Interview mit Philipp Galewski:"Ich schwelge nicht in Fantasien"

Lesezeit: 8 min

Philipp Galewski, Geschäftsführer der Bamberger Basketballer, erklärt, warum die großen Zeiten in der Euroleague weit weg sind, was sich nach einer durchwachsenen Saison ändern muss und warum er am Trainer festhält.

Von Ralf Tögel

Eines will Philipp Galewski gar nicht hören: Dass er mittelfränkischer Meister im Zehnkampf war. Schließlich spreche man gleich über absoluten Spitzensport, da habe so etwas amateurhaftes nichts verloren. Nun ja, der 34-Jährge wirkt jedenfalls immer noch fit. Galewski hat Sportökonomie in Bayreuth studiert, war Geschäftsführer der Bayreuther Basketballer, zuletzt persönlicher Referent von Michael Stoschek, dem Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung der Brose Unternehmensgruppe. Weil der auch Aufsichtsratschef der Bamberger Basketballer ist, hat er ihn zu diesen beordert, um den Klub wieder nach vorne zu bringen. Nach einer durchwachsenen ersten Saison erklärt Galewski im Gespräch mit der SZ wie er das tun will.

SZ: Der achte Platz in der vergangenen Saison ging klar am ausgegebenen Ziel vorbei, können Sie da zufrieden sein?

Philipp Galewski: Natürlich nicht, aber ich würde sagen, es war eine durchwachsene Saison. In der Champions League haben wir sehr ansehnliche Ergebnisse geliefert, die Finalrunde aber nicht geschafft. Aber da war viel Pech dabei.

Inwiefern?

Uns wurde ein Heimspiel weggenommen, das wir in Bosnien-Herzegowina spielen mussten. Es wäre trotzdem mehr möglich gewesen, wir haben den türkischen Finalisten Karsiyaka zweimal geschlagen und den Dritten Saragossa aus der eigenen Halle geschossen. Daran sieht man, dass wir durchaus auf Topniveau in der Champions League mitspielen können.

In der Basketball-Bundesliga (BBL) lief es nicht besonders.

Wir haben sechs, sieben Niederlagen zu viel auf dem Konto und die nicht gegen Topteams. Warum, kann ich nicht sagen, wir waren danach extrem ratlos.

Liegt es am hohen Niveau in der BBL?

Ich denke ja, da darf man keinen schlechten Tag haben, sonst lässt man Federn.

Und dann gab es auch noch Derby-Niederlagen, waren diese besonders schmerzhaft?

Für mich ist jede Niederlage schlimm, wenigstens musste man sich in dieser Saison in den Auswärtshallen nicht ganz so viel anhören. Und wenn du zu Hause gegen Bayreuth verlierst, bist du froh, dass keine Fans da sind. Gerade dieses Bayreuth-Spiel war grottenschlecht, in Würzburg haben wir gut losgelegt, aber auch verloren.

Auffallend waren die großen Leistungsschwankungen, wie erklären Sie die?

Das ist schwer zu erklären, gerade nach richtig guten Auftritten in der Champions League gab es Spiele wie gegen Chemnitz oder gleich zu Beginn gegen Hamburg, da haben wir die ganze Zeit geführt und waren dann in der entscheidenden Phase zu nachlässig. Diese Diskrepanz hat uns überhaupt nicht gefallen.

Kommen dann Rückmeldungen aus der oberen Etage?

Die brauche ich nicht, um zu wissen: Das war Mist.

Taugt die Corona-Problematik als Erklärung?

Man muss das schon richtig einordnen, wir hatten einen wahnsinnig komprimierten Terminplan, das verstehen viele nicht. Mindestens zwei, manchmal drei Spiele pro Woche, oft ohne Pause. Das ist nicht nur eine körperliche sondern auch eine psychische Sache, das haben wir nicht hinbekommen. Wir waren ja eines von lediglich vier BBL-Teams, die international gespielt haben.

Die Ursache für die vielen Verletzten?

