Stattdessen lobte Magath die Reaktivierung von Seppo Eichkorn, 62, der seit Jahresbeginn den Stab um Cheftrainer Domenico Tedesco, 33, verstärkt, dies sei "eine sehr gute Wahl" und "eine prima Lösung für beide Seiten".

Einst waren Magath und Eichkorm gemeinsam durchs Land gezogen, sie leisteten Gutes in Stuttgart, München und Wolfsburg und für eine Weile auch in Gelsenkirchen - bis der Chef dort im Frühjahr 2011 wegen despotischer Anwandlungen aus dem Dienst entfernt wurde. An diesem Punkt endete die zehn Jahre währende Verbindung zwischen Meister und Paladin: Während Magath wieder nach Wolfsburg ging, blieb Eichkorn auf Schalke. In den nächsten Jahren assistierte er den höchst verschiedenartigen Fußball-Lehrern Ralf Rangnick und Huub Stevens, anschließend trat er der Scouting-Abteilung des Vereins bei.

Ohne Naldo sah Schalkes Fußball, Woche für Woche, auch nicht besser aus

Die Personalien Naldo und Eichkorn haben nichts miteinander zu tun, sie gehen aber beide auf die Initiative von Domenico Tedesco zurück. Und jeweils auf ihre Weise offenbaren sie die Probleme, in die sich der Traditionsverein mit seinem jungen Trainer manövriert hat. Während sich Tedesco durch das Hinzunehmen von Eichkorn der Erfahrung eines altgedienten Experten versichert hat, was nicht nur Magath für lobenswert hält, ließ er es im Fall Naldo an eben jenen Eigenschaften fehlen, die der neue Helfer mitbringen soll: an praktischer Vernunft und der Einsicht in alte Fußball-Weisheiten.

Zwar hat sich Tedesco nicht gewünscht, dass der Anführer Naldo das Team verlässt, genauer gesagt, war er sogar alles andere als erfreut, als er davon erfuhr; andererseits ist er aber maßgebend verantwortlich, dass der längst assimilierte Brasilianer im hohen Fußballer-Alter doch noch mal das Land verlassen hat, obwohl er sich auf Schalke schon sesshaft wähnte. Naldo wollte Fußball spielen, in dieser Beziehung habe er den Ehrgeiz eines 18-Jährigen, hat Heidel einmal gesagt, doch dieses Vergnügen hat ihm Tedesco versagt, und dass der Trainer den vormaligen Chefverteidiger mit Komplimenten überschüttete, während er ihn Woche für Woche auf die Reservebank beförderte, empfand dieser als zunehmend merkwürdig. Ohne Naldo sah Schalkes Fußball, ebenfalls Woche für Woche, nicht besser aus. Salif Sané als Nachfolger brachte bessere Laufwerte hervor, aber keine bessere Wirkung aufs Spiel. Von der Idee, beide gemeinsam einzusetzen, hatte sich Tedesco schon früh in der Hinrunde verabschiedet.

Kurz vor Weihnachten meldete sich Naldos Berater mit dem Wechselersuchen bei Heidel, dem am Ende nichts anderes übrig blieb, als die einen Bedenken gegen die anderen Bedenken abzuwägen: Einerseits würde man einen Spieler abgeben, der nicht nur (immer noch und unbestritten) ein guter Fußballer ist, sondern auch eine Integrationsfigur. "Papa" Naldo war jene populäre Respektsperson, auf die alle Profis dieser kompliziert komponierten Mannschaft gern gehört haben. Andererseits war sich Heidel klar darüber, dass er seinem Trainer keine Einsatzgarantie für Naldo vorschreiben konnte.

Der Manager ahnte den außenpolitischen Schaden, die schlechten Schlagzeilen und die empörten Reaktionen der Fans, aber noch mehr fürchtete er den innenpolitischen Ärger, wenn er Naldo den gewünschten Wechsel versagen würde. So stimmte er dem Verkauf zu, und nun muss er auf dem so tristen wie teuren Wintertransfermarkt nach einer Ersatzlösung suchen, Tedesco hat bereits dringende Ansprüche angemeldet. Den Neustart dieser missratenen Saison haben sich die Schalker anders vorgestellt.

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