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Sportler und Journalisten:Viele knifflige Fragen

Naomi Osaka bei einer Pressekonferenz der French Open 2019

Ein Archivbild: Naomi Osaka bei einer Pressekonferenz der French Open 2019.

(Foto: imago)

Der French-Open-Rückzug von Naomi Osaka rückt auch die Beziehung von Profisportlern und Journalisten in den Fokus. Über ein kompliziertes Verhältnis.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Keine Fragen, lieber knuddeln. Basketball-Legende Magic Johnson hatte gerade seinen Rücktritt als Präsident der Basketball-Franchise Los Angeles Lakers erklärt, und dann sagte er müde und milde lächelnd, dass er statt Antworten lieber Umarmungen verteilen würde. Keiner protestierte, etwa zwei Drittel der Journalisten stellten sich an, einige drückten einem anderen ihr Handy in die Hand, weil sie diesen Moment für sich (und, wie sich herausstellte, ihre Twitter-Follower) festhalten wollten mit der Botschaft: Ich, ja ich, wurde gekuschelt von Magic!

Dieser Moment, April 2019 im Staples Center von Los Angeles, ist deshalb bedeutsam, weil er viel enthält, was man über das Verhältnis zwischen Profisport und Journalismus wissen muss. Johnson, von der Natur mit ebenso viel Charme wie Körpervolumen gesegnet, drückte die Leute, die über ihn berichten, gegen seine Brust, so wie ein Vater seine Teenage-Kinder hält; von journalistischer Distanz konnte keine Rede sein. Die Umarmten eilten danach zur Umkleide der Lakers, und das nächste Bild zeigt den Rest von dem, was man wissen muss: Zwei Dutzend Reporter umzingeln einen Spieler, der mit Handtuch um die Hüften vorm Spint steht, und der soll jetzt schnell was Kluges sagen zu Magic und den Lakers.

Nach dem French-Open-Rückzug der Tennisspielerin Naomi Osaka wird heftig über dieses Verhältnis debattiert, gerade in den USA mit Knuddeleien und Besuchen in der Umkleide - in Deutschland gibt es das in abgeschwächter Form mit Mixed-Zone-High-Fives und oftmaligem Sofort-Geduze bei der ersten Begegnung. Es geht bei der Debatte um die Rolle von Journalisten bei der sportlichen Analyse, aber auch als Teil der Unterhaltungsbranche. Über Glorifizierung und gesellschaftliche Überhöhung von Sportlern, die, wie Dirk Nowitzki mal sagte, "'nen Ball in ein Körbchen werfen". Die sollen dann nicht nur erklären, wie man 'nen Ball in ein Körbchen wirft, sondern auch, wie sie sich dabei fühlen - oder wie leer sie sich fühlen, wenn es ihnen nicht gelungen ist. Bestenfalls noch ein Statement zur Impfstrategie der Bundesregierung oder zur Lage in Gaza, wobei aber klar sein muss, dass US-Nachrichtensender diese Statements - wenn sie nicht ins politische Bild passen - verhöhnen und Sportlern zurufen: Bleib beim Sport und halt ansonsten den Mund.

Sport war schon immer eine Sparte der Unterhaltungsbranche

Die Debatte wird, wie so oft heutzutage, in Ausrufezeichen geführt. Bevor Osaka in ihrem Brief über ihre Depressionen sprach und von "Wellen der Angst", die sie beim Reden vor der Weltpresse spüre, sagten viele, Pressetermine gehören nun mal dazu. Vor allem für eine wie sie, die im vergangenen Jahr 55 Millionen Dollar verdient hat, nur 5,2 Millionen davon übers Preisgeld. "Pressekonferenzen sind wichtig, um die Perspektive der Spielerinnen zu erfahren", sagt Chris Evert, 18-malige Grand-Slam-Siegerin und seit vielen Jahren TV-Expertin: "Die Akteure haben die gemeinsame Verantwortung, den Sport so wachsen zu lassen."

Profisport ist nicht unbedingt eine Meritokratie, bei der die Besten das meiste Geld verdienen; sondern jene, die das Publikum mitreißen und es zum Einschalten sowie zum Kauf von Sachen bewegen. Es ist nun mal eine Sparte der Unterhaltungsbranche; Sender und Streamingportale, die oft viel Geld zahlen für die Übertragungsrechte, sind allein aus Eigeninteresse an dem von Evert beschriebenen Wachstum einer Sportart interessiert, und man kann gerade im Tennis sehen, dass Regeln (Spielansetzungen zum Beispiel, die Shot Clock oder der blaue Belag bei den US Open als TV-freundlicher Kontrast zu gelben Bällen) oft nicht eingeführt werden, um die Suche nach dem Besten gerechter, sondern um eine Sportart attraktiver für Zuschauer zu machen.

