Leichtathletiktrainer Alberto Salazar:Salazars Geheimnisse bleiben im Dunkeln

Leichtathletiktrainer Alberto Salazar: Totenkopf als Markenzeichen: Alberto Salazar, lebenslang gesperrt, bestritt bis zuletzt alle Vorwürfe.

Totenkopf als Markenzeichen: Alberto Salazar, lebenslang gesperrt, bestritt bis zuletzt alle Vorwürfe.

(Foto: Ryan Kang/AP)

Er stand im Zentrum eines der größten jüngeren Leichtathletik-Skandale: Startrainer Alberto Salazar sah sich mit Vorwürfen zu Doping und Missbrauch konfrontiert. Nun endet einer der letzten Streits außergerichtlich - Fragen bleiben offen.

Von Johannes Knuth

So schließt sich also die vorerst letzte Akte zu in einem der größten jüngeren Skandale der Leichtathletik: vor einem Berufungsgericht in Portland, dem Zentrum des US-Bundesstaates Oregon, wo auch der US-Sportartikelhersteller Nike residiert. Am vergangenen Montag hatte das Gericht noch eine wichtige Anhörung in der Sache anberaumt, jetzt bestätigte es, dass die Streitparteien sich geeinigt haben. Außergerichtlich.

Eine Partei, das war Mary Cain, einst eine der größten Laufbegabungen der USA. Cain hatte vor vier Jahren, als 23-Jährige, schwere Vorwürfe gegen ihren einstigen Trainer Alberto Salazar und gegen Nike vorgebracht - der Konzern hatte Salazars Trainingscamp, das mittlerweile aufgelöste Nike Oregon Project NOP, über Jahre alimentiert. "Ich wurde von einem System emotional und körperlich missbraucht, das Alberto entworfen und Nike unterstützt hat", so Cain. Kurz zuvor war Salazar bereits in einer anderen Sache sanktioniert worden: wegen Dopingverstößen.

Salazar und sein Stab, schilderte Cain damals, hätten sie ständig dazu gedrängt, Gewicht zu verlieren. Auch Salazars damaliger Co-Trainer Pete Julian - der später Konstanze Klosterhalfen trainierte, zu Beginn auch unter NOP-Flagge -, sei nicht entschieden eingeschritten (Julian behauptete, er habe Cain im Hintergrund sehr wohl geschützt). Cain, 1,70 Meter groß, sagte jedenfalls, sie sei permanent vor versammeltem Team gewogen und mit ihren 52 Kilogramm als zu schwer gedemütigt worden - von Salazar. Auch soll der Chefcoach angeordnet haben, systematisch Antibabypillen und Diuretika zur Urinausschwemmung einzunehmen. Durch dieses pharmazeutisch befeuerte Aushungern habe sie drei Jahre ihre Periode nicht bekommen und fünf Knochenbrüche erlitten, bis sie 2015 ausstieg; ein Comeback vor drei Jahren blieb ohne Erfolg. Dass chronische Unterversorgung sich auf Knochendichte und Menstruation auswirken kann, ist belegt.

Leichtathletiktrainer Alberto Salazar: Ein Bild aus dem Juni 2013: Mary Cain, damals 17, mit ihrem Trainer Alberto Salazar.

Ein Bild aus dem Juni 2013: Mary Cain, damals 17, mit ihrem Trainer Alberto Salazar.

(Foto: Don Ryan/AP)

Während Cain sagte, sie habe am Ende einen Suizid erwogen, bestritt Salazar, wie auch in der Dopingaffäre, im Kern bis zuletzt alle Vorwürfe. Lediglich, dass Athleten womöglich einige unsensible Kommentare von ihm als verletzend empfunden haben könnten, räumte er ein. Cain habe ihm ihre Probleme auch nie vorgetragen, über Gewicht und Medikationen habe er mit ihrem Vater, einem Arzt, gesprochen. Allerdings stützten diverse frühere Athleten und Mitarbeiter Salazars Cains Schilderungen. Er habe Athletinnen systematisch zum Abnehmen drängen müssen, sagte etwa Steve Magness, ein einstiger Assistent.

Im Dezember 2021, zwei Jahre nach Cains Schilderungen, war das nächste Urteil rechtskräftig. Das Center for Safe Sports, eine unabhängige Integritätsprüfstelle, sperrte Salazar lebenslang für Trainertätigkeiten - wegen "sexualisiertem Fehlverhalten".

Salazar wehrte sich mit kuriosen Erklärungen gegen seine Dopingsperre - ohne Erfolg

Auch Nike schlitterte da längst über enorm brüchiges Geläuf. Der Konzern hatte über Jahre Millionen in Anwaltskosten für Salazar und einen langjährigen Vertrauensarzt gepumpt, der im Zuge der Dopingermittlungen gegen Salazar ebenfalls gesperrt worden war. Ein Schiedsgericht hatte 2019 geurteilt, dass Salazar das Anti-Doping-Prozedere ungebührlich beeinflusst und mit im Sport verbotenen Schnellmachern gehandelt hatte. Salazar hatte seine eigenen Söhne etwa mit Testosteronsalbe eingerieben und das als Test erklärt: Für den Fall, dass übelmeinende Rivalen seinen Athleten Hormonsalben einmassieren könnten, müsse man ja vorbereitet sein.

Die Berufungen gegen das Urteil verpufften. Nun sahen sich Salazar und Nike mit einer 20 Millionen Dollar schweren Schadenersatzklage konfrontiert - von Cain. Nicht nur habe ihr Salazar schweren Schaden zugefügt, sagte sie, auch habe Nike zu wenig unternommen, um sie davor zu schützen. Nikes und Salazars Anwälte bestritten das zuletzt mithilfe eines 48-seitigen Schriftsatzes. Cains Vorwürfe seien "nachweislich falsch" und in sich widersprüchlich. Außerdem seien mögliche Ansprüche mittlerweile verjährt. Cains Anwälte antworteten, dass sie mehr Zeit für eine Replik bräuchten, da ihr nicht alle Beweisdokumente übermittelt worden seien. Und nun also: die stille Einigung.

Weshalb der Pakt so rasch zustande kam? Lag es an der Stichhaltigkeit von Cains Belegen? Oder an einem gewiss brennenden Wunsch der Beklagten? Dieser Wunsch dürfte sich jedenfalls erfüllen: dass nicht noch mehr Details über Salazars einstiges Trainingsnest nach außen dringen, oder Erkenntnisse darüber, wo diese Details womöglich überall bekannt waren.

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