Olympia Bitte schön harmonisch!

Schön weiß überpudert: Pyeongchangs Sportstätten, wie hier das Stadion für Eröffnungs- und Schlussfeier, präsentieren sich optisch im besten Zustand.

(Foto: Ed Jones/AFP)
  • Die Annäherung zwischen Nord- und Südkorea wird nicht von jedem im Süden der Halbinsel wohlwollend aufgenommen. Präsident Moon Jae-in appelliert an die Einigkeit der Bevölkerung.
  • Die Vorfreude auf die Olympischen Spiele in Pyeongchang ist nicht überall gleichermaßen groß. Kritiker bezweifeln den Nutzen der Anlagen nach Olympia.
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Von Volker Kreisl, Pyeongchang

Loch 18 ist jetzt weiß. Eine dicke Schneeschicht liegt darüber, fachmännisch aufgeschüttet und planiert. Auf Loch 18 verkantet mit Langlaufskiern also keiner mehr, es flucht keiner, und es fällt auch niemand mehr hin. Ebenso wenig auf den anderen Bahnen dieses Golfplatzes, die jetzt unter Schnee und Eis liegen.

Der Kurs von Pyeongchang wird zurzeit zweckentfremdet, Loch 18 ist der Zielsprint der olympischen Biathlonstrecke. Die Winterspiele werden erst am Freitagabend eröffnet, aber schon jetzt deutet sich an, dass es nicht nur auf der Biathlonstrecke, sondern fast überall reibungslos läuft. Die Sonne schien die ganze Woche über auf die Menschen, dazu beißt eine grimmige Kälte in die Wangen, 78 Prozent aller Karten sind verkauft, es scheinen mal wieder echte Winterspiele zu werden. Fraglich bleibt aber, ob Pyeongchang 2018 wirklich eindrucksvoll wird, oder ob nur die negativen Seiten der Ausrichtung gerade weiß überpudert sind.

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Die ärgsten Zweifel der Biathleten sind jedenfalls ausgeräumt. Vor neun Jahren war dieser Sport erstmals in Pyeongchang zu Gast, bei der WM 2009. Die Loipe versank in der Woche davor im Dauerregen, wurde von zunehmend verzweifelnden Verbandsexperten Tag und Nacht geflickt, mit Hilfe von Arbeitern, die noch nie eine Loipe gesehen, geschweige denn präpariert hatten. Etliche Male musste der Nassschnee wieder korrekturgeschippt werden, wobei er weiter schmolz, genauso wie die kostbare Zeit bis zum WM-Start. Aber dann lag da wie ein Wunder doch eine kantige, ruppige Loipe - "die beschissenste, auf der ich je gelaufen bin", sagte damals der deutsche Biathlet Alexander Wolf.

Die können's nicht, jedenfalls keine Schneeveranstaltungen, das war das Urteil der westlichen Garde-Sportler. Die Tribüne blieb fast leer, Biathlon kennt in Südkorea ja keiner. Der Schanzenturm in der Ferne erschien manchem auch ungeeignet für ein echtes Skispringen, so stolz, wie er da aufragte, mitten im Nordwind. Und die bewerben sich gerade für Olympia?

Mitbewerber München wurde trotzdem krachend geschlagen, was einerseits sportpolitische Gründe hatte, andererseits zeigt Pyeongchang jetzt, dass es organisatorisch auf Augenhöhe liegt. Zwar häufen sich gerade Fälle von Magen-Darm-Erkrankungen wegen eines Norovirus; warum, ist aber noch unklar. Klagen über Strecken, Stadien und Bahnen sind nicht zu hören, und die Unterkünfte der Sportler und Medien in nagelneuen Wohntürmen enthalten das Wesentliche - anders als in Sotschi vor vier Jahren. Damals vermissten manche Ankommende ein Bett im Zimmer, andere öffneten einen Hahn, aus dem braunes Wasser floss, wieder andere entdeckten Schuttreste in den Ecken. Olympia riecht zwar auch in Korea nach frischer Farbe, aber die Zimmer sind sauber, warm und hell. Klagen kommen dennoch, von anderen Menschen außerhalb des olympischen Kosmos.

Diese Veranstaltung soll im Grunde auch etwas fürs ganze Land werden. Präsident Moon Jae-in hat das immer wieder gefordert, er appellierte an die Einheit der Bevölkerung, die zwar einiges auszusetzen hat an den teuren Spielen, deren Mentalität aber mit sich bringt, dass sie etwas anderes noch viel schlimmer träfe: eine Blamage vor der ganzen Welt.

Dennoch melden sich Kritiker an der olympischen Sache zu Wort, und sie führen gute Gründe an. Die Kosten sind zwar nicht so explodiert wie in Sotschi, aber mit den 2,9 Milliarden Euro für den Schnellzug vom Flughafen Seoul-Incheon durchs Bergland ins eher beschauliche Gangneung, hätten viele Besseres anzufangen gewusst. Auch die 10 000 teils 500 Jahre alten Bäume am Berg von Jeongseon schätzten Umweltaktivisten vor ihrer Rodung wichtiger ein als sechs alpine Speedrennen im Februar 2018. Für neun von zwölf Sportstätten ist keine Nachnutzung definiert, auch nicht für die Abfahrtsstrecke.

Auf gute Nachbarschaft: Nordkoreas Team hat im Athletendorf neben der Mannschaft aus Italien Quartier bezogen.

(Foto: Ed Jones/AFP)

Wie überall auf der Welt wollen sich auch in Südkorea die Menschen nicht mit offensichtlich Unverhältnismäßigem zufrieden geben, Blamage vor der Welt hin oder her. Auch der Annäherungsprozess zwischen Nord- und Südkorea geht manchen zu weit. Viele sehen darin eine vorübergehende Selbstinszenierung des Nordens und des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Den Protest des eigenen Frauen-Eishockeyteams entschärfte man mit sanftem politischen Druck und dem Blamage-Argument. Das Team war plötzlich mit Nordkoreanerinnen ergänzt worden, was die Welt als Friedensgeste feierte. Die Betroffenen aber fürchten um ihre sportlichen Chancen und fragten, warum eigentlich sie Plätze freimachen müssen - und nicht die Eishockeymänner? Nun fügen sie sich aber.