Süddeutsche Zeitung

Schachspieler Vincent Keymer:Wie der Hochgelobte tickt

  • Vincent Keymer ist 15 - und der jüngste Schach-Großmeister, den es in Deutschland bislang gab.
  • Er wurde bereits als "Schach-Genie" und "Jahrhundert-Talent" bezeichnet.
  • Wie tickt der hochgelobte Jugendliche?

Fünf Jahre war Vincent Keymer alt, als er das erste Mal ein Schachbrett in der Hand hatte. Wenn auch kein echtes, sondern eines, das auf einer Plastikfolie abgebildet war. In der Dienstwohnung seines Vaters war das, und er bekam zu hören, dass das noch nichts für ihn sei. Aber kurz darauf fand er zu Hause noch einmal ein Brett und die dazu gehörenden Figuren. "Und dann habe ich so lange genervt, bis es mir erklärt wurde", erzählt Keymer - und er gegen seine Eltern seine ersten Spiele bestritt.

Knapp zehn Jahre ist das jetzt her. Vor einigen Wochen hat Vincent Keymer seinen 15. Geburtstag gefeiert, im Oktober wurde er der jüngste Schach-Großmeister, den es in Deutschland jemals gab. Und nicht erst seitdem weckt er in der deutschen Schach-Szene, die sich schon lange nach einem herausragenden Spieler sehnt, große Hoffnungen und Erwartungen - wie das eben ist, wenn Sportler bereits in so jungen Jahren so starke Leistungen vollbringen.

Kaum einen Experten gibt es, der ihm nicht einen Platz in der Weltspitze zutraut, und längst hat der Hype das vertraute Schach-Biotop überschritten. Bild machte ihn zum "Schach-Genie", der Spiegel zum "Jahrhundert-Talent". Und der Focus ging kürzlich so weit und wählte ihn unter die Top-100 der Menschen des Jahres: als drittbesten Sportler und auf Platz 51, zwischen die Klimaaktivistin Luisa Neubauer und Ethan Brown, den Gründer der Veganburger-Kette Beyond Meat. Wie tickt ein Jugendlicher, der schon so viel Lob über sich vernehmen kann?

Wer Keymer trifft, kann kaum glauben, dass er noch so jung ist

Keymer und sein Vater haben für ein Treffen den Ratssaal ihres Wohnortes Saulheim vorgeschlagen. 20 Kilometer südlich von Mainz liegt das Örtchen; die Sportszene interessierte sich im Vorjahr schon einmal dafür, weil der Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul auch daher kommt.

Wer Keymer trifft, kann kaum glauben, dass er noch so jung ist. Sehr eloquent und reflektiert tritt er auf, zudem zwar zielstrebig, aber eher zurückhaltend bei der Formulierung seiner Ziele. Er will sich nicht unter Druck setzen lassen.

"Wir sind in einem Alter, in dem man nicht sagen kann, wo das alles hinführt. Man kann sagen: Man ist ein guter Spieler, aber wie gut man am Ende wirklich wird, weiß keiner", sagt Keymer. Wenn es später klappe, Schachprofi zu werden, also einer von nur ein paar Dutzend privilegierten Spielern, die wirklich vom Schachsport leben können, "dann mache ich das gerne". Aber das sei auch sehr schwer.

Keymer gilt jetzt schon eine ganze Weile als das große deutsche Schach-Talent. Mutter und Vater reichten ihm damals nach der Entdeckung des Brettes nur für zwei Monate als Gegner aus. Bald ging er in den Verein und setzte sich bei Jugendturnieren auch gegen deutlich Ältere durch. Mit zehn schlug er die ersten Großmeister, mit elf wurde er Fünfter bei der Jugend-WM, mit zwölf bestritt er seine erste Bundesligapartie. Vergangenes Frühjahr erwarb er sich viel Ansehen, als er in einem Duell Weltmeister Magnus Carlsen viel Gegenwehr bot. Und just als ihm mancher in der Szene schon die erste Leistungsdelle attestierte, erwarb er sich im Oktober als bisher jüngster Deutscher den Großmeister-Titel. Den gibt es vom Schach-Weltverband Fide, wenn bestimmte sportliche Erfolge erreicht sind.

Jetzt erwarten sich viele Beobachter also weitere Entwicklungsschritte - beginnend beim prestigeträchtigen Turnier in Wijk aan Zee Mitte Januar, bei dem Keymer im B-Turnier antritt, der zweiten Gruppe. Keymer erklärt, sein Ziel für das neue Jahr sei es, "mein Schachverständnis weiter zu verbessern. Das gilt für 2020 wie für jedes vorhergehende Jahr auch". Es beginnt nun die Phase, in der sich zeigen wird, ob es wirklich für ganz, ganz oben reichen kann. Denn der Schachsport ist voller angeblicher und echter Wunderkinder und die Konkurrenz nicht zuletzt in Keymers Altersklasse groß.

"Man braucht einen Ausgleich", findet Vincent Keymer

Der 16-jährige Iraner Alireza Firouzja etwa, der gerade hinter Carlsen Platz zwei bei der Schnellschach-WM erreichte und in Wijk schon im A-Turnier bei der absoluten Weltelite mitspielt, ragt heraus. Allein vier Inder stehen in der U16-Weltrangliste vor Keymer, und in China wird der Wunderkindstatus ohnehin schneller weitergereicht, als ein Schachspieler gemeinhin zieht. In Deutschland wiederum gibt es neben Keymer gerade noch ein großes Talent: den Hamburger Luis Engel, 17, der ebenfalls im Oktober Großmeister wurde. "Ich finde, das ist immer sehr schwer. Wenn einer ein tolles Turnier spielt, ist er der nächste Weltmeister. Dann wird der nächste einen Tag vorher Großmeister, dann ist er wieder der King", sagt Keymer.

Die Kontrahenten aus anderen Ländern haben bisweilen auch andere Voraussetzungen. Manche müssen nicht zur Schule gehen, anderen zahlt der Staat die Flüge und sonstige größere Aufwendungen. Auch Keymer genießt durchaus gute Rahmenbedingungen. Der Bad Sodener Schach-Organisator Hans-Walter Schmitt hat ihn fünf Jahre begleitet, die Firma des Baden-Badener Schach-Mäzens Wolfgang Grenke kommt als Sponsor für die Kosten auf. Trainiert wurde Keymer von zwei anerkannten Größen, zunächst von Artur Jussupow, inzwischen von Peter Leko, früher waren sie mal die Nummer drei beziehungsweise vier der Welt. Und seinen Eltern - der Vater Pianist, die Mutter Cellistin - schien es über die Jahre ein Ansinnen zu sein, ihren talentierten Sohn zwar nicht komplett zu verstecken, aber doch abzuschirmen.

Zu Beginn der erfolgreichen Zeit war einmal ein Reporter bei Keymer im Kinderzimmer, aber Hausbesuche waren der Familie danach nicht mehr recht. Bilder, wie sie den heutigen Weltmeister Magnus Carlsen als jungen Kerl zeigen, der auf einem Bett lümmelt und Donald-Duck-Comics liest, sollte es eher nicht geben.

Keymer wirkt überhaupt nicht wie ein Schach-Nerd. Schach sei nicht das ganze Leben, sagt er gerne. Aber die Tage sind natürlich vollgepackt mit dem Sport. An den Tagen, an denen er in die elfte Klasse des Gymnasiums im Nachbarort Nieder-Olm geht (Leistungskurse Mathe, Deutsch und Englisch, geplantes Abitur nach siebeneinhalb Jahren Schulzeit im Frühjahr 2022), sind es etwa drei Stunden Schach. Wenn ihm die Schule Fehlzeiten gestattet und er sich mit Trainer Leko zu einem ein- oder zweiwöchigen Trainingscamp verabredet, sind es bis zu acht Stunden.

"Im Schach ist es sehr unberechenbar, es kann immer alles passieren"

Das Klavierspiel leidet unter dem Schach-Umfang, Handball und Fußball gab Keymer auf, weil die festen Termine eines Teamsports für ihn nur schwer einzuhalten sind. Er fährt lieber Fahrrad, wo er ungebunden ist. "Man braucht irgendeinen Ausgleich. Das gehört zum Schach dazu, den Kopf leer pusten", sagt er.

Wer im Herbst in Keymers Heimatort fuhr, kam unter einer Eisenbahnbrücke hindurch, an der ein großes Transparent hing. "Saulheim grüßt seinen Weltmeister", stand dort, als Ehrung für Niklas Kaul nach seinem Zehnkampf-Titel bei der Leichtathletik-WM in Doha. Ob das etwas ist, wovon Vincent Keymer auch träumt? Immerhin gab es seit dem Mathematiker Emanuel Lasker, der den Titel von 1894 bis 1921 innehatte, keinen deutschen Weltmeister mehr im Schach.

"Wenn das klappt, ist es gut. Aber das zu erwarten oder auch nur als Ziel zu haben, ist schwer", sagt Keymer: "Im Schach ist es sehr unberechenbar, es kann immer alles passieren."

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SZ vom 31.12.2019/tbr
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