Olympia IOC-Mitglied Hickey verhaftet

Patrick Hickey (li.) und Thomas Bach verstehen sich blendend.

(Foto: REUTERS)

Das Internationale Olympische Kommitee ähnelt immer mehr der Fifa: Ein Vertrauter von Boss Thomas Bach muss sich wegen Ticket-Schwarzhandels verantworten.

Von Thomas Kistner, Rio de Janeiro

Er war der kernigste Unterstützer von Thomas Bach, als der IOC-Präsident seine Offensive gegen eine Komplett-Aussperrung der Russen von den Rio-Spielen startete. Nun muss das Internationale Olympische Komitee (IOC) erst einmal verzichten auf sein hohes Mitglied Patrick Hickey: Der Ire wurde im IOC-Hotel Windsor Marapendi am Strand von Barra verhaftet. Damit ähnelt der Ringe-Clan auch auf dieser Ebene immer stärker dem Fußball-Verband Fifa. Der IOC-Sprecher teilte mit, wenn es einen Polizeieinsatz gebe, werde man mit den Behörden kooperieren. Das Nationale Olympische Komitee Irlands (OCI) bestätigte die Festnahme: "Es gibt eine sich entwickelnde Situation zur Ticket-Story", teilte es mit. Da hatte die Betrugseinheit der Zivilpolizei von Rio bereits eine "Verwicklung von Hickey" in die Ticket-Affäre bekannt gegeben; präsentiert wurden Bilder von dessen einkassierter Olympia-Akkreditierung, Ausweise und Flugtickets. Der 71-Jährige hatte nach seiner Festnahme über Unwohlsein geklagt und wurde in eine Klinik eingeliefert. Er lasse vorerst all seine Ämter ruhen, teilte er mit.

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Wie bei der Fußball-WM 2014 geht es erneut um illegale Ticketverkäufe. Und wie bei der Fifa, sind nun auch beim IOC denkwürdige Vorgänge rund um diesen lukrativen Erwerbszweig zu besichtigen: Bestimmte Ticketagenten mit bester Funktionärs-Anbindung gelangen immer wieder ins Geschäft, da wie dort führen Spuren über Verwandte, aber auch über personalisierte Karten direkt in die Verbände.

In Rio hatte die Polizei schon vorige Woche zugeschlagen. Dutzende Personen, darunter der Sportdirektor der britischen Ticketagentur THG, Kevin Mallon, wurden verhaftet, mehr als tausend Tickets sichergestellt. Sie sollen zum Teil für das irische OCI, aber auch für IOC-Mitglieder vorgesehen gewesen, jedoch überteuert auf dem Schwarzmarkt gelandet sein. Die involvierten Agenturen, darunter der vom Olympia-Organisator Comitê Rio 2016 autorisierte Ticketverkäufer Pro-10 Sports Management, wiesen alle Vorwürfe zurück.

Gleichwohl hat die Polizei vier weitere Haftbefehle gegen Kartenhändler ausgestellt. Keiner aus dem Quartett sei jüngst "legal in Brasilien eingereist"; im Fall, dass sie trotzdem hier seien, würden sie festgenommen, hieß es in einem Statement. Die Behörden teilten zudem mit, dass ein weiterer THG-Direktor, James Sinton, schon bei der WM 2014 im Zuge der damaligen Ticket-Affäre um die Fifa verhaftet worden sei. Die Behörden verdächtigen einen internationalen Ticketdealer-Ring; die bei Eröffnungsfeier und Topevents angestrebten Gewinne lägen in Millionenhöhe. Das OK Rio 2016 dementierte, dass die THG für das Ticketing der Rio-Spiele zugelassen sei. So, wie das 2012 für London und 2014 für Sotschi der Fall war. Im undurchdringlichen Ticketgeschäft ist es jedoch nicht unüblich, mit Unterfirmen ins alte Geschäftsgeflecht zurückzukehren. Auch stellt sich die Frage, wie der jetzt im berüchtigten Gefängnis Bangu einsitzende THG-Direktor Mallon an fast 1000 Karten für die Eröffnungsfeier gelangte. Die fanden sich bei der Festnahme im Hotelzimmer.

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Patrick Hickey hatte erst am Montag mit dem irischen Sportminister Shane Ross über die Karten-Affäre gesprochen. Der Politiker gab sich danach "sehr verwundert über die Weigerung des OCI, unabhängige Leute in ihre interne Untersuchung schauen zu lassen". Tatsächlich muss sich Hickey schon seit längerem gegen den Verdacht erwehren, dass er diskret mit der jetzt betroffenen Agentur THG über Bande spiele. Das hat er stets strikt von sich gewiesen.

Brasiliens Fußballheld Romário äußerte früh einen Verdacht

Doch ist die Nähe zu den Kartenhändlern und Eventveranstaltern frappierend. Bei einem Geschäftsableger der THG war sogar Stephen Hickey beschäftigt, der Sohn des IOC-Vorstandes. Bereits 2012 hatte Senator Romário, Brasiliens früherer Fußballheld, die Bundesregierung in Brasília aufgefordert, einem Verdacht auf Korruptionsverwicklung gegen Hickey und den Chef des Rio-OK, Carlos Arthur Nuzman (ebenfalls langjähriges IOC-Mitglied), nachzugehen. "Besucht Herr Hickey Rio wegen der Spielevorbereitungen, oder um Geschäftsmöglichkeiten für seine Familie zu sondieren?", zitierte das Blatt O Estado do São Paulo seinerzeit Romário. Die beiden Ringe-Herren haben auch diese Vorwürfe stets zurückgewiesen.

Hickey war am Mittwoch im Hotelzimmer seines Sohnes gefunden worden. Als einflussreiches IOC-Mitglied hatte er nach Vorlage des McLaren-Reports zum Staatsdoping in Russland massiv gegen eine "Vorverurteilung" und den Komplettausschluss der Russen in Rio agitiert. Als Chef der europäischen NOKs versucht er gerade, seine siechen European Games in Sotschi anzudienen. Hickeys Verbindungen gaben schon häufig Anlass zu Kritik - etwa, als er Weißrusslands Potentaten Alexander Lukaschenko einen Orden für "herausragende Verdienste um die olympische Bewegung" andiente.

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