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Schalke 04:Einfach trostlos

FC Schalke 04 - FSV Mainz 05

Weiter, da geht noch was! Schalkes Verantwortliche (links der neue Trainer Dimitrios Grammozis) feuern die Spieler an - aber es ging nichts.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)

Auch unter der Leitung des neuen Trainers Dimitrios Grammozis kann der FC Schalke seine Defizite an Klasse, Form und Erfahrung nur notdürftig kaschieren. Die königsblaue Zukunft gehört nun den ganz jungen Spielern.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Wäre Christian Gross noch der zuständige Schalke-Trainer, hätte man ihn nach dem 0:0 gegen Mainz 05 wie üblich gefragt, ob er denn jetzt immer noch Hoffnung habe, dass sein Team den Klassenverbleib schaffen könne. Er hätte dann geantwortet, dass die schwindende Zahl der Spiele zwar ein limitierender Faktor sei, dass er aber selbstverständlich weiterhin an das Gelingen seiner Mission glaube.

Nach Ansicht des 66 Jahre alten Schweizers durfte das Prinzip des Durchhaltens nicht in Frage gestellt werden. Er forderte sogar seine Mitarbeiter dazu auf, ihm ihren Glauben an das Unglaubliche zu versichern - wie ein General, der in seinem Offiziersstab die verbliebenen Widerstandskräfte gegen den überall schon verkündeten Untergang sammelt.

Selbst dem unbeugsamen Gross wäre es allerdings sehr schwergefallen, aus der torlosen Begegnung am Freitagabend eine erneute Parole der Hoffnung zu destillieren. Seinem am Mittwoch ins Amt gelangten Nachfolger Dimitrios Grammozis, 42, wurde derlei auch gar nicht mehr abverlangt. Niemand stellte mehr in den Raum, ob Schalke mit dem Remis gegen den Tabellennachbarn die allerletzte Restchance vergeben habe. Das überaus trostlose Spiel war Antwort genug. Die Fragen an Grammozis richteten sich stattdessen auf Personalien. Etwa, warum er den 18 Jahre alten Debütanten Kerim Calhanoglu nominierte anstelle des routinierten Verteidigers Bastian Oczipka, 32, oder Can Bozdogan, 19, anstelle von Benjamin Stambouli, 28. Im Fall von Calhanoglu verwies Grammozis auf positive Trainingseindrücke, der Rest ergab sich aus der personellen Notlage, die weiterhin aberwitzige Ausmaße hat. "Es hat eine gewisse Tiefe im Kader gefehlt", erklärte Grammozis mit gewählten Worten, weil er die Ersatzkräfte nicht kompromittieren wollte. Das Fehlen der vielen Leistungsträger konnte die übriggebliebene Elf aber nicht kompensieren.

Binnen zwei Tagen habe man "keine Wunderdinge" vollbringen können, sagte Grammozis

Der Trainerwechsel in Gelsenkirchen habe seinen Matchplan über den Haufen geworfen, hatte der Mainzer Coach Bo Svensson vor der Partie gesagt. Offenbar befürchtete er neue Motivation bei den vermeintlich demoralisierten Schalkern. Aber seine Sorge ließ spätestens in dem Moment nach, als er von der gegnerischen Aufstellung erfuhr. Spielmacher Amine Harit hatte sich während des Warmmachens verletzt und damit eine Elf der Abwesenden komplettiert. Am späteren Abend gesellte sich auch noch Kapitän Sead Kolasinac zu den Versehrten. Mit Fährmann im Tor, Nastasic und Sané in der Verteidigung, Bentaleb, Harit und Uth im Mittelfeld sowie Paciencia und Huntelaar im Sturm wäre das Geister-Team ansehnlich besetzt.

Das reale Team hingegen konnte seine Defizite an Klasse, Form und Erfahrung nur notdürftig kaschieren. Binnen zwei Tagen habe man "keine Wunderdinge" vollbringen können, sagte Grammozis. Aus Gründen, die für Schalke typisch sind, hatte ihm mancher Fan eben dieses zugetraut. Nicht zuletzt die mangelhafte Fitness im Kader, ein ständiger Beweggrund des sportlichen Niedergangs, ließ jedoch keine Wunder zu. Benito Raman, Shkodran Mustafi und der junge Calhanoglu schleppten sich mit Krämpfen und Sitz-Pausen zum Schlusspfiff.

Die Mainzer kamen in nahezu voller Besetzung und mit dem Selbstbewusstsein einer Mannschaft, die sich neuerdings wieder jedem Gegner gewachsen sieht. Vor allem in der zweiten Hälfte waren sie den Schalkern deutlich überlegen, die Güteklasse der Partie haben sie dadurch aber nicht gesteigert. Auch die 05er verloren sich in Hast und Hektik, sie hatten nicht weniger Anteil am unansehnlichen Geschehen als das disharmonische Schalker Restaufgebot. Svensson lobte trotzdem den angeblich wohlgelungenen Auftritt seiner Elf, lediglich das Resultat ärgerte ihn. "Wir hätten den Sieg verdient gehabt", fand er. Formell bestätigte ihn die Statistik, 20 Torschüsse standen auf dem Zettel. Doch was sagen diese Zettel schon aus? "Wir hatten zwanzig Torschüsse, aber davon waren nur zwei gefährlich", analysierte präzise der Abwehrchef Stefan Bell.

Der kommissarische Manager Peter Knäbel gesteht, der Abstieg sei "wohl unvermeidlich"

Zwei gefährliche Torszenen hatten im Übrigen auch die kaum im Angriff befindlichen Schalker zu bieten. Die erste resultierte aus einem Kopfball von Mustafi, die andere löste Suat Serdar mit einem Fernschuss aus. Torwart Frederick Rönnow sorgte für das dritte Schalker Highlight, indem er mit einer tollen Parade den späten Rückstand verhinderte. Letztlich konzentrierte sich Schalke unter Mustafis Anleitung auf den Erhalt des 0:0 - so viel zum Thema letzte Chance im Abstiegskampf. Der kommissarische Manager Peter Knäbel gestand am Sonntag im Talk "Doppelpass", der Abstieg sei "wohl unvermeidlich". Nicht die einzige vernünftige Erkenntnis. Knäbel äußerte auch den problembewussten Vorsatz, beim Umbau des Kaders anschauen zu wollen, "welche Qualitäten in der zweiten Liga gefragt sind" und aus "den Fehlern zu lernen, die andere Großvereine in der zweiten Liga gemacht haben".

Mustafi, Serdar und Rönnow werden - wie die meisten etablierten Profis - dem künftigen Schalker Team aller Voraussicht nach nicht mehr angehören. Die königsblaue Zukunft gehört Spielern wie dem 19-jährigen Mittelstürmer Matthew Hoppe und dem gleichaltrigen Verteidiger Malick Thiaw. Auch Calhanoglu, ein Neffe des ehemaligen HSV- und Leverkusen-Spielers Hakan Calhanoglu (jetzt beim AC Mailand), konnte sich mit feiner Technik und Spielverständnis empfehlen. Am Freitagabend hat Schalke 04 den Probelauf für die Saison in der zweiten Liga aufgenommen. Das Prinzip des Durchhaltens ist mit Christian Gross in die Schweiz entschwunden.

© SZ/klef
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