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Giro-Sieger Carapaz:Der Helfer fährt den Favoriten davon

Bild mit Symbolkraft: Richard Carapaz (vorne) fährt Vincenzo Nibali davon.

(Foto: AP)
  • Als erster Ecuadorianer gewinnt Richard Carapaz den Giro d'Italia.
  • Ins Rennen gegangen war er eigentlich als Edelhelfer seines Teamkollegen Mikel Landa.
  • Carapaz' Gegner Vincenzo Nibali und Primoz Roglic nahmen ihn erst zu spät ernst.

Auf der 14. Etappe war es, im Anstieg zum Colle San Carlo, als Richard Carapaz das erste Mal richtig losfuhr. Es war noch weit bis zum Ziel, fast 30 Kilometer, noch zwei Berge ging es hoch bei diesem schweren Abschnitt des Giro d'Italia, aber dem Ecuadorianer machte das nichts. Er trat an, die Gesamtsieg-Anwärter Vincenzo Nibali und Primoz Roglic schienen sich mehr aufeinander zu konzentrieren denn auf den Ausreißer, und im Ziel war Carapaz' Vorsprung schließlich so groß, dass er sogar ins rosafarbene Spitzenreiter-Trikot schlüpfte.

Es war ein Tag, nach dem das Gros im Peloton noch glaubte, es handele sich um eine vorübergehende Erscheinung. Stattdessen erwies sich die 14. Etappe als eine, die die Kräfteverhältnisse der Rundfahrt treffend widerspiegelte. Denn auch auf den schweren Bergklettereien danach erwies sich Carapaz als stärkster Fahrer. Und weil er im abschließenden Zeitfahren am Sonntag nur zirka 50 Sekunden auf die ärgsten Verfolger verlor, verteidigte er Platz eins in der Gesamtwertung - und triumphierte als erster Radprofi aus Ecuador bei einer der drei großen Landesrundfahrten. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Das sind einzigartige Gefühle. Für mich ist das der größte Triumph, den ich in meinem Leben erreichen kann", sagte Carapaz.

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Die Branche erzählt sich nun ganz aufgeregt ein paar nette Anekdoten aus der Biografie des 26-Jährigen, der so überraschend in den Fokus des Radsports fuhr. Auf einem Bauernhof in den Anden wuchs Carapaz auf, in einem kleinen Dorf der Provinz Carchi im ecuadorianisch-kolumbianischen Grenzgebiet. Im frühen Teenager-Alter musste er dort kräftig mithelfen, insbesondere als die Mutter vorübergehend an Brustkrebs erkrankte, wie er kürzlich der NZZ berichtete. Morgens Kühe melken, danach in die Schule, am Nachmittag Training, schließlich die Tiere füttern, so sah sein Tagesablauf aus.

Das erste Fahrrad wurde Carapaz gestohlen, und seitdem er 15 Jahre alt war, habe er den Traum gehabt, Radprofi zu werden. Da zog es ihn aus Ecuador, wo Radprofis eine rare Spezies sind, ins Nachbarland Kolumbien, wo es traditionell viele Talente und eine große Radsport-Infrastruktur gibt. "Ich liebe mein Land, aber es ist leider sehr fußballfokussiert. Du bekommst nur die nötige Hilfe, wenn du dich für diesen Sport entscheidest", sagte er mal: "Es in die World Tour zu schaffen, ist in einem Land wie Ecuador extrem schwierig."

Ins Rennen gegangen war er als Edelhelfer

Spätestens 2015 wusste Carapaz allerdings, dass es mit dem Radprofi-Traum etwas werden könnte: Da gewann er in Kolumbien die wichtige Nachwuchs-Rundfahrt Vuelta de la Juventud - vor all den vielen Talenten des Ausrichter-Landes. Kurz nach seinem Sieg verpflichtete ihn Movistar, seine Trainingssteuerung übernahm Iosune Murillo, die einzige Trainerin in der Weltspitze des Radsports. Seitdem näherte sich Carapaz kontinuierlich der Spitze an: Zwei Mal war er bei der Asturien-Rundfahrt erfolgreich, schon im Vorjahr reichte es beim Giro für einen Etappensieg und Platz vier in der Endabrechnung. Und doch kam es überraschend, dass er diesmal so stark auftrumpfte. Ins Rennen gegangen war er eigentlich als Edelhelfer seines Teamkollegen Mikel Landa. Aber weil beide in den Anfangstagen aufgrund von Stürzen und Defekten Zeit verloren, entwickelte sich das Rennen völlig anders.

Die Geschichte von Carapaz ist nun nicht nur für den Fahrer und für Ecuador etwas Besonderes, sondern auch für seine Mannschaft, das affärenumrankte Team Movistar. Seit Ewigkeiten hat dort der Generalmanager Eusebio Unzué das Sagen, seit 39 Jahren ist er schon im Team und hat in dieser Zeit diverse Sponsorenwechsel und noch mehr Dopingfälle Kommen und Gehen gesehen. Fast schon verzweifelt wirkte in den Vorjahren sein Versuch, beim Jahres-Höhepunkt, der Tour de France, die ewige Herrschaft des britischen Teams Sky (seit Mai Ineos) zu beenden. Mit Solo-, Doppel- und gar Dreierspitzen probierte es Movistar schon, was zwar für diverse Podiumsränge, aber nie für den Gesamtsieg reichte - manch eigenwilliger strategischer Entscheid trug seinen Teil bei. Und auch bei den beiden nächstwichtigen Rundfahrten landete in den vergangenen fünf Jahren nur einmal ein Movistar-Vertreter ganz oben: der Kolumbianer Nairo Quintana bei der Vuelta durch Spanien 2016.

Von daher erhofft sich das Team nun Aufwind für den Sommer. Parallel zu Carapaz' Auftritten meldete sich schon Quintana zu Wort. Er sei bei der Tour de France der klare Kapitän, das habe ihm der Teamchef mitgeteilt, und er fühle sich so gut vorbereitet wie noch nie. Aber sein Auftreten in den Vorjahren lässt auch Zweifel aufkommen, ob er wirklich dazu in der Lage ist, als oberster Gegenspieler des Ineos-Duos Geraint Thomas und Christopher Froome zu agieren. Womöglich muss Carapaz bald auch diese Rolle übernehmen - wenn er bei Movistar bleibt. Sein Vertrag läuft zum Jahresende aus.

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