Badminton:Selbst die Gegnerin lächelt anerkennend

Badminton - Olympics: Day 9

Das Spiel von Tai Tzu-ying, 27, steht eigentlich für sich wie ein einzigartiges, besonders dynamisches Kunstwerk.

(Foto: Lintao Zhang/Getty)

Tai Tzu-ying aus Taiwan ist die wohl spannendste Spielerin im Badminton - ihr Spiel ist ein einzigartiges Kunstwerk. Doch im Olympia-Finale unterliegt sie wieder einmal. Über den Makel eines schlampigen Genies.

Von Thomas Hahn, Tokio

Am Schluss ist es ein zu kurzer Stoppball, der sich im Netz verfängt. Und dann ist es vorbei. Tai Tzu-ying aus Kaohsiung in Taiwan hat das Finale des olympischen Badminton-Turniers verloren. Chen Yufei aus Peking sinkt jubelnd auf die Knie. 21:18, 19:21, 21:18. Es war ein großer Kampf im Musashino Forest Sport Plaza, und am Ende feiern die Chinesen eine Revanche, nachdem sie tags zuvor gegen Taiwans Männerdoppel eine historische Niederlage einstecken mussten.

Tai Tzu-ying ist traurig. Sie hat ihr breites Repertoire an Schlägen gezeigt, sie hat Druck gemacht, nie aufgesteckt. Und manchmal gelang ihr einer dieser ansatzlosen Angriffe, über die selbst Chen Yufei anerkennend lächeln musste. Aber letztlich musste die Chinesin zu oft nur warten, bis der Ball ins Aus oder ins Netz segelte. Es fühlt sich ein bisschen so an, als habe Tai Tzu-ying nicht nur ihre Punkte erzielt, sondern mit ihren Fehlern auch die von Chen Yufei.

Man kann darüber streiten, ob die Besten wirklich Goldmedaillen brauchen, um als die Besten erkannt zu werden. Das Spiel von Tai Tzu-ying, 27, steht doch eigentlich für sich wie ein einzigartiges, besonders dynamisches Kunstwerk. Es lebt von Abwechslung und Mut, von Handlungen, die so schnell sind, dass man nur deren Ergebnis sehen kann. Aus jedem Winkel und aus jeder Höhe platziert Tai Tzu-ying ihre Angriffsschläge, ansatzlos, als habe sie gar keinen Schläger in der Hand, sondern einen Zauberstab, mit dem sie Blitze auf die andere Seite des Netzes schickt.

Gleichzeitig scheint ihr auf dem Feld nichts schwerzufallen. Wenn sie spielt, sieht es manchmal so aus, als lächle sie. Tai Tzu-ying ist die wohl spannendste Spielerin ihres Sports, ein Wunderkind, das schon mit 15 erwachsene Profis aufmischte, in den Jahren danach die wichtigsten Turniere der Welttour gewann, so lange wie keine vor ihr die Weltrangliste anführte und vor drei Jahren die erste Preisgeld-Dollar-Millionärin im Badminton wurde.

Brillanz mit kleinen Fehlern: das ist das Thema der Karriere von Tai Tzu-ying

Aber bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen ist sie vor den Spielen in Tokio nie weit gekommen. Und irgendwie war das eben doch ein Makel für sie - das größte Zugeständnis an ihre größte Schwäche: Sie ist ein schlampiges Genie, das kann sie nicht ändern. An schlechten Tagen erreichen ihre Risikoschläge nicht ihr Ziel. "Ich bin sehr anfällig für Fehler, und ich habe damit zu kämpfen, sie zu reduzieren." Das ist das Thema ihrer Karriere. "Normalerweise musst du erst an deiner Beständigkeit arbeiten, dann an deiner Technik feilen", sagt Tai Tzu-ying, "bei mir ist die Reihenfolge verkehrt herum."

Die Reihenfolge kann man sich eben nicht immer aussuchen. Und fangen nicht gerade die guten Geschichten immer anders an als die gewöhnlichen Geschichten? Aber natürlich, die Chinesin Chen Yufei ist weniger anfällig für Fehler. Sie spielte auch schon im Alter von 15 auf internationalem Niveau, aber ihre Karriere war früher festgelegt auf den Dienst am Vaterland. Sie hat viele Junioren-WM-Titel gesammelt. Tai Tzu-ying nicht. Dafür stand sie an ihrem 16. Geburtstag bei den Singapore Open in ihrem ersten Superserien-Finale. Und überhaupt scheint die Karriere der einen, der konstanten Chen, und der anderen, der wechselhaften Tai, den Unterschied zwischen den beiden Gesellschaften zu spiegeln, aus denen sie stammen.

Badminton - Olympics: Day 9

Nach dem letzten Punkt er Jubelschrei: Die Chinesin Chen Yufei.

(Foto: Lintao Zhang/Getty Images)

China und Taiwan. Das Riesenreich unter Ein-Parteien-Herrschaft und die abtrünnige Insel der Demokraten. Das Verhältnis der beiden Länder ist zu schwierig, als dass man junge Sportlerinnen damit belasten sollte. Aber ihre Herkunft können Chen Yufei und Tai Tzu-ying nicht verleugnen. Man muss nur ihre Profile auf der Seite des Weltverbandes BWF vergleichen.

Dort gibt es die Frage: Wie begann Ihre Badminton-Karriere? Antwort Tai: "Ich habe den Sport in der Grundschule angefangen. Ich habe als Kind meine Eltern zum Badminton-Court begleitet und liebe diesen Sport von Natur aus." Antwort Chen: "Hangzhou, 2004, weil ich als Kind zu ungezogen war." Weitere Frage: An welche Errungenschaft erinnern Sie sich am liebsten? Antwort Tai: "Mein erstes Superserien-Finale war an meinem Geburtstag - und das gesamte Publikum hat mir gratuliert." Antwort Chen: "2017, Weltmeisterschaften." Sie wurde damals in Glasgow Dritte.

Für die Chinesin ist Badminton demnach eine Strafe, die sie mit Erfolgen abbezahlt. Für die Taiwanerin eine Leidenschaft, die ihr schöne Augenblicke gibt. Wenn man Chens Antworten bedenkt, fällt es schwer, in Chinas Sport mehr zu sehen als eine riesige seelenlose Medaillenfabrik. Auf der Insel scheint man dem Leben mehr zugeneigt zu sein. Dass Tai Tzu-ying in Tokio trotzdem das Finale erreichte, zeigte ihr, dass es zwar schön wäre, sowohl konstant als auch brillant zu sein. Dass sie es mit ihrer Brillanz allein aber auch sehr weit bringen kann.

Aber ob sie noch einen Angriff auf Gold wagen wird, ist ungewiss. Sie hat Pläne. Badminton ist anstrengend. Viele Reisen, viele Turniere, und wer auf dem Feld nicht immer in Bewegung ist, hat keine Chance. Tai Tzu-ying spürt eine Müdigkeit in sich und Lust auf neue Entdeckungen. Es kann deshalb sein, dass dieses Jahr ihr letztes als Sportprofi wird.

"Badminton nimmt zu viel von meiner Zeit", hat sie vor den Spielen gesagt, "ich möchte noch Zeit für andere Dinge haben, solange ich jung bin." Sie möchte zum Beispiel mit dem Fahrrad durch Taiwan fahren. Sie möchte fit sein für das Leben jenseits der Badminton-Felder. "Die Dinge, die ich machen möchte, erfordern viel Energie", sagt sie. Sie erfordern nicht unbedingt eine olympische Goldmedaille.

© SZ/lib/bkl/tbr
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