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Thomas Bach:Die Strategie war: Aussitzen und Beten

In Erklärungsnot: Thomas Bach

(Foto: AFP)
  • Der in die Kritik geratene IOC-Präsident Thomas Bach schließt bei einer Telefonkonferenz mit Journalisten seinen Rücktritt aus.
  • Es wird deutlich, dass es im Anblick der Corona-Pandemie nie eine substantiellere Strategie gab als Aussitzen, für ein Wunder beten - und die zwischen Quarantäne und Tokio-Träumen zerrissenen Athleten wochenlang unter Beschäftigungsdruck zu halten.
  • Neue Zahlen der WHO hätten ihn zum Umdenken bewegt, sagt Bach.

Thomas Bach ist kein großer Redner. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) neigt zu gewundenen, in angestrengter Gelassenheit vorgetragenen Statements, so ließ er auch am Mittwoch bei einer Telefonkonferenz mit 400 Journalisten aus aller Welt die heftige Kritik an seinem Krisenmanagement rund um die ins Jahr 2021 verschobenen Tokio-Spiele 2020 verpuffen. Eine präzise, überraschend kurze Antwort entfuhr dem deutschen Wirtschaftsanwalt an der Spitze des Olymps aber. "Nein!", sagte Bach reflexhaft auf die Nachfrage, ob er angesichts seiner heftig kritisierten Verzögerungsstrategie an Rücktritt denke.

Das war zu erwarten. Nur nährt diese schussartige Replik ohne weitere Ausführung die Vermutung, dass der Blick des IOC-Chefs weiterhin nicht über die Fassade des Prunksitzes der Bewegung am Genfer See hinausreicht. Das hat Bachs Krisenarbeit in Zeiten des Coronavirus über die vergangenen Wochen verdeutlicht. Stur hielt er am Spieletermin im Juli fest; anschwellende Proteste an der Basis, besonders im Lager der Athleten, beirrten ihn so wenig wie die wachsende Kritik in Medien und Gesellschaft.

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So hat es Bach schon damals gehalten, als die russische Staatsdoping-Affäre aufflog und die Sotschi-Winterspiele 2014 durch den systematischen Betrug ihrer Gastgeber entwertet worden waren. Während betrogene Athleten und Verbände im Einklang mit dem Gros der Öffentlichkeit harte Sanktionen forderten, führte Bachs IOC die Aufklärung der Kreml-Umtriebe nur im Munde - und pflegte eine Art fürsorglichen Täterschutz.

Seit 24 Jahren sitzt Bach in IOC- Spitzengremien, seit 2013 ist er Präsident. Eine Karriere in der Fünf-Ringe-Retorte, der mächtige kuwaitische Olympiafunktionär Ahmad al-Sabah hat 2013 verraten, Bachs Weg an die Spitze sei schon 2001 beschlossen worden. In so einem geschlossenen System hat der Boss einen gewaltigen Apparat hinter sich. Genauer: unter sich - weil er den Apparat fast nach Belieben für seine politischen Ziele benutzen kann. Dieser besteht aus den Sportweltverbänden und den 206 Nationalen Olympischen Komitees (NOK); fast alle hängen sie am Tropf der Sommer- und Winterspiele. Existentiell. Deshalb kann der Mann, der diese Geldmaschine bewegt, den Sport mit einer Stimme sprechen lassen; im Bedarfsfall mit der eigenen, wie so viele relevante Beschlüsse in der Ära Bach gezeigt haben.

Der Patron bestimmt, alle folgen. So war es noch Mitte vergangener Woche, als das IOC mit Vertretern der Verbände und der NOKs zum Thema Spiele-Verschiebung konferiert hatte. Als sich Bach am Mittwoch des Vorwurfs erwehren muss, er habe viel zu lange die Ängste und Bedenken der Athleten und von immer mehr Verbänden ignoriert, und als er dabei auf den einseitig erklärten Spieleverzicht des kanadischen Olympiakomitees zu Wochenbeginn angesprochen wird, da verweist er auf jene Sitzung: "Am Ende unserer Telefonkonferenz letzte Woche gab es eine Einzelabstimmung für jedes NOK und jeden Verband zur Frage, ob sie mit der Strategie des IOC-Exekutivkomitees einverstanden sind. Wir erhielten einstimmige Unterstützung - inklusive der des kanadischen NOK."

