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Olympia-Auftakt:"Let's play Holocaust"

Tokyo Olympics: Organizing committee chief Hashimoto Seiko Hashimoto (C), president of the Tokyo Olympic and Paralympic; Olympia

Die schlechten Nachrichten reißen nicht ab: OK-Chefin Seiko Hashimoto (Mitte) verkündet am Donnerstag die Absetzung des Zeremonienmeisters für die Eröffnung der Olympischen Spiele, Kentaro Kobayashi, wegen antisemitischer Bemerkungen.

(Foto: Kyodo News/Imago)

Kurz vor der Spiele-Eröffnung stolpern die Organisatoren in den nächsten Skandal. Diesmal im Fokus: ein Kreativdirektor, der sich über die Nazizeit lustig macht.

Von Thomas Hahn, Tokio

Am Donnerstag feuerte das Organisationskomitee Tocog dann Kentaro Kobayashi. Die Veranstalter der Olympischen und Paralympischen Spiele in Tokio hätten sich diesen Rauswurf sicher gerne erspart. Schließlich gehörte Kobayashi zu den Kreativdirektoren der Olympia-Eröffnungsfeier, die an diesem Freitag trotz Corona-Ärger und anderer Störungen stattfinden soll. Aber er war nicht zu halten, denn in sozialen Medien kursierte das Video von einem alten Sketch, in dem sich Kobayashi mit der Phrase "Let's play Holocaust" über die Nazizeit lustig machte.

Die jüdische Menschenrechtsorganisation Simon Wiesenthal Center aus Los Angeles gab ein Statement heraus, in dem Rabbi Abraham Cooper passende Worte zum Humor Kobayashis fand. "Niemand, egal wie kreativ, hat das Recht, sich über die Opfer des Genozids durch die Nazis lustig zu machen", sagte er. Schon gar nicht mit Blick auf die Paralympics, denn die Nazis vergasten auch Menschen mit Behinderung. Ein Mann wie Kobayashi bei den Tokio-Spielen sei eine "Beleidigung für das Gedenken von sechs Millionen Juden und eine grausame Verhöhnung der Paralympics". Tocog-Präsidentin Seiko Hashimoto lieferte zum Rauswurf eine Entschuldigung und erklärte, man werde die Eröffnungsfeier überdenken.

Damit dürfte der Fall erledigt sein. Für nachhaltige Änderungen am Programm ist es jedenfalls zu spät. Dem versammelten Weltsport bleibt gar nichts anderes übrig, als den japanischen Gastgebern ihren nächsten Skandal nachzusehen. Aber auffällig ist es schon, wie sehr die Tokio-Spiele geprägt sind von Japans Konflikten. Die Olympia-Reisenden bekommen auch die Skepsis der Bevölkerung zu spüren, welche die japanische Coronavirus-Politik hervorgerufen hat. Dazu steigen die täglichen Infektionszahlen in Tokio; am Donnerstag meldete die Metropole 1979 Neuinfektionen, für japanische Verhältnisse ist das viel.

Tokio 2020 - Kreativdirektor der Eröffnungsfeier Kobayashi

Was er sich dabei wohl gedacht haben mag? Kreativdirektor Kentaro Kobayashi, 48, Schauspieler, Dramaturg und Comedian, klopfte 1998 in einer Show antisemitische Sprüche.

(Foto: dpa)

Dazu kommt der Ärger mit dem Personal, der die Vorbereitungen auf die Spiele im vergangenen halben Jahr fast zuverlässiger begleitete als die diversen Qualifikationsturniere. Kentaro Kobayashi ist der vorerst letzte aus einer ganzen Mannschaft in Ungnade gefallener Mitglieder der Organisatoren. Anfang der Woche trat der Musiker Keigo Oyamada aus dem Kreativteam der Spiele zurück, weil er einst Mitschüler mit Behinderung quälte und später in Interviews davon erzählte, als wäre das lustig gewesen. Im März musste der Kreativdirektor Hiroshi Sasaki gehen, weil er angeregt hatte, die Schauspielerin und Plus-Size-Berühmtheit Naomi Watanabe bei der Eröffnungsfeier im Schweinchenkostüm auftreten zu lassen.

