Premier League Arsenal feiert einen "großartigen Tag"

Mesut Özil nach seinem 3:0 gegen Chelsea.

(Foto: Getty Images)
Von Raphael Honigstein, London

Zu seinem Amtsantritt beim FC Arsenal im September 1996 schrieb der Guardian, Arsène Wenger wirke wie ein "aus Liegestuhl-Brettern zusammengenagelter Mann". Am Samstagabend aber saß der lange, hagere Fußballprofessor aus dem Elsass sehr breit und majestätisch auf dem Presspodest, befreit vom Klub-Sakko und all den Misserfolgen gegen die blauen Stadtrivalen des FC Chelsea in der jüngeren Vergangenheit, mit seitlich weit ausgestreckten Armen und einem spitzbübischen Lächeln im Gesicht - eine schneeweiße Pyramide des Glücks, verziert mit roter Krawatte als Ausrufezeichen: "Es gibt Momente im Leben eines Trainers, da weißt du: Heute ist ein großartiger Tag," sagte der 66-Jährige feierlich.

3:0 (3:0) hatten seine Gunners soeben Chelsea im Londoner Derby aus dem Emirates-Stadion geschossen, in einem "fast perfekten Spiel voller Stil, Geschwindigkeit und Bewegung", wie Wenger korrekt lobte. Der 20. Jahrestag seiner Ankunft in Nord-London geriet unerwartet zur rauschenden Ballnacht: "ein fröhlicher Jubiläumswalzer" (Sunday Times), bei dem die Gäste aus dem Südwesten der Hauptstadt artig das Parkett für die Pirouetten frei machten. Alexis Sanchez (11.), Theo Walcott (14.) und der tänzerisch-traumhaft kreiselnde Mesut Özil (40.) besiegelten frühzeitig Wengers bisher höchsten Sieg über den Angstgegner Chelsea.

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Seit seine Invincibles, die Unbesiegbaren, 2004 die Meisterschaft gewannen, hatte der Franzose den Klub von Rohstoff-Milliardär Roman Abramowitsch bis zum Triumph am Samstag in 24 Ligaspielen nur vier Mal besiegen können. Der selbsterklärte "Vermittler des Schönen im Menschen", wie Wenger seine Rolle als Trainer unlängst im Fachblatt L'Équipe definiert hatte, verzweifelte immer wieder am vergleichsweise hässlichen Realo-Fußball, den das finanziell besser gestellte Chelsea-Team von der Fulham Road unter José Mourinho und zahlreichen anderen Trainern in der Regel servierte.

Kollege Antonio Conte muss schnellstens Ordnung in sein lustloses, konfuses Team bringen

Jahr für Jahr lagen die ergebnisorientierten, zynisch-störrischen Blues dem Nord-Londoner Kreativ-Ensemble wie ein Nagelgürtel im Weg: "Wir mussten uns diesen unangenehmen Fakten stellen", sagte Wenger nun über die psychologische Dimension der Negativserie, "es ging heute darum, diese Dinge aus dem Kopf zu bekommen und uns auf die Qualität unseres Fußballs zu konzentrieren." Das gelang - gegen eine stümperhaft organisierte Chelsea-Abwehr - viel besser, als es sich die treuesten Wenger-Sympathisanten erhofft hatten.

Die meisten der Geschichten, die auf der Insel anlässlich von Wengers zwei Jahrzehnten auf der Arsenal-Bank erzählt wurden, lasen sich wie recht traurige Abgesänge, wie Nachrufe auf einen einstigen Revolutionär und Erneuerer, der in der zweiten Hälfte seiner Schaffensperiode von jüngeren, taktisch versierteren Kollegen abgehängt worden ist. Nicht wenige Beobachter rechneten vor dem ersten Duell gegen den neuen Chelsea-Trainer Antonio Conte mit einer Bestätigung dieser These, Wenger sei ein Mann von gestern, dem es als Alleinherrscher bei Arsenal ein wenig zu bequem geworden ist. Selbst im kompetenzarmen Klub-Vorstand ist der Wunsch nach Veränderung zart gewachsen, eine Verlängerung seines 2017 auslaufenden Vertrages gilt nicht mehr als Formalität.

Umso größer wog bei Wenger die Zufriedenheit über einen historischen Sieg, der ihn zurück in die Zukunft holte. Mit fünf Punkten Rückstand auf Tabellenführer Manchester City sind die Kanoniere in dieser Verfassung ernstzunehmende Verfolger. Der Trainer blies zur Jagd: "Ich bin heute noch erfolgshungriger als vor 20 Jahren, weil ich weiß, dass ich nicht mehr 20 Jahre vor mir habe", sagte Wenger.

Contes Zukunft bei Chelsea wird eher in Tagen zu bemessen sein, wenn der 47-Jährige nicht schnellstens Ordnung in seinen konfusen, lustlosen Haufen bekommt. Die zweite Niederlage im zweiten Spitzenspiel - nach dem 1:2 zu Hause gegen Liverpool - ließ ihn nur mühsam die Beherrschung wahren. Contes Blick ging beschämt zu Boden, als er über die unerklärliche Lethargie seiner Leute "von der ersten bis zur letzten Minute" referierte. Dann richtete er sich aggressiv auf und befand, Chelsea sei "nur auf dem Papier ein großes Team".

Conte wollte seinen Unmut aber nicht auf die schockierend schwache Defensive beschränken, in der Rückkehrer David Luiz und der englische Nationalspieler Gary Cahill sich in Unzulänglichkeiten übertrafen: "Wir alle sind verantwortlich", warnte er. Chelseas Klubführung ist da wohl mit eingenommen: Sie hat dem Italiener für 138 Millionen Euro Spieler gekauft, die er dem Vernehmen nach nicht unbedingt haben wollte. Das kann Wenger nicht passieren. Nur er entscheidet bei Arsenal über das Kommen und Gehen im Kader - und wenn er die Schönheit weiter so hübsch vermittelt bekommt, wird er wohl auch noch ein Weilchen sitzen bleiben.

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