Judoka Eduard Trippel:Der Polizeikommissar-Anwärter überrascht

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Judo - Olympics: Day 5

Erste Enttäuschung: Eduard Trippel (rechts) nach seiner Finalniederlage gegen den Georgier Lasha Bekauri.

(Foto: Harry How/Getty)

Eduard Trippel holt mit Silber als erster deutscher Judo-Kämpfer eine Medaille seit Ole Bischof 2012. Nach einem Auf und Ab entfaltet er sein Talent pünktlich zu den Sommerspielen - und nutzt aus, dass ihn kaum jemand auf dem Zettel hatte.

Von Thomas Hahn, Tokio

Am Ende fühlte es sich doch wie eine Enttäuschung an. Eduard Trippel saß auf der Tatami und schaute ins Leere, während Lasha Bekauri aus Georgien Handküsse in die Luft verteilte. Trippel hatte bis zum Schluss alles versucht, den Europameister aus Tiflis in den Griff zu bekommen in diesem olympischen Judo-Finale der Gewichtsklasse bis 90 Kilo. Es gelang nicht. Trippel konnte die kleine Wertung nicht mehr ausgleichen, die er sich nach zwei Minuten des Kampfes eingefangen hatte. Nichts zu machen.

Allerdings durfte er nicht lange traurig sein. Seine Silbermedaille war nicht nur die erste des Deutschen Judo-Bundes (DJB) bei diesen Spielen. Es war die erste Olympia-Medaille eines DJB-Kämpfers seit dem Silber-Gewinn von Ole Bischof 2012 in London (bei den Frauen holte Laura Vargas-Koch 2016 Bronze). Und sie war eine Überraschung.

Andererseits: Irgendwann muss eine Karriere ja mal einen Sprung machen. Warum also nicht an einem Tag, an dem Judo ausnahmsweise mal im Fernsehen kommt? Manche Geschichten kann man eben nicht planen, und bei Eduard Trippel, 24, Polizeikommissar-Anwärter aus Rüsselsheim, ist es nun also so gekommen, dass der Wettkampf, in dem sich sein Talent so richtig entfaltete, ausgerechnet auf das Olympiaturnier der pandemischen Spiele im Tokioter Nippon Budokan fiel.

Trippel ist zwar der Jüngste im DJB-Kader, aber er kennt die Launen seines Sports

Irgendwo im Hinterkopf hat er wahrscheinlich gewusst, dass etwas Besonderes passieren kann. Denn er ist zwar der Jüngste in der Olympia-Mannschaft des Deutschen Judo-Bundes, aber das heißt nicht, dass er die Launen seines Sports nicht kennt. Im Juni bei der WM in Budapest war er in Runde zwei ausgeschieden. Im Mai beim Grand Slam in Kazan hatte er im Finale gestanden und war Zweiter geworden. Rauf und runter. So ist Judo oft. Es konnte viel passieren, das war klar, und im Nippon Budokan merkte er bald, dass es einer der besseren Tage werden würde.

In der ersten Runde schaltete er gleich den Serben Nemanja Majdov mit einer kleinen Wertung aus, immerhin den Weltmeister von 2017 und WM-Zweiten von 2019. Im Achtelfinale machte er kurzen Prozess mit dem Südkoreaner Gwak Donghan. Ippon nach 17 Sekunden. Trippel sucht gerne die schnelle Entscheidung, diesmal klappte es. Hatte der Olympiadritte aus Pohang den jüngeren Deutschen unterschätzt?

Im Viertelfinale war Trippel froh um die Kräfte, die er durch den schnellen Sieg gespart hatte. Der Ungar Krisztian Toth war zäh, nach 15 Sekunden der Verlängerung hatte Trippel ihn trotzdem bezwungen. Im Halbfinale gegen den Türken Mihael Zgank, den WM-Zweiten von 2017, brauchte er dann Geduld. Nach der regulären Kampfzeit von vier Minuten war noch keine Wertung gefallen. Wieder Verlängerung nach der Regel, wer als Erster punktet, gewinnt. Fünf weitere Minuten kämpften sie, dann kam er durch. Schulterwurf. Trippel war im Finale.

Als Kind soll Trippel so unruhig gewesen sein, dass ihm seine genervte Lehrerin einen Sport nahelegte

Trippel ist kein Unbekannter in seinem Sport. Sein größter Erfolg war Platz fünf bei der WM 2018. Aber wie das so ist: Ohne Medaille auf der großen Bühne wandern die Blicke leicht an einem vorbei. Vielleicht war es Bundestrainer Richard Trautmann auch ganz recht, dass kaum jemand Trippel auf dem Zettel hatte. Es ist besser, zu überraschen, als Erwartungen zu enttäuschen. Trippel konnte in Ruhe seine Chance suchen.

Seine Karriere begann dort, wo Schule und Verein sich treffen. Als Kind soll er ein Zappelphilipp gewesen sein, der seine Lehrerin so nervte, dass sie ihm einen Sport nahelegte. Im Sekretariat gab es einen Tipp, und tatsächlich fühlte er seine überschüssige Energie beim Judo-Training des JC Rüsselsheim ganz gut aufgehoben. Heute ist er die unumstrittene deutsche Nummer eins in der Gewichtsklasse bis 90 Kilo. Er beobachtet seinen Sport und richtet sich nach dessen Entwicklungen. "Ich versuche, jede Regeländerung zu meinem Vorteil zu bringen, und sobald ich merke, dass gewisse Techniken nicht mehr klappen, kann ich mich relativ schnell auf neue Techniken einstellen", sagt er auf der Olympiaseite des DJB.

Wer flexibel ist, hat Erfolg - noch so eine Botschaft, die von diesem Trippel-Tag im Nippon Budokan übrigblieb.

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