Olympische Spiele Es wäre mal was Neues: Dass dem Olympia-Publikum die Wahrheit erzählt wird

Neuneinhalb Jahre später. Thomas Bach ist IOC-Präsident. Die Sportgemeinde ist auf dem Sprung nach Pyeongchang, Winterspiele in Südkorea. Aber wie viel ist noch übrig von der olympischen Idee? Vom olympischen Geist? Hinter der koreanisch-koreanischen Grenze sitzt ein Menschenunterdrücker auf Atomraketen, was einen beunruhigen müsste, wenn man denn dazu käme, darüber nachzudenken. Aber da ist halt gerade auch noch diese (wenn auch nur für den Sport existenzbedrohende) Vertrauenskrise, in die Thomas Bach das IOC manövriert hat.

Die Russland-Krise.

In dieser Woche musste der IOC-Chef eine angemessene Antwort finden auf die größte Attacke, die gegen Olympia und seine Werte seit Ende der Hochdopingzeiten in den 1980er-Jahren geführt wurde: das russische Staatsdoping-Projekt mit mehr als tausend involvierten Athleten, das seinen Höhepunkt bei den Winterspielen 2014 in Wladimir Putins Urlaubsort Sotschi fand. Bach wählte markige Worte am Montag in Lausanne, er sprach von einem "noch nie da gewesenen Angriff auf die Integrität des Sports und der Olympischen Spiele". Und für ein paar Stunden gewann die Öffentlichkeit tatsächlich den Eindruck, das IOC habe als Reaktion auf den Skandal Russland von den Pyeongchang-Spielen ausgeschlossen. Aber je tiefer man dann in die Details guckte, desto klarer wurde: Was als wehrhafte Reaktion im Sinne der sauberen Athleten verkauft wurde, ist in Wahrheit: ein Pseudo-Ausschluss. Eine Fake-Sperre. Simulierte Härte. Bach'sche Fassade. Wieder mal.

Olympia Die IOC-Entscheidung ist eine Brücke für Putin
Olympia

Die IOC-Entscheidung ist eine Brücke für Putin

Trotz des Doping-Skandals dürfen russische Athleten bei Olympia starten. Das zeigt, wie wenig dem IOC an der Integrität des Sports liegt.   Kommentar von Thomas Kistner

Und plötzlich kommt einem der Peking-Bach von 2008 erschreckend avantgardistisch vor. Wie ein Vorbote all dieser furchterregenden Führungsfiguren der Gegenwart (bloß weniger charismatisch, was aber kein Problem ist, weil man im IOC nicht die Massen verführen muss, sondern bloß einen elitären Zirkel mit flexiblen Argumenten überzeugen). Ist die Welt inzwischen nicht voll mit solchen Typen? Donald Trump, der den Nahen Osten in Flammen setzt, dabei aber erzählt, er schaffe Frieden. Oder, zugegebenermaßen ein paar Nummern kleiner: Markus Söder, der tatsächlich nicht lachen musste, als er kürzlich im "Heute-Journal" kundtat, es gebe gar keinen Machtkampf in der CSU. Während er den Dolch noch im Gewande führte.

Dolch? Welcher Dolch?

Doping? Welches Doping?

Der Bach von 2008, das war quasi die vorweggenommene Gegenwart des Jahres 2017 mit all ihren Politik-Schauspielern, denen es nur um die Wirkung geht, nicht um die Sache, und wenn doch mal um die Sache, dann um die eigene.

Wäre Olympia nicht so eine berührende Idee - die Jugend der Welt versammelt sich unter einem Dach zum friedlichen Wettkampf -, wären die Spiele nicht der Lebenstraum so vieler Athleten, und würden diese Sportler nicht tatsächlich so tief in eine zunehmend bewegungsfaule Gesellschaft hineinwirken mit ihren Erfolgen und Emotionen - fast müsste man es mit Genugtuung sehen, wie die olympische Fassade gerade bröckelt.

Ohne Ironie ist das ja nicht: Da wird 2013 der Fassadenmann schlechthin IOC-Präsident. Und was kriegt er kurz nach seinem Amtsantritt, 2014 in Sotschi, von den Russen untergejubelt? Eine Illusion.

Ein Labor in Sotschi. Draußen auf dem Türschild steht, es handele sich um ein Anti-Doping-Labor. Es ist aber zugleich auch ein Doping-Labor. Es hat - da materialisiert sich das Bild von der Fassade geradezu - ein verstecktes Loch in der Wand, bewacht von einem Geheimdienst-Agenten, den seine Akkreditierung als Kanalarbeiter ausweist. Und wenn am Abend die frischen Röhrchen mit dem Urin kommen, werden die Proben der russischen Helden aussortiert und auf die andere Seite geschoben, dort mit einer eigens erdachten Methode geöffnet, ohne die Siegel zu beschädigen - und statt der kontaminierten Körpersäfte wandern saubere ins Glas, die vorab extra eingesammelt und katalogisiert wurden. Wofür die Räuberpistole? Damit Russland am Ende der zwei Winterwochen die Nummer eins im Medaillenspiegel ist. Fake-Siege. Fake-Jubel. Fake-Nationalstolz.

Bloß: Der Urin, der in Sotschi nachts die Seite gewechselt hat, ist ja nur das Symptom des Problems. Ursache des Schlamassels ist, dass auch viele Funktionäre von der hellen auf die dunkle Seite gewechselt sind. Wenn aber der Schein zum Kern des Geschäfts geworden ist: Kann man sich da jetzt wundern über eine Sanktion, die auch bloß den Schein wahren soll?

Tatsächlich werden russische Athleten in Pyeongchang gar nicht als neutrale Athleten starten müssen, wie zunächst insinuiert - auf ihren Uniformen wird "Olympic Athletes from Russia" stehen. Und das IOC behält sich vor, zur Schlussfeier selbst diese Einschränkung aufzuheben, sofern sich die "Olympischen Athleten aus Russland" schön an die Auflagen halten. Was zur Anschlussfrage führt: Welche Auflagen sind das eigentlich genau? Tja.

Das Mindeste wäre doch gewesen, von den Russen zu verlangen, das gigantische Betrugsnetzwerk wenigstens einzugestehen. Damit etwas in Zukunft nicht mehr passieren kann, muss man sich ja erst mal darüber einig sein, dass es passiert ist. Aber in Moskau dürfen Politiker und Sportfunktionäre weiter behaupten: Alles eine Verschwörung des Westens!

Thomas Bach scheint das nicht weiter zu stören. Andererseits, das wäre ja nun wirklich mal was Neues: zu verlangen, dass dem Olympia-Publikum die Wahrheit erzählt wird.

Die Wahrheit? Das Kontrollnetz ist engmaschig! 98 Prozent der Athleten sind sauber! Und wenn die Spiele in Pyeongchang erst eröffnet sind, ist der Weltfrieden nur noch eine Frage der Zeit!

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