Dimitrij Ovtcharov:Der erfüllte Traum nach dem zerplatzten Traum

Tokio 2020 - Tischtennis

Vier Matchbälle wehrt Dimitrij Ovtcharov ab, eher er sich gegen Lin Yun-ju aus Taiwan durchsetzt.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Wie schon bei seiner dramatischen Halbfinalniederlage durchlebt Dimitrij Ovtcharov im Spiel um Platz drei eine Nervenschlacht - und belohnt sich mit Bronze. Es ist ein historischer Erfolg.

Von Andreas Liebmann

Wie lange braucht man, um die Reste eines zerplatzten Traums wegzufegen, um Platz zu schaffen für Neues? Eine Woche? Einen Monat? Reichen 26 Stunden? Das war eine der spannenden Fragen vor dem Spiel um Platz drei beim olympischen Tischtennisturnier der Männer zwischen Dimitrij Ovtcharov und Lin Yun-ju aus Taiwan.

Es war ja nicht irgendein Traum, den Ovtcharov tags zuvor im Halbfinale vor Augen hatte, es war ein riesiger: als erster Deutscher in ein Olympiafinale einzuziehen, mit seinem ersten Sieg im 19. Versuch gegen Ma Long. Fast sein ganzes Leben lang und speziell die letzten sechs Monate habe er intensiv für diesen Moment trainiert, sagte er danach sichtlich angefasst im ARD-Interview; er hatte Ma Long analysiert, Matchpläne erstellt, er habe fest daran geglaubt, dass dies der Moment wäre, den Unüberwindbaren zu packen. Er war bereit für mehr als Bronze. Dann ging diesem Traum nicht einfach nur die Luft aus, weil der Gegner doch überlegen war, sondern er wuchs und wuchs im Laufe eines Spektakels, bis er beim Stand von 9:10 im siebten Satz mit lautem Knall zerbarst.

Sein Gegner im Spiel um Platz drei, der Weltranglistensechste Lin Yun-ju, der schon Bronze im Mixed gewonnen hat? Ganz ehrlich, sagte Ovtcharov, über den habe er sich keine Gedanken gemacht.

Sein Gegner ist einer der aufregendsten Aufsteiger dieser Sportart

Aber auch Lin hatte einen Traum gehabt. Auch er verlor sein Halbfinale gegen den Chinesen Fan Zhendong knapp und unglücklich im siebten Satz, die Partie um Platz drei hätte ebenso das Finale sein können. Lin hat in seiner jungen Karriere beide Chinesen schon geschlagen, Ma, den neuen Olympiasieger, sogar mehrmals. Doch vielleicht träumt man mit 19 anders als mit 32. Was hat einer schon groß zu verlieren, wenn er vielleicht noch vier weitere Olympische Spiele vor sich hat?

Am Ende all dieser Fragen ließ Dimitrij Ovtcharov, den sie im Team "Mr. Olympia" nennen, den Schläger fallen. Griff sich an die Stirn. Sank zu Boden, fassungslos darüber, dass er in einer weiteren Nervenschlacht Bronze geholt hatte - seine zweite Einzelmedaille, was außer Chinesen vor ihm nur Schwedens Legende Jan-Ove Waldner gelang, auch wenn es da Gold und Silber waren.

Dimitrij Ovtcharov: Ein Moment der Fassungslosigkeit: Dimitrij Ovtcharov nach dem verwandelten Matchbal.

Ein Moment der Fassungslosigkeit: Dimitrij Ovtcharov nach dem verwandelten Matchbal.

