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Polen - Senegal:Die Löwen von Teranga

Poland v Senegal: Group H - 2018 FIFA World Cup Russia

Krönung eines Alptraumtags: Polens Torwart Wojciech Szczesny (rechts) kommt gegen Mbaye Niang zu spät und ermöglicht das 0:2.

(Foto: Laurence Griffiths/Getty)

Es war bisher keine gute WM für Afrika, doch der Senegal schafft mit kuriosen Toren beim 2:1 gegen Polen den ersten Sieg für den Kontinent.

Das Spiel zwischen Polen und dem Senegal begann mit einer warmherzigen Geste: Als die Nationalhymne der Westafrikaner erklang, spendeten die polnischen Zuschauer lebhaft Applaus, anstatt, wie es oft Sitte ist, zu pfeifen. Das fiel deshalb besonders auf, weil fast das gesamte Spartak-Stadion mit Zuschauern in Rot und Weiß besetzt war. Die Fanrivalität zwischen Polen und dem Senegal ist historisch nicht sehr ausgeprägt, was unter anderem daran liegt, dass erst zum zweiten Mal überhaupt ein senegalesisches Team bei einer Weltmeisterschaft dabei ist, auf die Polen traf man dabei noch nie. Wohlwollende Stimmung also in diesem europäisch-afrikanischen Duell in der Vorrundengruppe H. Jedenfalls, bevor es losging.

Aber als dann in der 7. Minute M'Baye Niang, der linke Flügelstürmer vom FC Turin, zum ersten Eckball für Senegal schritt, da wurde er schon wieder so leidenschaftlich und laut ausgebuht, dass man sich um die Wettkampfhärte des polnischen Publikums keine Sorgen machen musste. Und spätestens, nachdem Grzegorz Krychowiak in der neutralen Zone gleich zwei Senegalesen mit beherzten Grätschen niedergemäht hatte, war Musik im Spiel. Und zwar im Wortsinne. Da erwies sich nämlich, dass sich keineswegs nur Polen im Stadion eingefunden hatten - in einer Ecke neben der Haupttribüne begannen die afrikanischen Fans ihre Trommeln zu trommeln und mit ihren Trompeten zu trompeten und bestimmten ab jetzt den Soundtrack dieses Moskauer Spätnachmittags.

Und, man kann es kurz machen: Die Senegalesen musizierten bis zum Schluss durch. Denn ihre Mannschaft gewann dieses Spiel gegen Polen, welches im Tableau die Runde der ersten Gruppenduelle abschloss, mit 2:1 (1:0). Die Polen hingegen verstummten spätestens in der 60. Minute. Denn da folgte auf ein sehr kurioses 0:1 ein noch viel kurioseres 0:2.

Es war bisher keine so gute WM gewesen für Afrika, alle anderen Teilnehmer des Kontinents hatten zum Auftakt verloren: Tunesien mit 1:2 gegen England, Nigeria mit 0:2 gegen Kroatien, Marokko mit 0:1 gegen Iran und Ägypten mit 0:1 gegen Uruguay. Den Senegal hatten Kenner des afrikanischen Fußballs diesmal aber von Anfang an am stärksten eingeschätzt, und das nicht nur, weil Aliou Cissé, der 42-jährige Trainer, wie vielleicht kein Zweiter auf dieser Welt Rastalocken mit Anzügen vom Herrenschneider zu kombinieren versteht. Auch seine "Löwen von Teranga" vereinen das Beste aus verschiedenen Welten: Tempo und Athletik auf der einen Seite und taktische Reife auf der anderen, erlernt in den europäischen Top-Ligen und vorgelebt vor allem von Kapitän Sadio Mané vom Champions-League-Finalisten FC Liverpool. Der Traum ist nicht verwegen, es jener Elf von 2002 nachzumachen, die in Japan und Südkorea - mit dem heutigen Nationalcoach in einer Hauptrolle - in der Gruppenphase den damaligen Weltmeister Frankreich schlug, die K.o.-Runde erreichte, dort gegen Schweden gewann - und erst im Viertelfinale gegen die Türkei ausschied.

Das Team von Adam Nawalka hingegen, in dem der Stürmer Robert Lewandowski vom FC Bayern München jener Mann ist, auf dem alle Hoffnungen ruhen, hat jetzt erst mal dieses ziemlich verkorkste Spiel zu verarbeiten, gewissermaßen eines der Sorte Polen, Pech und Pannen.

Das 0:1 (37. Minute): Niang hatte auf dem linken Flügel den Ball behauptet, Mané leitete ihn weiter zu Idrissa Gueye, der brachte einen Schuss auf den Weg, den der polnische Torhüter Wojciech Szczesny bestimmt locker pariert hätte - hätte ihn Thiago Cionek nicht gegen seine Laufrichtung abfälscht. So hoppelte er ins Tor.

Und dann noch dieses 0:2: Grzegorz Krychowiak, der einen hohen Rückpass hinter die eigenen Linien schlägt, Niang, der den Ball erwischt, ehe der herausstürmende Torwart Szczesny zu Stelle ist - und ihn nur noch ins leere Tor schieben muss.

Robert Lewandowski? Gab sich wirklich Mühe. In der 49. Minute zum Beispiel lief er sehr vielversprechend und mit Tempo aufs senegalesische Tor zu, aber der Abwehrspieler Salif Sané, bekannt als Abräumer von Hannover 96, stellte ihm hinterhältig ein Bein, sah zwar Gelb - doch die Gelegenheit für den Polen war hinüber. Den fälligen Freistoß nahm sich wieder Lewandowski - drüber. Es fehlte aber nicht nur das Glück beim Abschluss. Ähnlich wie das Spiel der Argentinier ganz auf Lionel Messi zugeschnitten ist, so richten die Polen ihre Taktik ganz auf Lewandowski aus, ein 4-2-3-1, in dem Lewandowski als Vollstrecker vorgesehen ist. Doch eine solche Abhängigkeit kann Segen und Fluch sein. In der 86. Minute gelang den Polen immerhin noch der Anschlusstreffer: Krychowiak per Kopfball nach einem weiten Freistoß. Unter anderen Umständen hätte man da wohl gesagt: Er machte seinen Fehler wieder gut. Aber es blieb dabei, am Ende trommelten nur noch die Senegalesen.

"Ganz Afrika unterstützt uns. Sie sind stolz auf uns, und wir sind stolz", sagte Trainer Cisse. "Wir haben ein großartiges Spiel gemacht. Wir verdienen das Glück", sagte der zum besten Spieler der Partie gewählte Niang.

© SZ vom 20.06.2018
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