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Real Sociedad:Wie San Sebastian in Spanien dominiert

Stürmer Mikel Oyarzabal (re.) und Adnan Januzaj kennt man vielleicht. Aber den Rest der Spieler von Real Sociedad ist den wenigsten geläufig.

(Foto: Ander Gillenea/AFP)

In der Primera Division nutzen die Basken von Real Sociedad die Schwächephase der großen Klubs. Der Tabellenführer baut auf sein eigenes Konzept, an dem auch Xabi Alonso beteiligt ist.

Von Jonas Beckenkamp

Die Aficionados werden all diese Namen natürlich längst kennen, vielleicht werden sie sie sogar fehlerfrei aussprechen können. Aber wer nicht Tag für Tag seine Dosis transfermarkt.de konsumiert, dem dürften sie nicht so geläufig sein. Deshalb zur Auffrischung hier eine kleine Liste mit Spielern von Real Sociedad San Sebastian, dem aktuellen Tabellenführer der spanischen Liga. Ander Barrenetxea, Martín Zubimendi, Aritz Elustondo, Aihen Muñoz, Andoni Gorosabel, Igor Zubeldia, Roberto López, Ander Guevara, Mikel Oyarzabal, Jon Bautista, Martín Merquelanz.

Oyarzabal, den hat das Fachpublikum vielleicht schon mal herumrennen sehen, da war doch was neulich beim Tor zum 6:0 der Spanier gegen Deutschland - aber der Rest? Viele "xe" und "zs", das kann eigentlich nur eines bedeuten: Sie alle stammen aus dem Baskenland, tatsächlich haben sogar alle die Jugendabteilung beim Klub aus der Provinz Gipuzkoa durchlaufen. Und sie alle haben es in dieser Saison schon auf mehrere Einsätze gebracht. Die Geschichte des Erfolgs von Real Sociedad ist also eine von Heimatverbundenheit - und sie ist eine mit einem großen Namen im Hintergrund: Xabi Alonso.

Der 38-Jährige, dessen Pässe früher in München, Madrid, Liverpool und auch bei seinem Heimatverein Real Sociedad wie von der Schnur gezogen übers Feld segelten, ist seit Sommer 2019 Trainer der zweiten Mannschaft in San Sebastian. Er arbeitet dort sehr erfolgreich und will als Trainerneuling erst einmal nur lernen, wie er immer wieder betont.

Xabi Alonso wirkt mit als Juwelenschürfer aus der Tiefe

Wobei man sich fragt, was diesem Fußballweisen überhaupt noch beizubringen ist. Sein Beitrag zum aktuellen Lauf des Klubs mag auf den ersten Blick minimal sein, schließlich heißt der Chefcoach der ersten Mannschaft Imanol Alguacil (ebenfalls ein Urgestein des Vereins) - aber natürlich wirkt Xabi Alonso längst mit als Juwelenschürfer aus der Tiefe.

Er hat sogar so viel zu tun, dass er laut seines Klubs nicht öffentlich als Geschichtenerzähler auftreten will - zumindest nicht in der Presse aus Alemania. In Spanien ist das Wunder von San Sebastian aber natürlich niemandem entgangen. Der Klub der Weißblauen habe sich über die vergangenen zwei Jahrzehnte zu einer "Fabrik für Mittelfeldanführer" entwickelt, stellte die Zeitung Marca kürzlich fest und listete sie alle auf: von Xabi Alonso, der Real Sociedad in seinen Anfangsjahren 2003 als 21-Jähriger fast zur Meisterschaft führte (Platz zwei am Ende), bis zu den Könnern von heute.

Nach dem Ende des Leihgeschäfts um Martin Ödegaard, der nach einem Jahr des Erwachsenwerdens nach Madrid zurückkehrte, schauen die Experten zum Beispiel hochinteressiert auf Eigengewächse wie Ander Guevara, 23, Igor Zubeldia, 23, und Zubimendi, 21. Letzterer, wie Zubeldia ein geborener Donostiarra (so heißen sie in San Sebastian), hat sich im Zentrum neben dem früheren Dortmunder Mikel Merino als bisher größte Nachwuchs-Überraschung in La Liga etabliert - und ist neben Offensivmann Roberto López, 20, eine der Entdeckungen des Azubi-Trainers Xabi Alonso.

Real Sociedad kann noch Pokalsieger werden

"Martín Zubimendi trägt vieles in sich, was die Kultur der Strategen in diesem Klub ausmacht, er kann hier tatsächlich ein stilprägender Spieler werden", sagte Alonso der Marca. Und der Gefeierte selbst reichte die Blumen prompt zurück: Er habe stets zu Alonso aufgeschaut, der im Klub als ewige Referenz im Mittelfeld gelte. "Ich hatte das Glück, vergangenes Jahr in der zweiten Mannschaft unter ihm zu spielen und er hat mir dort den nötigen Push gegeben. Nur so konnte ich mich so gut entwickeln", erklärt Zubimendi.

Er oder auch der derzeit verletzte Kapitän Asier Illarramendi, 30, verkörpern die Kultur des Klubs, dessen Talentschuppen immerzu vollgestopft zu sein scheint. Am Golf von Biscaya setzt man schon lange auf die Ausbildung von jungen Fußballern aus der Region - und das macht sich in Zeiten von Corona bezahlt. Während die Großklubs aus Madrid und Barcelona kriseln, um ihre Identität kämpfen und teilweise Spielergehälter nicht mehr finanzieren können, läuft es beim Tabellenersten wie schon vergangenes Jahr (Platz sechs) prächtig - dank einer Elf mit eindeutig baskischem Anstrich.

Das Konzept ähnelt dem von Nachbarklub Athletic Bilbao, wo weiterhin bis auf wenige Ausnahmen nur gebürtige Basken aus den entsprechenden Provinzen spielen dürfen. Der Unterschied: Bei Real Sociedad nehmen sie es nicht ganz so genau mit den Einheimischen, schließlich verdienen in der ersten Mannschaft auch Schweden wie Alexander Isak oder Belgier wie Adnan Januzaj (beide ebenfalls einst beim BVB) ihr Geld - und neuerdings auch Ex-Weltmeister David Silva, der von den Kanaren stammt.

Xabi Alonso bastelt derweil weiter an seiner jungen Trainerkarriere, unter seiner Anleitung führt Real Sociedad B in der dritten Liga wieder die Tabelle an. Und wenn es stimmt, was Fachleute erzählen, lässt er dort einen flotten, ans System der ersten Mannschaft angelehnten Fußball spielen. Er hat schließlich bei den Besten gelernt: Rafa Benítez, José Mourinho, Carlo Ancelotti und ein gewisser Pep Guardiola waren seine Lehrmeister. Zu den Bayern kam Alonso dem Vernehmen nach in erster Linie, um zum Ende seiner aktiven Zeit noch einmal unter Guardiola zu spielen. Und auch dessen Trainerlaufbahn nahm bekanntlich bei Barça B ihren Anfang.

Dass aus Spanien nicht nur angesehene Fußballer nachwachsen, sondern auch Trainer von exzellentem Ruf, ist also kein Zufall. Genauso wie es wohl kein Zufall ist, dass der spanische Pokalsieger der vergangenen Saison aus dem Baskenland kommt. Das Finale der Copa del Rey der Saison 2019/20 bestreiten coronabedingt im April 2021: Real Sociedad San Sebastian und Bilbao.

© SZ/tbr
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