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Tour de France:Tadej Pogacar ist jetzt ein funkelnder Radfahrer

Der Sensationssieger der Frankreich-Rundfahrt verkörpert mit seinem Ehrgeiz den Jugendtrend im Radsport. Aber wie nachhaltig und vor allem glaubhaft ist er?

Von Johannes Knuth

In den vergangenen Tagen haben sie sich bei der Tour de France immer häufiger dieselbe, erstaunliche Anekdote erzählt, aus gegebenem Anlass: Andrej Hauptmann, ein einstiger slowenischer Radprofi und heutiger Trainer, wohnte vor zehn Jahren einem Jugendrennen in der Heimat bei. Was es eigentlich mit diesem schmächtigen Elfjährigen auf sich habe, fragte er die Umstehenden - der strampele ja hoffnungslos hinterher! Ach wo, hieß es, dieser Tadej Pogacar sei dem Feld nur schon beim Start davongeprescht. Jetzt sei er kurz davor, die Abgehängten zu überrunden.

Die Tour de France ist das größte und härteste Radrennen der Welt, nirgendwo sind die Anstiege und Abgründe so gewaltig - wie die Berge, in denen die Fahrer seit 117 Jahren dem Ruhm hinterherklettern. Die diesjährige Auflage, die corona-bedingt erst Ende August begann, galt als schwerste seit Langem, allein 57 000 Höhenmeter verteilten sich auf 3480 Kilometer.

Auf der vorletzten Prüfung am Samstag wartete noch ein fieses Einzelzeitfahren mit einer sechs Kilometer langen Rampe in den Vogesen, nichts für Anfänger - aber dann kam dort alles ganz anders: Tadej Pogacar, der mittlerweile 21 Jahre alte Slowene, entriss Landsmann Primoz Roglic, 29, den bereits sicher geglaubten Gesamtsieg - bei seiner allerersten Tour. "Mein Traum als Kind war immer, hier dabei zu sein", sagte Pogacar: "Jetzt bin ich der Sieger." Auf der finalen Etappe am Sonntag wurde der Führende ja traditionell nicht mehr attackiert.

Pogacar war, so abgedroschen es auch klingt, seiner Zeit schon immer voraus. Er habe stets seinem zwei Jahre älteren Bruder nachgeeifert, hat er einmal erzählt, und er tat das so, wie jüngere Geschwister das nun mal handhaben: gespeist vom Ehrgeiz, den Älteren zu übertreffen. Nachdem Hauptmann ihn entdeckt hatte, förderte und forderte er ihn, Pogacar gewann bald die prestigeträchtigsten Nachwuchspreise. Als er 2019 bei der Kalifornien-Rundfahrt reüssierte, war er mit 20 Jahren noch zu jung, um auf dem Podium Champagner kosten zu dürfen. Er könne das Staunen schon verstehen, sagte Pogacar damals höflich, aber er kniete sich ja schon seit zehn Jahren in seinen Sport. Ein Leben im Zeichen des Rades. Extravagante Hobbys? Starallüren? Fehlanzeige.

Pogacar ist damit längst nicht mehr allein: Früher wurde der Nachwuchs erst in den Profiteams mit fortgeschrittenen Methoden konfrontiert - wobei sich das auch und vor allem auf chemische Nachhilfen konzentrierte. Wenn man Trainer und Fahrer heute fragt, sagen sie unisono, dass die - natürlich völlig legale - Professionalisierung längst das Jugendsegment erfasst habe. Kleine Computer am Rad erfassen von jedem Training gewaltige Datensätze, diese werden von Spezialisten analysiert; Ernährungsberater und Materialtüftler sind allgegenwärtig.

Früher kamen also viele Rohdiamanten aus der Jugend, die erst später geschliffen wurden, heute sind viele Newcomer schon funkelnde Rundfahrer. Und die agieren frech, oft ein bisschen zu frech, finden manche Veteranen. Pogacar, das bewies er bei dieser Tour, hat sich seinen kindlichen Angriffsgeist jedenfalls bewahrt. Jünger als er war dort bislang nur ein Sieger, der 19-jährige Henri Cornet. Das war 1904.

Ob dieser Jugenddrang nachhaltig ist? Und vor allem: glaubhaft? Pogacar ist nie etwas nachgewiesen worden, aber seine Mentoren haben, gelinde gesagt, nicht den besten Leumund. Andrej Hauptmann wurde einst gesperrt, weil seine Vitalwerte Blutdoping nahelegten; Mauro Gianetti und Matxin Fernandez, die Lenker von Pogacars Rad-Equipe, machten Karrieren in Teams, die oft Dopingfälle hervorspülten. Die neue Generation zertrümmerte auch bei dieser Tour viele Rekorde aus nachweislich dopingverseuchten Zeiten, während viele Anti-Doping-Netze noch immer besonders löchrig sind. Ob diese erstaunliche Tour allein mit früherer Spezialisierung erklärbar ist? Das weiß nur Tadej Pogacar selbst.

© SZ vom 21.09.2020/jbe

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