Das Verhältnis zwischen Sportlern und Journalisten hat sich verschoben

Sportler werden von Veranstaltern für Teilnahme und Siege bezahlt und von Werbetreibenden dafür, dass ihr Gesicht (und oft auch ihr Körper) auf Plakaten und in Reklamefilmen zu sehen ist. Von Journalisten bekommen sie kein Geld - wobei, und nun wird es spannend, Osaka beantwortete nach ihrer ersten Partie in Paris doch Fragen; die des japanischen TV-Senders Wowow, bei dem sie persönlich unter Vertrag steht. Ansonsten gibt es für Sportler (und andere Promis) nur zwei Gründe, überhaupt mit Journalisten zu reden: weil sie etwas - oder sich selbst - vermarkten wollen oder weil sie der Welt etwas mitteilen wollen; Michael Jordan sagte mal, dass er Botschaften an Mitspieler in Interviews versteckt hätte.

In Zeiten von sozialen Medien und Streamingportalen haben traditionelle Plattformen an Bedeutung verloren, das Verhältnis von Athleten und Journalisten hat sich verschoben. Sportler haben selbst eine gewaltige Reichweite (der Fußballer Cristiano Ronaldo war die erste Person mit mehr als 500 Millionen Followern auf Social-Media-Plattformen); sie fragen nun, warum sie an Pressekonferenzen teilnehmen müssen - zum Recht auf freie Meinungsäußerung gehört schließlich auch das Recht, diese Meinung nicht äußern zu wollen. Basketballprofi Steph Curry schreibt auf Twitter an Osaka: "Man sollte nie so eine Entscheidung treffen müssen. Verdammt beeindruckend, das Richtige zu tun, wenn die Mächtigen ihre eigenen Leute nicht schützen."

Vieles wird mit Geld begründet

Das ist die Anklage an die Veranstalter, die Protagonisten wie Zirkusattraktionen vorzuführen scheinen mit ihren Verpflichtungen; in der Basketballliga NBA zum Beispiel müssen die Trainer in den Viertelpausen am Spielfeldrand zwei Fragen des übertragenden Senders beantworten, in der Baseballliga MLB werden Coaches während der Partie live zugeschaltet, weil es der Vertrag (die MLB kriegt derzeit 535 Millionen Dollar pro Saison von TV-Partnern, die NBA 2,6 Milliarden) so vorschreibt. Wieder nach dem Motto: Macht mal, Leute, ihr kriegt einen Haufen Kohle dafür.

Journalisten brauchen Zugang, wie ein Moment bei den US Open 2020 zeigte, bei denen bis auf die TV-Rechte-Inhaber keine Journalisten vor Ort sein durften: Alle Teilnehmer durften eine Begleitperson nach New York bringen, es gab Ausnahmen für prominente Akteure, mehr als drei sollte indes niemand dabei haben. Aber: Sah man da nicht viel mehr Leute bei Serena Williams? Vor Ort hätte man nach Antworten geforscht, virtuell blieben Anfragen einfach unbeantwortet, obwohl es die Öffentlichkeit und vielleicht auch die anderen Spielerinnen interessiert hätte. Eine möglicherweise unangenehme Debatte für Veranstalter und Teilnehmerin wurde dadurch verhindert.

Osaka hat gleichwohl eine wichtige Debatte angestoßen, die Kernfrage ist: Wie und warum konnte es so weit kommen, dass die vielleicht beste Spielerin der Welt lieber ein Turnier abbricht, anstatt ihren vermeintlichen Pflichten nachzukommen? "Ich will zur rechten Zeit mit der Tour daran arbeiten, die Situation für Spieler, Presse und Fans zu verbessern", schreibt die Japanerin am Ende ihrer Ankündigung.

Es gibt viele Ausrufezeichen, dabei wären Fragen wichtig: Was ist falschgelaufen im Verhältnis zwischen Medien, Sportlern und Veranstaltern, dass Athleten gezwungen werden müssen, an Pressekonferenzen teilzunehmen? Warum verkaufen Verbände das Recht, dass Reporter den Trainern selbst während eines Spiels Fragen stellen? Ist das nicht völlig überdreht? Diese Fragen sind knifflig, vor allem deshalb, weil Veranstalter, Sportler und Journalisten sie sich selbst stellen müssen.

© SZ/schm/mp
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