Nachwuchs im Springreiten:Mit vollem Pferdeverstand

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Nachwuchs im Springreiten: In Leipzig gebremst worden: Gerrit NIeberg kommt auf Rang 13.

In Leipzig gebremst worden: Gerrit NIeberg kommt auf Rang 13.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Generationenduelle: Beim Weltcup in Leipzig traten zuletzt auch die talentierten Söhne von großen Springreitern an. Sie lernen früh, dass es in diesem Sport nicht um Reiter-Romantik geht.

Von Gabriele Pochhammer, Leipzig

Martin Fuchs, der 29-jährige Sieger des jüngsten Weltcups von Leipzig, hat einen. Die beiden jungen Briten Harry Charles, 21, und Jack Whitaker, 20, haben ebenfalls einen. Und auch der 29-jährige Gerrit Nieberg hat einen Vater mit großem Namen, der dem Sohn den Weg in den Springsport geebnet hat.

Fuchs ist schon einen Schritt weiter. Wenn heute der Name Thomas Fuchs fällt, Coach der Schweizer Springreiter, dann kommen den Experten eher die Erfolge des Sohnes in den Sinn als die des Vaters, immerhin drei EM-Titel mit der Mannschaft und drei nationale Meistertitel. Und wer den pausbäckigen Harry Charles sieht, der denkt an den Mannschaftsolympiasieger von 2012, Peter Charles. Bei Jack Whitaker wiederum fallen einem gleich mehrere Namen ein. John, Michael oder ein anderer Whitaker-Bruder? Auf jeden Fall ist er der Vetter von Robert, Louise, William, Ellen und noch einer Handvoll weiterer Whitakers. Die Springreiter-Dynastie aus Yorkshire ist allgegenwärtig, wenn irgendwo Hindernisse stehen.

Jack Whitaker wurde Vierter, sein Onkel John Zwölfter und überhaupt, die halbe Großfamilie springt über Hindernisse

Jacks Vater - es ist Michael - war jahrzehntelang eine Säule des britischen Teams, fand für Jack sein Weltcup-Pferd Valmy de la Lande und bildete es mit ihm zusammen aus. Er stand in Leipzig auf dem Abreiteplatz, und baute die Probesprünge auf, auch für seinen Bruder John Whitaker, der bereits in dem Alter ist, in dem man automatisch zur Legende wird, falls man noch nicht aus dem Sattel fällt. Der 66-jährige belegte nun bei seinem 22. Weltcupfinale einen achtbaren zwölften Platz und war voll des Lobes über seinen Neffen. Der wiederum blieb bescheiden. Nach dem Unterschied zwischen ihm und dem Onkel gefragt, sagte er, "das Alter, die Haare, und dass er der viel bessere Reiter" sei. John hat kaum noch ein Haar auf dem Kopf, aber seine Parcours sind immer noch Weltklasse.

In keinem anderen Sport können mehrere Generationen ernsthaft gegeneinander antreten. "Das ist ja das Schöne", sagte der Schwede Jens Fredricsen, Weltcup-Dritter in Leipzig, der die Ratschläge seines jüngeren Bruder, des Weltranglisten-Ersten Peder Fredricsen, offenbar gut befolgt hat, "auch mit 55 Jahren kannst du dich noch verbessern, im 100-Meter-Lauf wirst du jeden Tag schlechter."

Kinder erfolgreicher Reiter haben es leichter, nicht nur weil das erste Pony schon bereit steht, bevor sie laufen können und schon am Frühstückstisch über Pferde geredet wird. Wer nicht sparen muss, ist klar im Vorteil. Aber vieles kann man nicht kaufen, wie Sachverstand und das tägliche Vorbild im Sattel. Auch wissen Kinder aus diesen Familien schon früh, dass Pferde nicht nur zum Streicheln da sind, sondern zuweilen verkauft werden müssen, damit die Stallkasse stimmt. "Wendy"-Romantik hat in diesem Umfeld keinen Platz.

Reiter-Kinder lernen früh, ein Pferd zu erkennen, seine Qualitäten und Möglichkeiten zu beurteilen, bevor es sechs- und siebenstellige Summen kostet. Ein unschätzbarer Vorteil, wenn man eine Profikarriere anstrebt. Wer diesen "Pferdeverstand" nicht hat - und er geht nicht immer Hand in Hand mit der reiterlichen Begabung -, ist sein Leben lang auf den Rat von Experten angewiesen. Das kann teuer werden. Sich schnell auf neue, auch schwierige Pferde einzustellen, immer wieder den richtigen Draht zu verschiedenen Vierbeinern zu finden, auch diese Erfahrung haben Reiter-Kinder gleichaltrigen Konkurrenten voraus, die mit Hilfe des elterlichen Portemonnaies ein, zwei teure Pferde unter dem Sattel haben.

Gerrit Nieberg, Sohn von Olympiasieger Lars, fiel nach drei Abwürfen auf Rang 13 zurück

Für Jack Whitaker kam nicht viel anderes als die Profilaufbahn in Frage, auch wenn er lange mit Fußball geliebäugelt hat und glühender Fan von Manchester United ist. "Auf jeden Fall hätte ich was mit Sport gemacht", sagt er. Das erste Auto gewann Jack mit 15 Jahren. Er hatte noch keinen Führerschein, setzte sich für die Ehrenrunde trotzdem ans Steuer und würgte zweimal den Motor ab. Mit Platz vier und fünf setzten Harry Charles und Jack Whitaker in Leipzig einen Meilenstein ihrer jungen Karriere.

Daran arbeitet der 29-jährige Gerrit Nieberg noch, der immerhin als Fünfter und damit bester Deutscher in die letzte Wertung ging, aber nach drei Abwürfen seines Pferdes Ben auf Platz 13 zurückfiel. Bis dahin standen die Zeichen steil auf Aufstieg. "Wir wollen nach Herning", sagte Vater Lars Nieberg, selbst Mannschafts-Europameister und Olympiasieger, heute Chef des Turnierstalles Snoek auf Gut Berl bei Münster.

Im dänischen Herning werden im August die Weltmeisterschaften ausgetragen. Jetzt müssen erstmal die Videos von den Leipzig-Ritten ausgewertet werden, um zu sehen, was man noch besser machen kann. Die Analyse nach dem Ritt gehört für Nieberg dazu, auch wenn es nur eine Jungpferdeprüfung auf dem Land ist. Der Turnierplan und die Verteilung der Pferde werden gemeinsam festgelegt. Nicht immer sind alle einer Meinung. "Dann wird auch mal Klartext geredet, aber keiner hier ist nachtragend", sagt Lars Nieberg.

Auch Gerrit lief als Kind eher dem Fußball als den Pferden hinterher, mit 13 Jahren dann der Schwenk Richtung Stall. Bevor er eine Bereiterlehre in der Verbandszentrale in Warendorf absolvierte, ließ sich Gerrit noch zum Steuerfachangestellten ausbilden. "Falls es mit der Reiterei nicht geklappt hätte." Wie es aussieht, braucht er dieses Knowhow jetzt nur noch für seine eigene Steuererklärung.

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