(Foto: Jung Yeon-je/AFP)

Lin Yun-ju ist einer der aufregendsten Aufsteiger dieser Sportart, das zeigte er. Dass ihn lange nur Insider kannten, lag an seinem Dauerrivalen Tomokazu Harimoto, dem "Wunderkind" aus Japan, der auf der großen Bühne einfach noch etwas jünger noch etwas berauschender aufgetaucht war, der mit 14 die Czech Open gewann - jenes Turnier, bei dem Lin, gerade 16 geworden, mal eben die Bundesliga-Größen Tiago Apolonia und Anton Källberg abfertigte, ohne dass jemand Notiz davon nahm - und das er zwei Jahre später gewann. Eine imposant druckvolle Rückhand über dem Tisch ist sein Markenzeichen, die "Banane", wie die Spieler diesen Schlag aus dem Handgelenk nennen. Als "Silent Assassin" wird Lin tituliert, stiller Krieger, frei übersetzt, dabei hat er wenig Kriegerisches an sich. Aber er ist leise, gerade im Vergleich mit dem dauerbrüllenden Rivalen Harimoto, der im Achtelfinale dem Slowenen Darko Jorgic (Saarbrücken) unterlag. Auch das war eine dieser Fragen: Würde es Ovtcharov gelingen, sich erneut so lautstark zu pushen in diesem Duell um Bronze, wenn sein Gegner in der fast leeren Halle keinen Mucks abgibt? Einer Halle übrigens, die Stunden vor dem Match geschlossen war, weshalb die Kontrahenten nicht trainieren durften - was die betroffenen Verbände "reichlich irritierend" fanden, wie DTTB-Sportdirektor Richard Prause betonte.

Nun, Ovtcharov konnte: Er machte die ersten zwei Punkte, brüllte "Allez! Come on!", zeigte die Faust. Er war bereit, ging 13:11 in Führung. Leiser, aber doch hörbar begann auch Lin sich im zweiten Satz anzufeuern, die Faust zu recken, glich aus, 9:11.

Es gibt ein Video des elfjährigen Lin, der in seiner Heimat schon damals von Kameras begleitet wurde. Mit unschuldigem Kinderlächeln erklärt er, dass er taiwanesischer Nationalspieler werden will. Das gelang ihm mit 14. In ihrem ersten Duell 2018 konnte Ovtcharov den jungen Linkshänder noch bezwingen, danach kassierte er vier Niederlagen. Es schien, als wäre ihm dieser Teenager, der zuletzt wie er bei Fakel Orenburg unter Vertrag stand, bereits entwachsen. Hätte es dann nicht Ovtcharovs zweiten Sieg gegeben, 4:1 in diesem März in Katar. Irgendwo musste doch auch dieser Matchplan stecken...

Es gab ihn, das zeigte schon der erste Satz, als Ovtcharov auf all seine Spezialaufschläge verzichtete, den Tomahawk und jene Rückhand-Variante, zu der er seine 186 Zentimeter auf Tischhöhe zusammenfaltet. Stattdessen Rückhandaufschläge aus dem Stand, vermeintlich harmlos wie Einwürfe, wie im März. Erst in den Folgesätzen zückte er auch seine Visitenkarten.

Doch wieder mal ging er in Rückstand, 6:11 verlor er den dritten Satz, verließ kurz die Halle, fand erst danach die unbedingte Risikobereitschaft, die ihn gegen Ma Long ausgezeichnet hatte - und die er nun brauchte, weil ihm Lin jeden halbherzigen Topspin um die Ohren drosch. 11:4, dann 4:11, im sechsten Satz erreichte die Partie jenen atemberaubenden Grad an Spektakel, den man aus den Halbfinals kannte - und der in Matchbällen für Lin gipfelte: 9:10, 10:11, 11:12, 12:13. Alle abgewehrt. Lin zeigte Nerven, Ovtcharov nutzte seinen ersten Satzball - und zog im siebten Satz auf 9:3 davon. Beim 11:7 fiel der Schläger.

Blieb nur noch die Frage, was nun wertvoller war: die Medaille, oder all die Fans, die "Mister Olympia" seinem Sport in den unglaublichen Tagen von Tokio verschafft hat.

Zur SZ-Startseite
Tennis - Olympics: Day 7

SZ PlusTennis bei Olympia
:Zverev jagt die großen Sieger

Nach seinem überraschenden Erfolg gegen den Dominator Novak Djokovic steht Alexander Zverev im olympischen Tennis-Finale. Danach weint er vor Rührung - er hat nun die Gelegenheit, dem eigenen Image zu entkommen.

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB