Sportpolitik Milde für Russland

Nicht immer leicht zugänglich: Das Moskauer Analyse-Labor.

(Foto: Alexander Zemlianichenko/AP)

Keine Suspendierung der nationalen Anti-Doping-Agentur Rusada: Die Welt-Anti-Doping-Agentur verzichtet in der Staatsdoping-Affäre trotz verspäteter Weitergabe wichtiger Labordaten auf eine Strafe.

Von Johannes Aumüller

Der russische Sport kommt trotz eines klaren Verstoßes gegen Auflagen der Welt-Anti-Doping-Agentur ohne Konsequenzen davon. Der Wada-Vorstand entschied am Dienstag, auf eine Suspendierung der nationalen Anti-Doping-Agentur Rusada zu verzichten, obwohl wichtige Daten aus dem Moskauer Labor zu spät übermittelt wurden. Es gab auch keine andere Strafe.

"Mehrere Mitglieder des Exekutivkomitees äußerten ihre Enttäuschung, dass die Frist nicht eingehalten wurde, stimmten jedoch überein, dass diesbezüglich keine Sanktionen verhängt werden sollten", sagte Wada-Präsident Craig Reedie in einer Pressekonferenz: "Wir wollen vor allem sicherstellen, dass Betrüger zur Rechenschaft gezogen werden. Ich hoffe, dass die Athleten und andere sehen, dass wir diesbezüglich gute Fortschritte machen."

Die Wada hatte im September die Rusada nach gut zweieinhalbjähriger Sperre zwar wieder zugelassen, jedoch zwei Auflagen formuliert. Die erste lautete, dass Russland bis zum 31. Dezember sämtliche Informationen aus dem sogenannten Laboratory Information Management Systems (Lims) des Moskauer Dopinglabors zur Verfügung stellen sollte. Doch das geschah nicht, eine fünfköpfige Gruppe von Wada-Spezialisten reiste Ende Dezember vergeblich nach Moskau.

Der offizielle Grund: Die russische Seite war nicht damit einverstanden, dass die Wada-Vertreter die Labordaten mit dem mitgebrachten Equipment sichern wollten. Erst mit 18 Tagen Verzögerung gelangte die Gruppe an die Daten - nachdem sie sich das technische Equipment in Russland noch einmal gekauft habe, wie der Wada-Chefermittler Günther Younger der FAZ berichtete. Dass diese Verspätung ohne Konsequenzen bleibt, begründete die Wada am Dienstag unter Verweis auf eine Empfehlung der formal unabhängigen Compliance-Kommission so: Gemäß Regelwerk hätten nationale Anti-Doping-Agenturen mindestens drei Monate Zeit, um etwaige Missstände zu beheben.

Die Lims-Datenbank ist deswegen so wichtig für die weitere Aufarbeitung des russischen Staatsdopingskandals, weil in ihr sämtliche Vorgänge des Moskauer Labors zwischen Januar 2012 und August 2015 dokumentiert sind; das Labor war über all die Jahre eine zentrale Stelle des Manipulationsschemas. Es entdeckte zwar verbotene Substanzen in Dopingproben, trug Hunderte davon - nach Rücksprache mit dem Sportministerium - im zentralen Meldesystem der Wada aber als negativ ein. Der Wada war zwar im Vorjahr durch einen Whistleblower eine Kopie dieser Lims-Daten zugespielt worden. Sie benötigt jedoch das Original, um die Authentizität prüfen und gegebenenfalls auch Verfahren gegen einzelne Sportler anstrengen zu können.

Die Wada versucht daher, den Erhalt der Daten als wichtigen Schritt darzustellen - und zudem den Eindruck zu verbreiten, als könne sie sicher sein, dass die russische Seite beim Übergabeprozess nicht manipuliert habe. "Wir wissen genau, wonach wir schauen müssen, und wir haben die verdächtigsten Fälle bereits herausgearbeitet", sagte Chefermittler Younger. Gemäß Wada-Entscheid aus dem September muss Russland noch eine zweite Auflage erfüllen. Es hat zu gewährleisten, dass bis zum 30. Juni 2019 die jetzt noch in Moskau befindlichen Proben von damals noch einmal in einem anderen Labor analysieren werden können, falls die Wada-Ermittler dies fordern.

Sportpolitik Die Betrüger haben gewonnen

Wada-Entscheidung

Die Betrüger haben gewonnen

Die Welt-Anti-Doping-Agentur soll Doping bekämpfen - eigentlich. Doch jetzt beklagt sogar die Vizepräsidentin: Das System schützt die Falschen. Über eine Organisation, die ihren letzten Rest Glaubwürdigkeit verloren hat.   Von Thomas Kistner und Johannes Knuth