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Olympia-Ausschluss:Russland droht die radikale Lösung

Russische Athleten könnten komplett von Olympia in Rio verbannt werden. Doch traut sich das IOC diesen Schritt? Und welche Rolle spielt Wladimir Putin?

Es hat übers Wochenende offenkundig eine Art innerrussischer Überbietungswettkampf eingesetzt, welcher Politiker, Funktionär oder Athlet nach dem Ausschluss der nationalen Leichtathleten für die Sommerspiele in Rio de Janeiro die harscheste Wortwahl findet. Staatspräsident Wladimir Putin bezeichnete die Sanktion als "unfair", die Stabhochsprung-Olympiasiegerin Jelena Issinbajewa empörte sich über eine "Menschenrechtsverletzung", und Sportminister Witalij Mutko drohte, dass die Disqualifikation noch Konsequenzen haben werde.

Aber womöglich müssen sich Putin & Co. noch ein bisschen Steigerungspotenzial für ihre verbalen Beschwerden lassen. Denn nachdem am Freitagabend der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) die weitere Suspendierung des russischen Verbandes und damit das faktische Aus für die Sommerspiele beschloss, intensiviert sich nun auch noch eine andere Debatte: Warum trifft es eigentlich nur die Leichtathleten und nicht mehr Verbände des offenkundig dopingverseuchten Riesenreiches? "Das IOC ist gut beraten, über einen Gesamtausschluss Russlands nachzudenken", sagte etwa der deutsche Leichtathletik-Chef Clemens Prokop.

Weitere Wada-Gruppe ermittelt

Die jüngsten Erkenntnisse liefern den Befürwortern einer solch radikalen Lösung jedenfalls Argumente. Denn der IAAF-Report, auf dem der verhängte Ausschluss fußt, zeigt auf, dass die Enthüllungen der ARD-Dokumentationen und der Report der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) Ende 2015 über umfangreiches und systematisches Doping nicht viel bewirkt haben.

"An der Kultur des Dopings und daran, dass es toleriert wird, hat sich bis heute nichts geändert", sagte Rune Andersen, Leiter der IAAF-Untersuchungsgruppe. Das offenkundigste Argument ist die Tatsache, dass in den vergangenen Monaten gleich 736 unabhängige Dopingproben nicht wie geplant durchgeführt werden konnten.

Zudem ist, so seltsam es klingen mag, mit dem ersten Wada-Report von 2015 sowie der Dokumentation des Weltverbandes der Tiefpunkt über die russische Dopingkultur wohl noch nicht erreicht. Angeführt vom kanadischen Anwalt Richard McLaren ist derzeit noch eine weitere Gruppe der Wada aktiv. Sie untersucht die Vorwürfe, die der frühere Moskauer Kontrolllabor-Chef und jetzt in Los Angeles lebende Wissenschaftler Grigorij Rodtschenkow kürzlich in der New York Times machte. Demnach soll es rund um die Winterspiele in Sotschi 2014 zu staatlich organisiertem Doping gekommen sein. Während der Veranstaltung seien unter Beteiligung des Sportministeriums und des Geheimdienstes in nächtlichen Aktionen positive Proben gegen Wochen zuvor vorbereitete saubere Proben ausgetauscht worden.