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Paralympics in Russland:Barrierefrei zu Gold

Paralympics 2014 ? Eishockey

Lieblinge des heimischen Publikums: Russlands Mannschaft im Schlittenhockey.

(Foto: dpa)

Bei den Paralympics in Sotschi feiert das russische Publikum mit Hingabe seine Medaillengewinner. Deren Erfolge stehen sinnbildlich für den Wandel in der Gesellschaft - denn noch in den Neunzigerjahren existierten Menschen mit Behinderung quasi nicht.

Von Thomas Hahn, Sotschi

Wieder fliegen die weißblauroten Fahnen, wieder tanzen die Russen auf den vollen Tribünen der Schaiba. Denn auf dem Eis zerlegen die heimischen Schlittenhockey-Spieler gerade die Italiener, Tor um Tor. 3:0, 4:0, 5:0. Nach zwei Dritteln ist alles klar, ehe Andrej Dwinjaninow mit der linken Vorhand seinen dritten Treffer erzielt und der Puck nach Ilja Wolkows Schuss vom Schlitten Gianluigi Rosas zum 7:0-Endstand ins Netz prallt.

Die Arena bebt vor russischer Seligkeit, und noch mal wird die Freude laut, als die Schlusssirene ertönt. Die Männer in den roten Hemden fahren in den Mittelkreis und jubeln zurück. Aus den Lautsprechern singt U2 "What a beautiful day". Und dann gehen die Russen zufrieden nach Hause. Tatsächlich: Was für ein wunderschöner Tag bei den Paralympics von Sotschi.

Die russische Begeisterung wird ganz leicht ganz groß, davon hat der Schweizer Snowboard-Olympiasieger Iouri Podladtchikov schon vor den Olympischen Spielen erzählt, denen nun die Weltspiele des Behindertensports folgen. Podladtchikov ist in Russland geboren, er versteht die Menschen dort, und er mag es, wie sie sich manchmal ganz auf die Seite ihrer Landsleute stellen. Die Schweizer kommen ihm zuweilen etwas zu kühl vor mit ihrer neutralen Höflichkeit, die Russen hingegen verteilen ihre Sympathien ganz klar. Sie sind für die, die ihrem Herzen nah sind, egal ob sie für ein fernes Alpenland starten oder ein Bein zu wenig haben.

"Die Russen sind sehr schnell auch mal Fan von etwas, das nur eine Geschichte hat", sagt Iouri Podladtchikov, "es ist ein anderer Stolz irgendwie." Und diese russische Begeisterungsfähigkeit scheint nun auch die Paralympics zu tragen, die Rekord-Ticketverkäufe verzeichnen und eine sehr innige, freundliche Hingabe für die Heimsportler.

Menschen mit Behinderung scheinen insgesamt einen neuen Stellenwert zu genießen in Russland. Als inspirierende Medaillenbringer sind sie spätestens seit den Spielen in Vancouver 2010 gefeierte Leute. Das Sportministerium leistet sich Staatsparalympier, die wie Profis trainieren, und zahlt üppige Medaillenprämien. Vier Millionen Rubel (80 000 Euro) bringt Paralympics-Gold, 2,5 Millionen Silber, 1,7 Millionen Bronze.

Dazu können Autos, Wohnungen und weiteres Preisgeld von Sponsoren oder Regionalregierungen kommen. Die Folge dieser Politik kann man am Medaillenspiegel ablesen: Vor allem im Loipenzentrum Laura setzt es Erfolg um Erfolg für Russland. Allein am Montag gab es sechs Podestplätze für die Langläufer, schon nach drei Wettkampftagen liegen die Russen fast uneinholbar vorne. Und die Behindertenrechts-Aktivistin Denise Roza hat schon Paralympier auf den Hochglanzseiten russischer Populärmagazine gesehen. "Menschen mit Behinderung sind ein cooles Thema geworden", sagt sie.

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