Ja, der enge Bundesliga-Spielplan, dazwischen Champions League und dann auch noch zwei sinnlose Termine mit der Nationalmannschaft, das hat uns massiv geschadet. Unser Starting Point Guard Tyler Larson ist die halbe Saison ausgefallen. Es wird deshalb nun interessant zu sehen, was in einer relativ normalen Saison möglich sein wird.

Es gab neben Larson einige andere hochkarätige ausländische Spieler, wie zufrieden waren sie mit denen?

Unsere Importspieler haben in der Champions League extrem gut performt, in der BBL nicht.

Dann waren es die falschen?

Das glaube ich nicht, nehmen wir zum Beispiel Chase Fieler. Er hat in Ländern gespielt, in denen der nationale Wettbewerb nicht das Niveau hat wie hier. In der BBL ist die Leistungsdichte einfach viel größer, da musst du auch national immer voll da sein.

Legen Sie deshalb für die kommende Saison so viel Wert auf deutsche Spieler?

Man hat gesehen, dass gerade sie uns durch die Playoffs getragen haben.

Dort hätten Sie fast den Vorrundenersten Ludwigsburg aus dem Wettbewerb gekegelt, haben Sie diese Leistungen versöhnt?

Sehr, auch unsere Fans haben das honoriert. Was die veranstaltet haben, war sensationell, sie standen vor den Heimspielen mit Trommeln vor der Halle, um die Mannschaft anzufeuern. Als wir nach der dritten Viertelfinalniederlage an einem Donnerstag mitten in der Nacht im Trainingszentrum in Strullendorf angekommen sind, war der Parkplatz rot erleuchtet, 50 Fans haben die Mannschaft mit Bengalos und Fahnen gefeiert. Das war schon Gänsehaut-Atmosphäre.

Wieder mal ein bisschen Freak City?

Absolut, das macht uns aus, sobald die Fans realisiert haben, dass die Mannschaft kämpft, sind sie voll da.

Wird das Verfehlen des Ziels Auswirkungen auf den Etat haben, der lag bei neun Millionen Euro?

Ich denke, wir werden uns in einer ähnlichen Größenordnung wie vergangene Saison bewegen. Seriös kann ich das aber noch nicht sagen, es kommt auf die Zuschauer-Situation an.

Und wie lautet das Ziel?

Wir wollen unter die Top Vier. Ich denke, dass sich fünf, sechs Teams auf einem ähnlichen Niveau bewegen, damit meine ich aber nicht Berlin und München. Die sind zu weit weg.

Und Sie glauben, dieses Mal klappt es?

Soll ich sagen, wir wollen in die Playoffs und dann schauen, was geht? Das ist nicht unser Anspruch. Wir sind ein Standort mit extrem erfolgreicher Historie, daran wollen wir auch anknüpfen.

Dafür wird nun eine Mannschaft gebaut, wer baut mit?

Unser Trainer Johan Roijakkers hat eine Budgetvorgabe, er sucht die passenden Kandidaten aus, holt sich Meinungen ein.

Wo holt er die ein?

Aus internen Quellen wie Aufsichtsratsmitglied Carl Steiner, von Scouts, und externen Quellen, wie ehemaligen Mannschaftskollegen oder Trainern. Man versucht so, ein möglichst genaues Bild von dem Spieler zu bekommen.

Und der Geschäftsführer?

Ich bin auch eingebunden, oft sind ja Spieler dabei, die ich selbst kenne. Aktuell sind es drei, die ich vor drei Jahren noch für Bayreuth mit Trainer Raoul Korner in der Summer League gesehen habe. Die Toptalente fallen auf, man verfolgt ihren Werdegang, dann muss man sehen, ob einer ins Budget passt, dann wird er dem Aufsichtsrat vorgestellt und dann gibt es das Go.

Also entscheidet letztlich doch Michael Stoschek, der Vorsitzende des Aufsichtsrats?

Nein. Der gesamte Aufsichtsrat berät sich und kommt zu einem gemeinsamen Urteil.