Sind die Kanadier Umfaller? Und ihre Olympiakollegen in Australien, Norwegen und den USA, die der Boykottankündigung folgten? Der Vorgang zeigt die Schwachstelle des olympischen Herrschaftssystems: In großer Funktionärsrunde ist der Herdendruck gewaltig, keiner rudert gegen den Mainstream. Auch in Bezug auf den wachsenden Widerstand der Athleten verweist Bach auf eine (fruchtlose) Konferenz, die er abgehalten habe - und auch hier kann er vermeintlich Demokratisches vorschieben: die IOC-Athletenkommission. Die sei ja ständig in Gespräche und Abklärungen involviert gewesen. Klingt gut. Nur steht für diese hauseigenen Athletenvertreterschar niemand symbolischer als die russische Sportikone Jelena Issinbajewa. Sie hat nicht nur gegen Sanktionen wider das russische Staatsdoping gekämpft. Sie ist so eng vernetzt mit der Kreml-Spitze, dass Wladimir Putin sie sogar in den Kreis jener Gesellschaftsrepräsentanten berufen hat, die ihm via Verfassungsänderung eine womöglich ewige Amtszeit bescheren sollen.

Bis Montagfrüh seien WHO-Meldungen eingetroffen, sagt Bach

Auch im IOC hat de facto fast nur einer das Sagen. Und der, Thomas Bach, hatte keinen Plan, als er erstmals auf einen Gegner traf, der weder über Machtpolitik noch mit diskreter Hinterzimmerdiplomatie einzudämmen ist. Beim Medientermin am Mittwoch offenbarte Bach unversehens, dass es im Anblick der Corona-Pandemie nie eine substanziellere Strategie gab als aussitzen, für ein Wunder beten - und die zwischen Quarantäne und Tokio-Träumen zerrissenen Athleten wochenlang unter Beschäftigungsdruck zu halten. Am Sonntag erst hatte sein IOC-Vorstand einen Beschluss für die nächsten vier Wochen in Aussicht gestellt. Dass ihn dann über Nacht die Fluchtbewegung im eigenen Lager, die Erosion bei den Athleten zum Umdenken gezwungen habe, will Bach nicht gelten lassen.

Bis Montagfrüh, so führt er aus, seien alarmierende Meldungen der Weltgesundheitsorganisation WHO eingetroffen, die auf eine "dynamische, dramatische Entwicklung des Virus" hingewiesen habe - das habe den Ausschlag gegeben. Nur: War die Entwicklung in den Wochen zuvor, waren all die verfügten Ausgangssperren nicht dramatisch genug? Bach sagt, die Pandemie habe ja nun auch Afrika erreicht. Aber hat dies das Spiele-Risiko erhöht? Und wie sahen die Ratschläge der WHO an das IOC über all die Wochen aus? Am Ende dient nicht nur die WHO als Sichtblende für das IOC, sondern auch Donald Trump. Der habe jüngst Lockerungen der Corona-Restriktionen für die USA im April in Aussicht gestellt, hebt Bach hervor, auch andere Staatschefs hätten ihre Maßnahmen bis Anfang Mai limitiert.

Thomas Bach hat alles richtig gemacht. Jetzt geht der Blick nach vorne. Die Spiele sind auch 2021 nach Tokio 2020 benannt, eine Geste an die Werbepartner, die schon Milliarden in die Marke investiert haben. Bach ruft alle Teile der Sportgesellschaft auf, mitzuhelfen, dass die Spiele ein "Symbol der Hoffnung" werden. Klingt wie die nächste olympische Kommerzidee, aus der sich bald wieder Gold schürfen lässt.

© SZ vom 26.03.2020/ska
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