Radsport Unterschlupf für den uneinsichtigen Ullrich

Jan Ullrich: Zurück im Radsport

(Foto: dpa)

Auch für den ehemaligen Radprofi gilt das Prinzip der Resozialisierung. Doch Ullrich hat seine Vergangenheit nie überzeugend aufgearbeitet - von seinem neuen Engagement geht so ein bedenkliches Signal aus.

Kommentar von Johannes Knuth

Unter den skurrilen Ausreden der Dopingtäter ist die des ehemaligen Radprofis Jan Ullrich noch immer eine der prachtvollsten. Ullrich erfand irgendwann keine abenteuerlich-kreativen Erklärungen mehr, wie jene des Kollegen Christian Henn - dass der Schwiegervater einen Kräutermix empfohlen habe, der die Potenz steigere und wohl leider, leider auch den Testosteronwert in unerlaubte Höhen schraubte ... Nein, viel besser: Ullrich erschuf das Geständnis ohne Geständnis.

"Ich habe in meiner ganzen Karriere niemanden betrogen und kann keinen Fehler eingestehen, wo kein Fehler ist", beteuerte er ausdauernd. Darin war bereits das spätere Geständnis verpackt, dass Ullrich ins Doping getrieben wurde, weil die anderen auch dopten - wie konnte er also jemandem schaden? Als ihn sein damaliges Team feuerte, weil er als Kunde des spanischen Dopingdruiden Eufemiano Fuentes enttarnt worden war, fand Ullrich das natürlich beschämend, "nach allem, was ich für das Team getan habe". Echt mal! Er hatte ja immerhin sein Blut bei Fuentes behandeln lassen, "um für Chancengleichheit" zu sorgen, wie er später sagte. Über so viel Eigeninitiative sollte man als Arbeitgeber doch dankbar sein, oder?

Das ist der historische Rahmen, der sich jetzt um die Meldung spannt, dass Deutschlands einziger Tour-de-France-Sieger aus den dunklen Schatten der Vergangenheit in den professionellen Radsport zurückkehrt. Genug der Buße, so sieht das zumindest Artur Tabat. Er versteht Ullrichs Anstellung als Sportlicher Leiter seines Rennens "Rund um Köln" auch als Freundschaftsdienst, der gefallene Held gehöre "da oben" hin. Gewürzt wurde das Ganze von Tabat mit einer deftigen Prise Verharmlosung für die Betrügereien von einst. Ernsthaft?

Derart viel Kreativität haben ja selbst die alten Recken bei ihren Doping-Ausreden selten aufgebracht: Einen Hauptdarsteller der Fuentes-Affäre in eine Leitungsposition zu heben, der den Radsport mit dieser Affäre in die Krise riss. Während deutsche Fahrer wie Marcel Kittel und John Degenkolb weiter jene Glaubwürdigkeit kitten, die Ullrich damals mit zertrümmerte. Klar, auch für den 43-Jährigen gilt das Prinzip der Resozialisierung. Andererseits gibt er sich bis heute als Opfer unter Tätern. Wofür soll da der Sportliche Leiter Ullrich stehen? Wie man möglichst trickreich mit der vergifteten Vergangenheit umgeht?

So weht mal wieder eine Brise des alten Korpsgeists durch den Radsport, der zwar ausdauernd von einer neuen Generation der Aufrichtigen spricht, in dem aber noch immer Täter von einst Unterschlupf finden. Und der damit auch in jene Zeit zurückspult, die er angeblich längst hinter sich gelassen hat.

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