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RB Salzburg:Der Nachschub an Hochbegabten reißt nie ab

SOCCER - BL, RBS vs Sturm SALZBURG,AUSTRIA,01.JUL.20 - SOCCER - tipico Bundesliga, championship group, Red Bull Salzburg

Mit Meisterteller und Pokal: Salzburgs Coach Jesse Marsch, in Österreich auch "Trainer der Saison", und Hee-chan Hwang, der nach Leipzig geht.

(Foto: Jasmin Walter/GEPA/imago)

Ausbilden, Siegen, Verkaufen: RB Salzburg fühlt sich wohl in seiner Endlosschleife. Unter Trainer Jesse Marsch gibt es eine Meisterschaft mit Torrekord - bei seinem Amtsantritt reagierten die Fans noch ablehnend.

Von Moritz Kielbassa

Es gibt ein Zauberwort im Werkzeugkasten von Jesse Marsch: "Mentalität". Ein inflationär gebrauchter Begriff in der Sprache des Fußballs, oft nur eine leere Hülse. Der Trainer von Red Bull Salzburg jedoch spricht mit ansteckender Begeisterung über Mentalität, übers Immer-Gewinnen-Wollen, über Teamspirit, Energie und all diese typisch amerikanischen Ansätze. Er tut es auf seine Art, nicht zu aufdringlich, nicht platt, nicht gekünstelt. Und Marsch, 46, will vorleben, was er fordert, also ging er auch am letzten Spieltag der österreichischen Liga, beim 3:0 in Linz, in seiner Coachzone volle Pulle mit.

Salzburg stand vorher längst als Meister fest. Der Gegner aus Linz, genannt LASK, der RB monatelang an der Tabellenspitze hartnäckig herausgefordert hatte, war in den Wochen zuvor ermattet. Trotzdem hat der Trainer aus Wisconsin bei allen drei Toren die Arme hochgerissen, die geballten Fäuste durch die Luft gewedelt und dabei gestrahlt wie ein Sunnyboy aus der Zahncremewerbung - als wäre es noch um irgendwas ganz, ganz Großes gegangen.

Ein bisschen stimmte das sogar. Denn erst die allerletzte Saisonsekunde war das Schlagobers auf ein sehr spezielles Salzburger Jahr, voller Geschichten, Hochs und Tiefs. Das 3:0 in Linz, ein Elfmeter in Minute 95, war auf der Ziellinie das 110. Saisontor - Ligarekord! Zehn Stammspieler hatte Salzburg vor und in der Saison verloren, auch den Wunderwuzzi-Stürmer Erling Haaland. Trotzdem schafften sie am Ende (mit vier Spielen weniger) genauso viele Tore wie 2014 die bisher Besten: die spektakuläre RB-Elf des Trainers Roger Schmidt, mit Sadio Mané, Kevin Kampl und Co.

Dem Trainer schien dieser Superlativ am Rande wichtig zu sein. Meister und Pokalsieger, ja gut, das ist Salzburger Standard. Doch die Art und Weise gab die Würze. "Ich bin nur ein Jahr hier, ich kenne nicht die ganze Geschichte des Fußballs in Österreich. Aber eine bessere Mannschaft hier kann man sich schwer vorstellen: so viele Tore und die beste Abwehr der Liga - es war eine Supersaison", sagte Marsch. Er trägt bei Lob gerne dick auf, ein Spieler ist bei ihm selten nur gut, sondern mindestens "sooo, sooo gut". Und, natürlich: "Alle Jungs hatten eine Supermentalität."

Das hausdesignte Meister-T-Shirt zierte eine große rote "7", die fast wie eine "1" aussah. Es war das perfekte Mottohemd für Marsch. Er führte Salzburg zum siebten Titel in Serie, und für ihn war es das erste Mal: "Diese Meisterschaft ist ganz besonders für mich", sagte er nach aufwühlenden zwölf Monaten, die Anlauf und Stehvermögen erforderten. Als der neue Coach, einst Student in Princeton und Profi in der US-Liga, ankam in der Mozartstadt, da glaubten viele, sein nach Mönchengladbach verzogener Vorgänger Marco Rose hätte Salzburg auf ein nicht mehr zu toppendes Level geführt. "Die Fußstapfen von Rose waren riesig - Marsch hat sie ausgefüllt", sagt Alfred Tatar, der populärste Fußball-TV-Experte des Landes (Sky).

"Er ist ein Vorbild für uns mit seiner Art"

Die Geschichte begann im Juli 2019, mit einem Plakat: "Nein zu Marsch!" pinselten Fans zur Begrüßung des Trainers auf ein Banner. Sie sahen den Neuen aus der Fußballfamilie von RB kritisch. Denn Marsch, früher Erfolgscoach der New Yorker Bullen, hatte zuvor ein Assistenzjahr bei Ralf Rangnick in Leipzig absolviert - und Salzburgs Fans reagieren inzwischen allergisch auf den aus ihrer Sicht zu langen Arm des Schwesterklubs aus Sachsen. Aber dann lernten sie Marsch kennen: kompetent, immerzu positiv, chronisch gutgläubig - ein Energiemensch, der sogar im Tiefschlaf Bäume ausreißen möchte.

"Jesse war damals in New York unsere beste Verpflichtung", sagt Oliver Mintzlaff, der Leipziger Klubchef, der auch den RB-Standort in den USA managte. In der Heimat galt Marsch bei vielen als übertrieben selbstbewusst. Er selbst reflektiert das so: "Ich habe den Glauben, dass ich der Beste sein kann. Das ist sehr amerikanisch, ein bisschen naiv." Der Salzburger Kapitän Andreas Ulmer, nach elf Jahren beim Verein der Silberrücken im Talentschuppen, sagt über Marsch: "Er ist ein Vorbild für uns mit seiner Art, wie er alle täglich pusht."

Der Motivator nutzt gerne Ami-Sprech: "You have to be online all the time." Oder: "Empty the tank!" Immer Starkstrom, immer alles raushauen. Marsch steht für den Fußball nach Machart von RB, für einen Stil, den er "aggressive by nature" nennt. Und so spielte seine Elf dann auch. Gezogen vom Ausnahmestürmer Haaland, widerlegte sie im Herbst die Skeptiker. Und als Salzburg, zuvor in einer bitteren Lachnummerserie elfmal in der Qualifikation gecrasht, als Neuling dann auch in der Champions League auftrumpfte, da wurde der Trainer durch ein Video bekannt.

0:3 lag RB hinten, beim großen FC Liverpool. Marsch, der in jeder Lebenslage Mut empfiehlt, fegte zur Pause im feinen Zwirn durch die Kabine, er redete alle stark und plärrte vor laufender Kamera des Klubsenders: "Das ist not a fucking Freundschaftsspiel!" Aus 0:3 wurde ein 3:3, und obwohl Salzburg 3:4 verlor, flogen dem Dosenklub viele Sympathien zu. Sogar die Wiener Stürmerikone Hans Krankl zollte Anerkennung: "Dieses Video hätten sie niemals veröffentlichen dürfen - aber es ist großartig. Jesse, you are a fucking great guy!"

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