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Nordische Ski-WM:Ruhe jetzt!

FIS Nordic World Ski Championships Oberstdorf - Men's Ski Jumping HS106 Q

Schön hier - aber auch ganz schön still: Der Norweger Jarl Magnus Riiber segelt vor leeren Rängen in Oberstdorf seinem Kombinations-Gold entgegen.

(Foto: Millo Moravski/Zoom/Getty)

Die Oberstdorfer WM steht auch im Zeichen der Pandemie. Doch zunehmend fordern Stimmen, nicht länger über eine fehlende Party zu jammern, sondern die Veranstaltung zu nehmen, wie sie ist - durchaus auch mit Vorteilen.

Von Volker Kreisl

Ja klar, der Sportliche Leiter erinnert sich auch noch deutlich an damals. An die Weltmeisterschaft 2005, als in Oberstdorf mächtig was los war. Heute ist Horst Hüttel beim Deutschen Skiverband fürs Gelingen von Skisprung und Nordischer Kombination verantwortlich, 2005 war das noch anders, da war er junger Trainer, zuständig für die Vorspringer, gewissermaßen für die Vorkoster, die vorab die Spur einfahren und den Hang testen. Unvergesslich war das, sagt Hüttel. Aber dann reicht es ihm auch, denn "das ganze Thema ist langsam überstrapaziert!" Hüttel meint das ewige Erinnern an früher, das Jammern über Covid-19 und die Stille. Besser wär's, dieses Früher mal abzuhaken.

Mann, war da was los in der Marktgemeinde Oberstdorf. 300 000 bis 400 000 Gäste waren dabei, erst 1987 und dann noch 2005. Prallvoll mit Menschen die Tribünen und die Stehplätze an Schanzen und Loipen, brechend besetzt das Dorf, Halligalli allenthalben, Gewummer aus dunklen Kneipen. Und die Dauershow auf der Bühne unter dem Muscheldach vorm Oberstdorf-Haus, dem Kulturzentrum, hörte nicht auf. Zu feiern gab es ja Medaillen satt, auch für die Deutschen, vor allem aber für die Norweger. Getrunken und verbrüdert wurde die ganze Nacht, was morgens auf dem Weg ins Pressezentrum an leeren Flaschen und Pappbechern noch erkennbar war.

Aber ja, irgendwann muss mal Schluss sein mit diesen Gedanken. Die Bühnen-Muschel sieht nun aus, als wäre sie an einem warmen einsamen Südseestrand angeschwemmt worden. Denn, das kommt gerade noch dazu, nicht nur die Pandemie, auch die Sonne bedroht die WM und ihre Loipen. Auf der Muschel dösen nun Krähen und Tauben, Strahler, die nichts zu bestrahlen haben, und Lautsprecher, die schweigen, hängen darin. Und die Frage ist, ob dieser Text vielleicht ähnlich nutzlos ist, weil die Wintersportsaison 20/21 ohnehin bald zu Ende ist mit ihren immergleichen Corona-Sportgeschichten. Und doch, die Lage hier in Oberstdorf, besser gesagt die Fallhöhe, ist noch mal eine andere.

Aus dem deutschen Wintersport-Höhepunkt ist ein Tiefpunkt geworden, je nachdem wie man es sieht. Je nachdem, ob man überall noch die fehlenden Massen sieht und den verklungenen Roar der Fans vernimmt, oder ob man schaut, was jetzt gerade so los ist.

Oberstdorf ist ein Skiort - und wäre als Nation im Medaillenspiegel ziemlich weit vorn

Spontan fällt einem keine Gemeinde ein, die derart viele Winter-Cracks hervorbringt, wie die Oberstdorfer. Jemand hat hier kürzlich ausgerechnet, dass Oberstdorf, hätte es als Nation bei der jüngsten Nordisch-WM teilgenommen, auf einen der vorderen Plätze gekommen wäre. Alle, die nun dabei sind, waren natürlich als Kinder im Skiclub und anderweitig engagiert, und 2005, als Hüttel der Vorspringer-Coach war, da trug Karl Geiger, heute Skiflug-Weltmeister, bei der Eröffnungsfeier die kasachische Fahne, und Langläuferin Laura Gimmler war auf der Bühne der Tannenbaum.

Etwas derart Farbenfrohes wurde diesmal natürlich nicht dargeboten, doch immerhin produzierte man am Mittwochabend Bilder vom Schanzenhügel hoch über den Häusern fürs Fernsehen. Eine Gruppe Skifahrer schwang hinab, eine Lichtshow schwenkte die Strahler hinauf Richtung Schattenberg und Nebelhorn und weiter zum Mond. Derweil befand sich unten im Dorf, auf den Straßen kein Mensch, in allen Gassen gähnte Leere. Und zum ersten Mal wurde es so richtig still - und sogar kalt.

FIS Nordic World Ski Championships Oberstdorf - Women's Cross Country 5 km F

Konzentration aufs Wesentliche: Raquel Sukkar aus dem Libanon gleitet bei der WM durch die Loipe.

(Foto: Matthias Hangst/Getty)

Am Ende der Straße lockte dann doch ein schwaches Licht, und tatsächlich, es tat sich was. Ein Straßenverkauf, gutbürgerliches Essen, rettete den Abend und die Nacht, und im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Menschen natürlich alle vorm Fernseher saßen, dass es ein reichhaltiges Angebot an Takeaway-Abendessen gibt, und überhaupt eine gewisse Oberstdorfer Kreativität im Bewältigen dieser Pandemie-WM, einen "gewissen Spirit", wie es Peter Krujer, der Vorsitzende des SC Oberstdorf, der Allgäuer Zeitung sagte.

Das Papplikum ist keine Erfindung der Oberstdorfer, aber die Aufsteller auf den Sitzen standen schon bei der Vierschanzentournee in der Skisprung-Arena. Das Prinzip ist bekannt, die Fläche auf den Pappfigur-Köpfen wird verkauft und mit dem Porträt des zahlenden Fans beklebt. Einige Tausend blicken einen nun hier an, was einen gewissen Kontrast ergibt. Die Gesichter, teils aufgenommen in der heimischen Wärme, lächeln entspannt, und grüßen sozusagen aus dem Wohnzimmer hinaus in die abends dann doch aufziehende Stadionkälte. Bei der ersten Entscheidung, dem Sieg der slowenischen Skispringerin Ema Klinec, grüßten sie zwar wie stumme Zaungäste, aber immerhin, es ergab sich so etwas wie eine Verbindung nach unten ins Tal.

Besser als nichts, das ist die Grundhaltung bei allem, was momentan auf die Beine gestellt wird im beschränkt geöffneten Sport. Das kleine Drama, das sich dann noch abspielte, bekamen ohnehin die Menschen, deren Papp-Gesichter hier hängen, besser am Bildschirm zuhause mit. Die Österreicherin Marita Kramer hatte im ersten Durchgang mit 109 Metern einen Schanzenrekord aufgestellt und war als Schlussspringerin im zweiten Durchgang somit hochfavorisiert auf den Sieg. Wegen vermeintlich besserer Bedingungen wurde aber ihr Anlauf verkürzt, Kramer sprang zu knapp, verpasste sogar das Podest, Österreichs Ski-Präsident Peter Schröcksnadel tobte ("Sauerei! Manipulation!"), und die Ski-WM erlebte auch mal etwas von jenem Alltagsärger, der nichts mit Sonne oder Seuche zu tun hatte.

Die Sieger sprechen hinter einem weinroten Vorhang - ein Symbol für Abstand

Das Heim-Papplikum hätte auch körperlich anwesend keinen Lärm erzeugt, denn die Deutschen hatten am ersten Wettkampftag nichts geholt. Zur Siegerpressekonferenz ins Main Press Center kamen daher andere, vor allem Norweger. Die Deutschen verpassten somit nicht nur eine Medaille, sondern auch die einzigartige Bühnenvorstellung, die in Oberstdorf geboten wird. Denn die Presseplätze befinden sich in einem großen Theatersaal, und die Sieger sitzen auf der Bühne an einem Tisch und blicken auf die Reporter - theoretisch jedenfalls, denn der weinrote Vorhang zwischen Bühne und Siegern ist zugezogen. Es leuchtet allerdings ein riesiger Monitor auf die Presse, der das Geschehen hinter dem Vorhang überträgt. "Wir wollten zumindest eine gefühlte Nähe herstellen", sagt Pressechefin Miriam Frietsch.

Das ist einerseits eine Groteske, andererseits eine kreative Lösung, und auch ein Bild für den Abstand, für künstlichen Kontakt und die Illusionen in der Pandemie - denn viele Kollegen ahnten nicht, dass die Sieger tatsächlich hier hinterm Vorhang sprechen. Und vielleicht ist es mit dem gewohnten Bild einer lauten WM genauso, vielleicht muss man es hinter sich lassen. Oberstdorf vermisst sein Publikum und die Einnahmen, aber wenn das nicht zu ändern ist, kann schon die Frage aufkommen, was denn so schlimm ist, wenn bei einer Großveranstaltung einfach mal Ruhe ist.

Der Sport ist jedenfalls reduziert auf das Wesentliche, auf die Form des Athleten, seine Konzentration, seine Fähigkeit, die Technik punktgenau abzurufen. Die Wettkämpfe wirken wie in einem Labor, mit gleichen Bedingungen. Frauen werden exakt genauso stark angefeuert wie Männer, nämlich nur von den eigenen Betreuern. Und die ganze reduzierte WM-Belegschaft aus Reportern, Technikern und Sportlern wirkt entspannter als sonst, weil die Wege frei sind, der Shuttle rechtzeitig ans Ziel kommt und die Ordner gelassener auftreten.

Und das fast leergefegte Dorf? Drei Tage, und man gewöhnt sich an leere WM-Straßen, auch wenn es hoffentlich das einzige Mal war.

© SZ/bkl/ska
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