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Olympia:Die Athleten sind raus aus der Käfighaltung

Höflich abgeklatscht, doch Australiens Mack Horton (Mitte) äußerte deutliche Kritik am einst wegen Doping gesperrten Sun Yang (li.)

(Foto: AFP)

Politikfreie Spiele? Von wegen. In Rio werden die vormals strengen Verhaltensregeln einfach ignoriert. Daran ist das IOC selbst schuld.

Es war einer der größten Aufreger 2014 in Sotschi, bei den letzten Olympischen Spielen: Das IOC verwarnte das norwegische Team. Wegen welchen Vergehens? Die Langläuferinnen waren mit Trauerflor in der Loipe; der Bruder einer Teamkollegin war verstorben. "Wir glauben, die festliche Atmosphäre der Wettkampfstätten ist nicht der richtige Ort für Trauer", teilte das Internationale Olympische Komitee damals mit. Die halbe Welt empörte sich über die Kaltherzigkeit der Ringe-Bosse.

Zwei Jahre später wäre Trauerflor das geringste Problem. Die festliche Atmosphäre hat sich in Rio in eine handfeste verwandelt. Unter den Schwimmern sind verbale Schlachten entbrannt, Anschuldigungen werden erhoben, Handschläge verweigert, abfällige Gesten geübt. Amerikaner, Australier und andere attackieren die Russen; ein Franzose sagt über Chinas Olympiasieger Sun Yang: "Der pinkelt lila. Wenn ich das 200-Meter-Freistil-Podium sehe, will ich kotzen." Serbiens Sportminister ruft seine Athleten auf, Medaillenfeiern mit Kosovo-Sportlern zu boykottieren, ein Libanese verweigert Israelis den Zustieg in den Bus zur Eröffnungsfeier.

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Jeder einzelne dieser Vorfälle hätte bis vor Kurzem drastische Sanktionen nach sich gezogen. In Rio aber frisst das IOC säckeweise Kreide. Zum Kalten Krieg am Beckenrand hat Sprecher Mark Adams Revolutionäres formuliert: "Wir können ihnen letztlich nicht das Sprechen verbieten."

Die reale Welt torpediert das Werbebild

Das ist jetzt nicht mehr einzufangen. Bisher hat der Ringe-Konzern ja sehr wohl das Sprechen der Athleten reglementiert, sofern es nicht strikt im aufgeblasenen Wertekanon der Bewegung lag. Nun tritt das mal misstrauische, mal aggressive Innenleben dieser Welt aus Höchstleistern täglich freier zutage. Es geht halt zu wie im richtigen Leben.

Die reale Welt aber kann der Milliardenkonzern IOC überhaupt nicht brauchen. Denn die torpediert das Werbebild, das es einem gläubigen Publikum seit Dekaden vorgaukelt. Dieses Bild zeichnet den Athleten aus der olympischen Käfighaltung, frohgelaunt, fair und fleißig in der Medaillenlegebatterie. Wenn nun erkennbar wird, dass auch Sportler nur ganz normale Individuen sind und die Welt, in der sie agieren, durchzogen ist von Brüchen, Widersprüchen und Gier - dann ist das Geschäftsmodell gefährdet.

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Das IOC erntet gerade den Sturm, den es gesät hat mit seiner Russland-Politik, deren Botschaft ja letztlich war: Selbst das dreisteste Staatsdoping-Komplott ist nicht schlimm genug für eine harte Sanktion. Seit Beginn der Spiele haben die Verhaltensregeln des IOC nun dieselbe Bedeutung wie die Verkehrsregeln auf Rios Straßen: Man ignoriert sie.

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