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Schachspieler Vincent Keymer:"Man braucht einen Ausgleich", findet Vincent Keymer

Der 16-jährige Iraner Alireza Firouzja etwa, der gerade hinter Carlsen Platz zwei bei der Schnellschach-WM erreichte und in Wijk schon im A-Turnier bei der absoluten Weltelite mitspielt, ragt heraus. Allein vier Inder stehen in der U16-Weltrangliste vor Keymer, und in China wird der Wunderkindstatus ohnehin schneller weitergereicht, als ein Schachspieler gemeinhin zieht. In Deutschland wiederum gibt es neben Keymer gerade noch ein großes Talent: den Hamburger Luis Engel, 17, der ebenfalls im Oktober Großmeister wurde. "Ich finde, das ist immer sehr schwer. Wenn einer ein tolles Turnier spielt, ist er der nächste Weltmeister. Dann wird der nächste einen Tag vorher Großmeister, dann ist er wieder der King", sagt Keymer.

Die Kontrahenten aus anderen Ländern haben bisweilen auch andere Voraussetzungen. Manche müssen nicht zur Schule gehen, anderen zahlt der Staat die Flüge und sonstige größere Aufwendungen. Auch Keymer genießt durchaus gute Rahmenbedingungen. Der Bad Sodener Schach-Organisator Hans-Walter Schmitt hat ihn fünf Jahre begleitet, die Firma des Baden-Badener Schach-Mäzens Wolfgang Grenke kommt als Sponsor für die Kosten auf. Trainiert wurde Keymer von zwei anerkannten Größen, zunächst von Artur Jussupow, inzwischen von Peter Leko, früher waren sie mal die Nummer drei beziehungsweise vier der Welt. Und seinen Eltern - der Vater Pianist, die Mutter Cellistin - schien es über die Jahre ein Ansinnen zu sein, ihren talentierten Sohn zwar nicht komplett zu verstecken, aber doch abzuschirmen.

Zu Beginn der erfolgreichen Zeit war einmal ein Reporter bei Keymer im Kinderzimmer, aber Hausbesuche waren der Familie danach nicht mehr recht. Bilder, wie sie den heutigen Weltmeister Magnus Carlsen als jungen Kerl zeigen, der auf einem Bett lümmelt und Donald-Duck-Comics liest, sollte es eher nicht geben.

Keymer wirkt überhaupt nicht wie ein Schach-Nerd. Schach sei nicht das ganze Leben, sagt er gerne. Aber die Tage sind natürlich vollgepackt mit dem Sport. An den Tagen, an denen er in die elfte Klasse des Gymnasiums im Nachbarort Nieder-Olm geht (Leistungskurse Mathe, Deutsch und Englisch, geplantes Abitur nach siebeneinhalb Jahren Schulzeit im Frühjahr 2022), sind es etwa drei Stunden Schach. Wenn ihm die Schule Fehlzeiten gestattet und er sich mit Trainer Leko zu einem ein- oder zweiwöchigen Trainingscamp verabredet, sind es bis zu acht Stunden.

"Im Schach ist es sehr unberechenbar, es kann immer alles passieren"

Das Klavierspiel leidet unter dem Schach-Umfang, Handball und Fußball gab Keymer auf, weil die festen Termine eines Teamsports für ihn nur schwer einzuhalten sind. Er fährt lieber Fahrrad, wo er ungebunden ist. "Man braucht irgendeinen Ausgleich. Das gehört zum Schach dazu, den Kopf leer pusten", sagt er.

Wer im Herbst in Keymers Heimatort fuhr, kam unter einer Eisenbahnbrücke hindurch, an der ein großes Transparent hing. "Saulheim grüßt seinen Weltmeister", stand dort, als Ehrung für Niklas Kaul nach seinem Zehnkampf-Titel bei der Leichtathletik-WM in Doha. Ob das etwas ist, wovon Vincent Keymer auch träumt? Immerhin gab es seit dem Mathematiker Emanuel Lasker, der den Titel von 1894 bis 1921 innehatte, keinen deutschen Weltmeister mehr im Schach.

"Wenn das klappt, ist es gut. Aber das zu erwarten oder auch nur als Ziel zu haben, ist schwer", sagt Keymer: "Im Schach ist es sehr unberechenbar, es kann immer alles passieren."

© SZ vom 31.12.2019/tbr
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