Auffallend ist am neuen Kader, dass alle Ausländer ausgetauscht wurden.

Der Fokus lag wie gesagt auf deutschen Spielern, wir haben ein wahnsinnig gutes deutsches Korsett.

Warum wurde dann Bennet Hundt nicht gehalten, er spielte starke Playoffs?

Hätten wir gerne, weil wir wissen wo seine Stärken liegen, dass er noch Potenzial hat und die Bamberger Tugend gut verkörpert, er gibt immer 120 Prozent. Aber er hat sich anders entschieden.

Lag es am Geld?

Er hat in Oldenburg ein gutes Angebot bekommen, auch finanziell denke ich, und einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Wir wollten ihn nicht auf Teufel komm raus halten.

Nochmal, warum mussten alle ausländischen Spieler gehen?

Devon Hall hätten wir furchtbar gerne gehalten, er war unser bester Spieler. David Kravish auch, beide hatten jedoch weitaus bessere Angebote vorliegen. Nehmen Sie Devon Hall, der spielt jetzt in Mailand Euroleague.

Und die anderen?

Das sind immer Einzelfallentscheidungen. Fieler zum Beispiel, ein guter Spieler, aber Christian Sengfelder hat eine überragende Saison gespielt, da passt die Konstellation einfach nicht. Andere Spieler sind hinter den Erwartungen geblieben.

Zum Beispiel?

Larson war sehr lange verletzt, das Risiko wollten wir nicht eingehen. Von Michele Vitali habe ich mir konstantere Leistungen erwartet. Er ist ein super Typ, hat wahnsinnig gut in die Mannschaft gepasst. Auch das war eine finanzielle Entscheidung.

Also drücken Sie doch wieder den Reset-Knopf?

Nein, denn wir haben mit Kenneth Ogbe, Sengfelder und Dominic Lockhart drei absolute Leistungsträger gehalten. Viele Teams haben ja die Strategie, mehr auf deutsche Spieler zu setzen. Wir haben das schon in der vergangenen Saison gemacht. Und bis auf Patrick Heckmann sind alle klar unter 30, alle spielen auf hohem Level und bieten ein hohes Identifikationspotenzial.

In der BBL müssen sechs Deutsche im Kader stehen, viele sagen, auf diesen Positionen wird die Meisterschaft entschieden, sehen Sie das auch so?

Deshalb ist es so wichtig, einen starken deutschen Kern zu haben. Da geht die Reise hin, man überlegt zweimal, ob man einen Importspieler mehr holt, auch weil die Identifikation extrem wichtig ist. Ich war überrascht, wie positiv Heckmann hier aufgenommen wurde.

Er hat zweimal mit Bamberg den Titel gewonnen.

Aber er ist in einer Zeit gegangen, als es schwieriger wurde. Trotzdem freuen sich die Fans über ein bekanntes Gesicht, es gab keinerlei Kritik. Das muss die Zukunft sein, mehr Kontinuität in die Mannschaft zu bringen.

Das klingt nicht gerade nach einer geplanten Rückkehr in die Euroleague.

Die ist extrem weit weg, bei den Sonderregularien mit Anteilseignern und Fixstartern wüssten wir nicht einmal, ob wir starten dürften, wenn wir deutscher Meister werden.

Das ärgert Sie?

Natürlich, das hat nichts mit sportlichem Wettbewerb zu tun, wenn man eine geschlossene Liga hat. Im Fußball ist es ja krachend gescheitert.

Und der FC Bayern ist jetzt ständiges Mitglied, sind Sie neidisch?

Gar nicht, was der FC Bayern macht, ist konsequent bei dessen Background. Auch Berlin hat einen sehr guten Job gemacht, die sind verdient da drin und haben meinen höchsten Respekt.

Kein Wehmut an die großen Zeiten?

Natürlich, aber es ist nicht so, dass wir sagen, wir wollen in zwei Jahren wieder dabei sein. Wir sind in der Champions League glücklich, die im Übrigen genauso stark besetzt ist wie der Eurocup.

