Radsport:Nerz ist Edelhelfer des späteren Tour-de-France-Siegers Nibali

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Heute gerät er schon an seine körperlichen Grenzen, wenn er sich nur bewegt. Er soll sanft Sport treiben, das raten ihm die Ärzte. Er probiert viel Neues aus, "aber im Moment bringt mich schon zügiges Spazieren außer Atem". Und Radfahren? Auf dem Rennrad sitzt er überhaupt nicht mehr. Vor allem an den schlechteren Tagen kommt er nicht einmal auf die Idee. An seinen besseren Tagen schnappt er sich ein Mountainbike, "weil mein Körper nach Bewegung schreit". Er fährt dann wie ein Einsteiger.

Ganz gemächlich.

Mit dem Training früherer Tage hat das alles nichts mehr zu tun. In seinen besten Zeiten verbrachte er bis zu 30 Stunden in der Woche auf dem Rad und legte 600 Kilometer zurück. Nerz war in der deutschen Öffentlichkeit kaum bekannt, wohl aber in der internationalen Radszene. Er galt als der beste deutsche Allrounder, der einzige, der sich auch mal bei der Tour hervortun könnte. Er gehörte unter anderem beim italienischem Team Liquigas zu den Edelhelfern des späteren Tour-de-France-Siegers Vincenzo Nibali aus Italien. Nerz wollte aber kein Wasserträger bleiben, er strebte nach Höherem und schloss sich dem US-Team BMC an, als Kapitän beendete er 2013 die Vuelta auf dem 14. Rang.

"Ich freue mich auf die Zukunft"

Ralph Denk holte Nerz dann 2015 zu Bora, der deutschen Mannschaft aus dem oberbayerischen Raubling. "Dominik war mein Wunschkandidat", erklärt der Teamchef, er sei stark im Kopf gewesen, habe außergewöhnliche Fähigkeiten gehabt. Mit ihm als Galionsfigur wollte Denk die mehrtägigen Rundfahrten hierzulande wieder zum Publikumserfolg machen. Denn gute Eintagesfahrer gibt es genügend in Deutschland. Die Sprinter Marcel Kittel und André Greipel zum Beispiel, den Klassiker-Spezialisten John Degenkolb oder den viermaligen Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin. Aber ein erstklassiger Klassementfahrer fehlt, diesen Platz sollte Dominik Nerz einnehmen.

Nerz lebt am Bodensee, bei Kreuzlingen in der Schweiz. Natürlich holen ihn die Gedanken an das alte Leben im neuen Leben manchmal ein. Aber er will nicht mehr zurückblicken, er sei ein handlungsfähiger Mensch, sagt er mit fester Stimme: "Ich freue mich auf die Zukunft. Ich habe viele Ideen im Kopf."

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