Und Seiko Hashimoto wäre heute nicht Tocog-Präsidentin, wenn sie nicht selbst die Lücke nach einem Fehltritt hätte füllen müssen. Ihr Vorgänger, der frühere Premierminister Yoshiro Mori, disqualifizierte sich im Februar mit dem Gedanken, dass Vorstandssitzungen mit mehr Frauen unpraktisch seien, weil diese "sich hinziehen" würden. Seiko Hashimoto war damals Olympiaministerin für die rechtskonservative LDP, der alte einflussreiche Mori galt als ihr Förderer. Als er sich der Kritik beugte, trat sie schnell aus der LDP aus und wechselte aus dem Kabinett an die Tocog-Spitze.

In Japan mag man solche raschen Lösungen. Allerdings wird dabei nicht immer klar, ob das tiefere Problem des Konflikts erfasst wird. Frauenfeindlichkeit, Mobbing und Antisemitismus sind ja nicht irgendwelche Versehen. Solche Themen bekommen im Inselstaat meistens erst dann Fahrt, wenn Ausländer sich darüber aufregen.

IOC-Präsident Thomas Bach redet dieser Tage viel von Solidarität. Aber Japan und Südkorea hangeln sich von einem Streit zum nächsten

Und noch ein japanisches Konfliktfeld ist bei Olympia unübersehbar: der Streit über historische und territoriale Themen mit dem Nachbarn Südkorea. Korea war zwischen 1910 und 1945 eine japanische Kolonie, dieser Umstand belastet die Beziehungen der Länder bis heute, vor allem wegen der sogenannten Trostfrauenfrage. Japan zwang Koreanerinnen einst in Militärbordelle, einzelne Opfer dieser Praxis haben Anfang des Jahres in Südkorea einen Prozess dazu gewonnen. Das ärgerte die rechtskonservative Regierung Japans sehr. Sie sieht alle koreanischen Ansprüche längst vertraglich ausgeräumt.

Südkorea und Japan streiten außerdem über die sogenannten Liancourt-Felsen im Japanischen Meer bzw. Ostmeer. Südkorea beansprucht sie unter dem Namen Dokdo, Japan unter dem Namen Takeshima. Olympia könnte ein Anlass sein, solche Streitigkeiten aufzuarbeiten, IOC-Präsident Thomas Bach redet dieser Tage ja viel von Solidarität. Aber Japan und Südkorea kriegen es nicht hin.

Tocog verwendete eine Karte, in der die Liancourt-Felsen als Takeshima-Inseln eingezeichnet sind. Seoul protestierte. Vergeblich. Dafür wurde zuletzt bekannt, dass Südkoreas Auswahl ihr eigenes Essen mitbringt, weil sie seit dem Nukleardesaster von 2011 den Produkten aus Fukushima nicht traut. Und bis Samstag hatte sie Banner an der Fassade des Athletendorfs angebracht, die auf einen japanisch-koreanischen Krieg im 16. Jahrhundert anspielten. Nach Regel 50 der Olympischen Charta sei das provozierend, urteilte das Internationale Olympische Komitee (IOC). Südkoreas Team nahm die Banner herunter. Im Gegenzug habe das IOC zugesichert, dass die Kyokujitsuki - jene Militärflagge mit dem Namen "Flagge der aufgehenden Sonne", die Koreaner an die Gräueltaten der japanischen Besatzer erinnert - nicht im Stadion erlaubt werde.

In Wirklichkeit nutzt Japans Politikelite die Chance der Spiele nicht zum Dialog mit dem Nachbarn. Südkoreas Präsident Moon Jae-in wollte eigentlich im Rahmen der Eröffnungsfeier mit Premierminister Yoshihide Suga sprechen. Jetzt kommt er doch nicht nach Tokio. Man sehe keine Aussicht auf Erfolg, teilte seine Regierung mit. Zumal sich laut Medienberichten zuletzt ein hoher Japaner im Ton vergriffen hatte. Hiroshi Soma, stellvertretender Chef de Mission in Japans Botschaft in Seoul, soll ins Anzügliche abgeglitten sein, als er von Moons Schwierigkeiten mit dem schlechten Nachbarschaftsverhältnis sprach.

So offenbart die Aufmerksamkeit der Spiele auch viele japanische Nachlässigkeiten, die im Alltag wenig auffallen. Immerhin, vor der Eröffnungsfeier dürfte es nicht noch schlimmer werden. Die Zeit ist langsam zu knapp für die nächste Enthüllung.

© SZ/jkn/ebc/cat
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