Der gilt aber als der zweithöchste europäische Wettbewerb.

Beide Wettbewerbe sind gleichauf, nur das Format ist anders.

Dann brauchen Sie aber erst recht bessere Ausländer.

Ich brauche vor allem mehr Spieler, um die Belastungen auffangen zu können. Ob ich bessere habe, ist relativ. In unserer ersten Champions-League-Saison sind wir erst im Top Four gescheitert. Da wurden wir von Teams geschlagen, die keinen teureren Kader als wir hatten, aber einfach sehr stimmig zusammengestellt waren..

Trifft das auf die Zugänge Justin Robinson, Jamel Morris, Trevis Simpson, Omar Prewitt, Martinas Geben und dem kürzlich verpflichteten Derek Cooke Jr. zu?

Davon sind wir überzeugt.

Was erhoffen Sie von der neuen Saison?

Erst mal, dass wieder Fans in die Halle dürfen. So macht das keinen Spaß, das ist furchtbar, da stellt man sich die Sinnfrage, wozu man das alles macht. Außerdem glaube ich, dass unser Coach wieder eine gute Mannschaft zusammenstellen wird.

Im vergangenen Jahr hat es nicht geklappt, ist Roijakkers der richtige Trainer? Zuletzt gab es ja auch noch Ärger, weil er eine Frau beleidigt haben soll, steht er schon vor Saisonbeginn in Frage?

Das Thema wurde ausführlich intern aufgearbeitet und ist erledigt. Nun steht wieder die Saisonvorbereitung im alleinigen Fokus, die ist wesentlich aufregender. Wir sind nach wie vor von Johan Roijakkers überzeugt, aber natürlich kann es sein, dass man die Frage im Dezember wieder stellt. Die Mannschaft muss gut in die Saison kommen und die Qualifikation für die Champions League überstehen.

Wagen Sie eine Prognose für den Titelkampf?

Das ist schwer, es gibt extrem interessante Projekte, Bayreuth hat viel Geld im Kader, Bonn verpflichtet richtig stark, Hamburg sowieso, dann sind da die Traditionsklubs Oldenburg und Ulm und es wird wie immer ein Überraschungsteam geben. Unter die ersten Vier zu kommen, ist ein ambitioniertes Ziel, aber wir sind ein ambitionierter Verein und wollen da hin.

Das ist aber doch nicht das Brose Bamberg, das mit Spielern wie Brad Wanamaker, Darius Miller, Nicolo Melli oder Daniel Theis die Euroleague angegriffen hat.

Ich kenne diese Vergangenheit, damals bin ich aus Bayreuth nach Bamberg gefahren, weil das einfach schöner Basketball war und Spaß gemacht hat. Aber ich schwelge nicht in Fantasien, ich bin Realist. Unser Ziel muss sein, wieder um Titel zu spielen. Das kann auch der Pokal sein oder die Champions League. Und man weiß nie was passiert, Alba Berlin war vor ein paar Jahren weit weg von Titeln, jetzt sind sie Meister und spielen Euroleague. Wir versuchen einfach, kontinuierlich weiterzuarbeiten.

Der Hauptsponsor wollte sich zurückziehen, macht nun aber doch weiter. Ist das ein Zeichen, sich finanziell breiter aufzustellen, um unabhängiger zu sein?

Das ist so nicht richtig. Brose wollte seine Rolle als Alleingesellschafter aufgeben, aber sich nie als Hauptsponsor zurückziehen. Diese Absicht gilt nach wie vor. Außerdem muss man sagen: trotz rückläufigem Engagement ist Brose nach wie vor einer der größten Einzelsponsoren im Basketball. Das Problem ist eher, dass die gesamte Automobilzuliefererbranche und damit weitere unserer Partner von der Krise stärker betroffen sind, als andere. Daher ist es unser Bestreben, weitere Gesellschafter zu finden und zudem das Sponsoring auf eine breitere Basis zu stellen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB