Renato Sanches beginnt gegen Lissabon Neue Chance dahoam

Renato Sanches (Mitte) beim Training in Lissabon.

(Foto: REUTERS)
  • Im Champions-League-Duell gegen Ex-Klub Benfica Lissabon wird Renato Sanches sein erstes Saisonspiel für den FC Bayern machen.
  • "Er ist dieses Jahr sehr motiviert ins Training gekommen", lobt Trainer Niko Kovac den 21-Jährigen, der bislang eine komplizierte Zeit in München hatte.
  • Aussagen von Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge deuten darauf hin, dass Sanches nur noch diese Saison bleibt, um sich langfristig bei den Bayern zu empfehlen.
Von Jonas Beckenkamp, Lissabon

Wer einmal nach Lissabon gereist ist, kennt das: Man muss gut zu Fuß unterwegs sein, es geht oft steil bergauf, dann wieder hinunter, und natürlich empfiehlt sich ein Reiseleiter. Wo gibt es schon solche Attraktionen? Das gleißende Licht, das sich über die Stadt legt wie ein Schleier. Die Sahnepuddingtörtchen aus dem Stadtteil Belem an der Mündung des Tejo-Flusses, die schwer auszusprechenden pasteis de nata. Oder das Gassengewirr des Alfama, jener Altstadt, die das Verlaufen zur Kunstform erhebt. All das wird der FC Bayern auf seiner ersten Dienstreise dieser Champions-League-Saison eher nicht zu sehen bekommen - dabei hätte man mit Renato Sanches einen ortskundigen Auskenner dabei.

Charme hätte das, doch Sanches ist Fußballspieler, und er fährt als solcher "nicht als Reiseleiter mit nach Lissabon", erklärte Trainer Niko Kovac kürzlich. Schade einerseits. Andererseits: Für den 21-jährigen Portugiesen wäre alles andere auch inakzeptabel gewesen. In seiner Heimatstadt, unweit seines Geburtsortes Amadora, einer tristen Vorortgegend im Lissaboner Nordwesten, wird er an diesem Abend gegen Benfica seinen zweiten Anlauf bei den Münchnern starten. Niko Kovac beorderte ihn in die Startelf neben Javi Martinez. Der 35-Millionen-Spieler Sanches und die Bayern - diese Geschichte verlief bisher nicht ohne Komplikationen, doch nun bietet sich ihm eine neue Chance.

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"Er ist dieses Jahr sehr motiviert ins Training gekommen", sagte Kovac nach der Ankunft der bayerischen Delegation in Portugal. Er sicherte ihm "Unterstützung von allen Seiten" zu und versprach: "Er wird diese Saison sicher viele gute Spiele machen." Die Personalsituation im Mittelfeld wird dem Coach einige Tüftelei abverlangen. Sebastian Rudy und Arturo Vidal haben die Bayern dezent fortgeschickt - auch weil man im Verein die Zukunft anschieben wollte. In den ersten Partien dieser Spielzeit durften vor allem Thiago, Javi Martinez und Leon Goretzka ran, doch der deutsche Nationalspieler ist angeschlagen nach Lissabon mitgekommen. Thiago fehlte beim Abschlusstraining und steht nun auch nicht im Kader.

Ungeschliffen - dieses Attribut tauchte immer wieder auf

Sanches wird nun ausgerechnet vor den Augen seiner Familie und der gesammelten Entourage seines Freundeskreises sein Saisondebüt feiert - Niko Kovac stellt ihn in die Startelf. Gegen seinen alten Klub. Auf der für ihn größtmöglichen Bühne, dem Estadio da Luz. "Er hat große Fortschritte gemacht, seit ich hier bin, vor allem im mentalen Bereich," findet Kovac, "Fußball spielen kann er, das wissen wir."

Hinweise, dass es die Bayern ernst meinen mit einem weiteren Versuch bei ihrem teuren Langzeitprojekt, gibt es schon länger. Kovac hatte Sanches in der Vorbereitung vermehrt eingesetzt, und wer genau hinschaute, erkannte beim einstigen Sorgenkind eine beachtliche Seriösität. Seine Auftritte waren aufgeräumter als vieles, was man aus seiner ersten Phase in München kannte. Da wirkte der damals 18-jährige Europameister eher wie ein Derwisch, der stets zu viel wollte und alles zugleich. Und während dieser Zappeleien verlor er meist den Ball.

Unter Carlo Ancelotti schien Sanches weit weg von jenen Momenten als Mann der Zukunft im Mittelfeld der Portugiesen bei der Euro 2016. Seine Stammpositionen waren Bank und Tribüne, Gerüchte von "Saudade" (der landestypischen Melancholie) Richtung Portugal machten die Runde, heimisch wurde er nie. Auch eine Ausleihe nach Swansea hemmte seine Entwicklung mehr, als dass sie ihn als Fußballer festigte - nur 12 Mal durfte er in der Premier League ran, unvergessen bleibt ein Fehlpass in Richtung Werbebande. Unbedrängt. Das Video ging durchs Netz, dabei war Sanches bei seinem zweiten Auslandsaufenthalt in der Fremde ohne Englischkenntnisse immer noch sehr jung.

Ungeschliffen, dieses Attribut taucht immer wieder im Zusammenhang mit Sanches auf. Einer seiner letzten Fürsprecher bei den Bayern (die ihn von zwei Angestellten betreuen ließen, um Vereinsamung wie im Fall Breno vorzubeugen) war Präsident Uli Hoeneß, der im vergangenen Sommer seine Rückholaktion von der Insel unterstützte. Ein 35-Millionen-Missverständnis wollte man sich (noch) nicht eingestehen.

Just in dieser Woche schaltete sich nun Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge ein und erklärte dem portugiesischen Sportmagazin Record: "Wir halten ihn nach wie vor für einen Spieler, der es hier packen kann. Er steht jetzt vor einem ganz entscheidenden Jahr. Er muss es nun beweisen." Die Anzeichen stehen also auf: letzter Versuch. Vielleicht beginnt die zweite Karriere des Renato Sanches in München ja schon an diesem Abend im Lissaboner Licht.

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