Reitsport:Es gärt in der Pferdezucht-Szene

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Geschärfter Blick: Viele Stewards schauen bei den Körungen, der Auswahl der zukünftigen Sportpferdeväter, mittlerweile noch genauer hin. (Foto: Uwe Kraft/Imago)

Neue Leitlinien schreiben vor, dass junge Reitpferde erst mit zweieinhalb Jahren an Sprungübungen und Sattel herangeführt werden dürfen. Höchste Zeit, finden Tierschützer.

Von Gabriele Pochhammer, Neumünster

Mühelos segelte Canturato über die Hindernisse, noch ohne Reiter auf seinem Rücken, aber schon mit unübersehbarem Talent. Der Schimmel war einer von 70 jungen Holsteiner Hengsten, die vor Kurzem in der Holstenhalle in Neumünster zur diesjährigen Körung, der Auswahl der zukünftigen Sportpferdeväter, angemeldet waren. Die Zweieinhalbjährigen sollen bei dieser Veranstaltung zeigen, ob sie gut genug sind, ihre Gene weiterzugeben. Zweieinhalb Jahre - das ist sehr jung. Zu jung finden Tierschutz- und andere Verbände. Alt genug, um die Anlagen zu erkennen, finden Züchter und Besitzer.

So ein Junghengst ist in jedem Fall eine gute Geldanlage. Wird er gekört, ist er einen fünf- bis sechsstelligen Betrag wert. Der teuerste Hengst in Neumünster, Chavaros II, wechselte für 115 000 Euro den Besitzer. Nur ein kleiner Prozentsatz eines jeden Jahrgangs darf mit dem Prädikat "gekört" als Vatertier tätig werden. Später folgen noch Prüfungen mit Reiter, manchmal auch im Turniersport.

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Nur: Seitdem die vom Bundeslandwirtschaftsministerium initiierten "Leitlinien für Tierschutz im Pferdesport" vorschreiben, dass ein junges Reitpferd mindestens 30 Monate, also zweieinhalb Jahre, alt sein muss, bevor sein Training beginnt, gärt es in der Pferdezucht-Szene. Denn eine Körung im Oktober, wie in Neumünster, kann es demnach nicht mehr geben. Die meisten der jungen Hengste haben nicht, wie Tierschützer fordern, den Sommer noch auf der Weide mit ihren Altersgenossen verbracht, sondern werden seit Frühjahr, also mit 24 Monaten, für die Körung vorbereitet.

Da wird dann das Springen ohne Reiter geübt und das Im-Kreis-Laufen an der Longe. Auch mit dem Sattel dürften viele Hengste schon Bekanntschaft gemacht haben. Sie verbringen viele Stunden im Stall in Einzelboxen, werden speziell gefüttert, bis sie, frisiert und mit glänzendem Fell, aussehen wie erwachsene Athleten und nicht wie die Halbwüchsigen, die sie eigentlich noch sind. "Kinderarbeit", kritisieren die einen, "vorsichtige Gewöhnung", beschwichtigen die anderen, je nach Interessenlage. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) hat zähneknirschend dem Trainingsbeginn mit 30 Monaten zugestimmt. Ab dem nächsten Jahr muss einige Monate später, zwischen Januar und April, gekört werden, dann manchmal schon unter dem Reiter.

Dieses Jahr sollte alles noch einmal so sein wie gehabt. Doch das zuständige Veterinäramt in Neumünster machte den betroffenen Verbänden, Trakehnern und Holsteinern einen Strich durch die Rechnung. Mit Verweis auf die Leitlinien, die zwar keine Gesetzeskraft haben, aber vor Gericht als vorgezogenes Gutachten gelten, sollten Hengste, die nach dem 1. Juni geboren sind, erst zu einem späteren Zeitpunkt vorgestellt werden. Das betraf bei den Holsteinern zehn Hengste - eine bittere Pille für die Besitzer, denn die Verkaufschancen sind vor vollbesetzter Halle besser als später, wenn kaum ein Interessent da ist.

Der Erfindungsreichtum ist offenbar groß, wenn es darum geht, einen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern zu erreichen

Nach zähen Verhandlungen wurde der Stichtag zuletzt auf den 15. Juni verschoben. Deswegen durfte der erwähnte Canturato, geboren am 13. Juni, zeigen, was er kann, während Mitbewerber Million Cent, der drei Tage später das Licht der Welt erblickte, zu Hause bleiben musste - das mutet dann eher wie bürokratisches Tauziehen an, das mit Tierschutz nicht viel zu tun hat.

Aber die Amtsärztin war zufrieden, erschien jeden Tag in der Holstenhalle und kontrollierte alles, was es zu kontrollieren gab. Für die ab Mai geborenen Hengste musste ein amtstierärztliches Zeugnis die physische und psychische Reife nachweisen. Interessant wäre zu erfahren, wie Amtstierärzte, von denen die wenigsten täglich mit Pferden zu tun haben, sondern eher mit Schweinen, Kühen und Hühnern, die psychische Reife eines Pferdes erkennen wollen. Sie können es ja nicht, wie der Schulpsychologe vor der Einschulung, kleine Kreise malen lassen. Ein Amtstierarzt ist in seinem Bezirk ein König, er kann Veranstaltungen abbrechen lassen, bei Verdacht auf Verstöße gegen das Tierwohl sogar Pferde woanders unterbringen, ohne dass der Besitzer erfährt, wo.

Es ist gut, dass Tierschutz keine Privatangelegenheit des Pferdebesitzers ist. Gut ist auch, dass sich Stellen bis zu Bundesministerien darüber Gedanken machen, wie man Pferde vor den sportlichen und finanziellen Ambitionen ihrer Reiter und Besitzer schützt. Denn der Erfindungsreichtum ist offenbar grenzenlos, wenn es darum geht, einen besseren Sprung, einen kleinen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern zu erreichen. Vor einigen Wochen wurde der Springreiter André Schröder für ein Jahr gesperrt, weil er bei einer Turnierkontrolle mit Gamaschen auffiel, in die kleine spitze Eisenteilen eingearbeitet waren. Das verursacht bei jeder Stangenberührung stechenden Schmerz. So etwas ist bei den Körungen noch nicht gefunden worden, aber einige Körplätze verteilen bereits genormte Gamaschen an die Besitzer; die eigenen dürfen nicht mehr verwendet werden.

So weit ist man in Holstein nicht gegangen, aber der Blick der Stewards war geschärft. Unter den Pferdeleuten aus ganz Europa, die in Neumünster einen Blick auf den Jahrgang von 2019 warfen, war auch Landoberstallmeisterin Astrid von Velsen. Sie konnte die Aufregung um den Trainingsbeginn nicht verstehen: Ihre Hengste und jene der süddeutschen Zuchtverbände werden seit Jahren erst im Januar gekört. "Unsere laufen noch auf der Weide, in Gruppen", sagt die Chefin des Haupt- und Landgestüts Marbach, "die holen wir erst nächste Woche in den Stall." Dann sind sie noch wollig und ein bisschen wild - aber vielleicht auch ein bisschen glücklicher.

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