Radsport: Patrik Sinkewitz Zurück im Nest

Doping-Kronzeuge Sinkewitz galt lange als schwer vermittelbar. Jetzt hat er doch wieder ein Profi-Radteam - und scheut weder abfällige Blicke noch Mobbing im Peloton.

Von Andreas Burkert

Am Freitag liegt das wertvolle Papier oben auf seinem Koffer. Patrik Sinkewitz lässt es nicht aus den Augen. Denn bei dem Papier handelt es sich um einen gültigen Arbeitsvertrag mit einem namhaften Profi-Radteam. Sinkewitz ist tatsächlich wieder Profi. "Ist das ein geiles Gefühl!", hatte er abends zuvor seinen Leuten zu Hause in Deutschland per SMS mitgeteilt, den Eltern, der Familie und Freunden wie dem früheren Profi Jörg Ludewig, der den entscheidenden Kontakt zu einem Vermittler hergestellt hatte.

Zurück im Sattel: Patrick Sinkewitz (Mitte) darf am Mittwoch wieder ein Profi-Rennen fahren.

(Foto: ag.ap)

Sinkewitz hatte soeben in Italien beim ProContinental-Rennstall ISD-Neri unterschrieben, bis zum Jahresende gilt der Vertrag zunächst, eine Option fürs nächste Jahr haben aber beide Seiten verabredet. Am Freitagnachmittag sagt Sinkewitz zur SZ: "Es ist wahnsinnig schön gewesen, mal aufzuwachen und zu wissen, weshalb du jetzt trainieren gehst."

Seit vorigem Herbst hat Sinkewitz, 29, nur trainiert daheim in der Rhön. Rennen fuhr er seit Mitte September keine mehr, das Peloton ließ es nicht zu. Nach seinem Positivtest im Juli 2007 hatte sich der Hesse aus Künzell als Kronzeuge zur Verfügung gestellt, er kooperierte mit Behörden und Fahndern. Die Branche schnitt ihn, erst im November 2008 erhielt er beim Drittliga-Team Whirlpool einen Jahresvertrag. Aber der Sponsor der Tschechen reduzierte den Etat. Sinkewitz blieb wieder nur das Training.

Zuletzt, das räumt Patrik Sinkewitz ein, dachte er ernsthaft ans Aufhören. "Ich weiß auch nicht, weshalb ich doch noch dran geglaubt habe."

Sinkewitz soll am Mittwoch bei der stark besetzten Luxemburg-Rundfahrt für ISD debütieren. Einer seiner Gegner wird ein gewisser Lance Armstrong sein, der umstrittene Tour-Champion. "Der kann sich warm anziehen", sagt Sinkewitz und lacht. Aber im Ernst, er scheue keine Begegnung. Sinkewitz meint weniger den sportlichen Disput auf dem Asphalt. Sondern abfällige Blicke, das Mobbing. Er sagt: "Ich hab' vor keinem Angst, ich weiß, was ich gemacht habe, aber ich kann in den Spiegel schauen."

Nestbeschmutzer mit Charakter

Das ist schon eine ungewöhnliche Geschichte, die der Klassiker-Spezialist jetzt erzählen kann. Sein Weg schien ja vorgezeichnet zu sein, trotz des Intermezzos 2009. Als Nestbeschmutzer gelten Fahrer wie er, die es wagen, den Betrug umfassend zu gestehen oder gar Reue zu zeigen. "Ich find's richtig gut und freue mich sehr für ihn", sagt Jörg Jaksche, einer der wenigen, die der Fuentes-Dopingskandal vom Sattel holte, der ebenfalls kooperierte und seine Karriere beenden musste - weil ihn kein Team mehr nahm. Jörg Jaksche, 33, ergänzt: "Ich hoffe, dass Patrik jetzt endlich nicht mehr wie ein Aussätziger behandelt wird."

Angelo Citracca, 41, heißt derjenige, der über den Schatten einer Problemszene sprang. "Ich verspreche mir viel von Patrik", sagt der frühere Profi. Warum er ausgerechnet einen Deutschen holt, den die Kollegen schneiden? Warum nicht, antwortet der Römer, die Saison sei bisher nicht gut verlaufen. "Ich brauche starke Fahrer mit Charakter."

Im Gegensatz zu anderen Interessenten, die Sinkewitz "immer wieder hinhielten und vertrösteten", teils mit abenteuerlichen Argumenten und Ausreden, hielt Citracca letztlich Wort. Fast hätte es schon für den Klassiker in Frankfurt am 1. Mai gereicht, Veranstalter Bernd Moos-Achenbach hatte dem Team "einen Startplatz freigehalten", wie der Sieger von 2007 dankbar berichtet. "Es ist wie im richtigen Leben", sagt Moos-Achenbach am Freitag: "Sogar Gewaltverbrecher kriegen eine zweite Chance, und das gilt auch für ihn, obwohl ich mich damals auch über ihn geärgert habe." Als Sinkewitz ins Netz ging.

Hoch und heilig versprochen

Das werde "ganz sicher" nicht wieder vorkommen, hat Patrik Sinkewitz hoch und heilig versprochen. Italien ist zwar in jeder Beziehung ein heißes Radsportpflaster. Doch San Baronto, das Städtchen zwischen Pisa und Florenz, wo ISD eine Appartement-Anlage unterhält, soll einzig sein Ausgangspunkt für Trainingsfahrten sein. Bekanntester Fahrer des Teams, das von einem ukrainischen Stahlhersteller gesponsert wird, ist der Italiener Giovanni Visconti.

Als Star des Teams gilt aber wohl der frühere Topsprinter Mario Cipollini, den ISD als PR-Manager führt. "Das ist ein richtig gutes Profiteam, mit guter Organisation und gutem Material", sagt Sinkewitz, auf den jetzt Rennen wie die Österreich- und Polen-Rundfahrt sowie das prestigeträchtige italienische Herbstprogramm samt der Lombardei-Rundfahrt warten.

Sinkewitz ist guter Dinge, gleich wieder mithalten zu können wie schon im Vorjahr, als er eine Etappe in Portugal gewann und die nationale Konkurrenz als Gesamtsieger der Sachsen-Rundfahrt düpierte. 25000einsame Trainingskilometer hat er hinter sich. Aber seine größte Leistung sei wohl etwas Anderes gewesen, glaubt er : "Dass ich immer daran geglaubt habe und nicht aufgegeben habe, darauf bin ich stolz." Andreas Burkert

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