bedeckt München 22°

Radsport: Team Milram macht dicht:Die große Pfuisportart

Das Publikum und die Beobachter, die Fans an der Strecke, aber auch der Großteil der Medien, sahen erst spät genauer hin. In Deutschland prägte einige Sommer lang die Tour den Sommer, die Urlaubsgestaltung von Familien und das Bild auf den Radwegen. Da waren die Schaufenster der Läden, in denen sonst nur Bayern-München- und Borussia-Dortmund-Shirts hingen, plötzlich voll mit Gelben und Grünen und magentafarbenen Trikots.

Zu lange jubelte das Publikum denen zu, die mit einem irrwitzigen Tempo über irrwitzige Streckenprofile fuhren. Zu lange glaubte es den Unschuldsbeteuerungen der Radprofis, nirgends besser dokumentiert als in der Aussage des früheren ARD-Sportkoordinators Hagen Boßdorf, der in der Affäre um Jan Ullrich solche Sätze absonderte: Wenn die Telekom sagt, es gebe kein Doping, dann gibt es auch für die ARD kein Doping. Und zu lange gab es sich bei positiven Dopingfällen zufrieden mit dem Hinweis, dass seien doch alles Einzeltäter oder die Resultate mysteriöser Ecstasy-Pillen aus der Disco.

Stattdessen waren die Aldags, Ullrichs und Zabels Helden der Landstraße, in Werken wie Pepe Danquarts 2004 gedrehtem Film Höllentour als moderne Gladiatoren in Szene gesetzt. Erst spät, als im Frühjahr 2007 eine riesige Geständniswelle durch den Radsport rollte und selbst die letzten Romantiker nicht mehr anders konnten, entzog das Publikum dem strampelnden Peloton und seinen deutschen Leitfiguren die Gunst. Dann aber richtig.

Die Zuschauer jubelten nun nicht mehr, sondern schimpften auf die Pharmaspiele, ARD und ZDF zogen sich - weitestgehend - aus der aktuellen Berichterstattung zurück und konzentrierten sich auf gute Hintergrundberichte zum Thema Doping. Zur Saison 2008 stieg die Deutsche Telekom aus, zur Saison 2009 Gerolsteiner, beide nach einer Reihe von Dopingskandalen. Der Radsport war nun die große Pfuisportart, und das völlig zu Recht, aber wenn die letzten verbliebenen Radsportfans fragen, warum denn beispielsweise die Leichtathletik mit ihren vielen Dopingfällen in den Öffentlich-Rechtlichen noch immer lange Übertragungsstrecken bekommt, ist das durchaus berechtigt.

Rund um Deutschland boomt's

Der Telekom und Gerolsteiner folgt nun also zum Ende des Jahres 2010 auch das Team Milram - nach zwei weitgehend skandalfreien, aber auch nach zwei sportlich weitgehend unbefriedigenden Jahren. Es klingt wie die völlige Ironie, dass Milrams Erfolglosigkeit nun mit ein Grund fürs abgebrannte Radsportland Deutschland ist. Denn wie, so können Spötter fragen, soll denn Erfolg möglich sein - in einem Fahrerfeld, in dem es angeführt von Lance Armstrong, Alexander Winokurow oder Alberto Contador an überführten, dubiosen oder verdächtigten Sportlern nur so wimmelt? In einer Gruppe von Sportlern, welche die Alpen und Pyrenäen teilweise noch schneller überquert als in der Hochphase des Epo-Dopings? In einer Radsportwelt, über die Kenner wie der frühere Tour-de-France-Sieger Greg LeMond immer noch sagen, es gehe zu wie bei der Mafia?

Außerhalb von Deutschland macht das vielen Fans und vielen Unternehmen nichts aus. Renommierte Konzerne wie Sky und finanzstarke Gruppen aus Osteuropa sind vor kurzem in den Radsportzirkus gestoßen, die Tour-Veranstalter setzen mit der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt geschätzte 100 Millionen Euro um, der Marketing-Direktor reibt sich ob der großen und steigenden Sponsorenzahl die Hände. Das abgebrannte Radsportland Deutschland ist eine ziemlich einsame Insel.

© sueddeutsche.de/mikö/jja

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite