Gardner Minshew in der NFL:Hype um den Quarterback mit dem Schnauzer

NFL: New Orleans Saints at Jacksonville Jaguars

Jaguars-Quarterback Gardner Minshew muss beweisen, dass er dem Hype gerecht werden kann.

(Foto: Reinhold Matay/USA TODAY Sports)
  • Football-Profi Gardner Minshew hat sich in kurzer Zeit zur Kultfigur der diesjährigen NFL-Saison entwickelt
  • Nun kommt die Phase, in der er die Begeisterung rechtfertigen muss.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Es sieht nicht gut aus für Gardner Minshew. Der Quarterback der Jacksonville Jaguars befindet sich nach allem, was über Sport, Wirtschaft und Technologie bekannt ist, auf direktem Weg ins Tal der Enttäuschungen. Am vorigen Wochenende wirkte er zum ersten Mal in seiner Karriere, die ja erst vor ein paar Wochen und nur aufgrund der Verletzung von Stammspielmacher Nick Foles in Fahrt gekommen ist, tatsächlich wie ein Neuling in der US-Profiliga NFL: Bei der 6:13-Niederlage gegen die New Orleans Saints wurde Minshew von den gegnerischen Verteidigern regelrecht gejagt, er sah fahrig und bisweilen hilflos aus, nicht einmal die Hälfte seiner Pässe kam bei den Mitspielern an.

"Believe the Hype!" So nennen die Amerikaner das, wenn einer nicht grundlos gefeiert wird, sondern die Begeisterung mit grandiosen Leistungen rechtfertigt. Die Jaguars hatten Minshew nach der schlimmen Schulterverletzung von Foles ins kalte Wasser geworfen, und Minshew hielt sich nicht bloß irgendwie über Wasser, sondern schwamm wie Michael Phelps, der 23-malige Olympiasieger: Die Zahlen in den für Spielmacher wichtigen Statistiken Passquote (73,9 Prozent) und Passer Rating (110,6) waren die besten, die je ein Quarterback in den ersten drei Spielen seiner Karriere erreicht hat.

Zu Minshews Popularität trägt bei, dass er wie ein cooler Hund wirkt. Er trägt einen Tom-Selleck-Schnurrbart und ein Jane-Fonda-Stirnband, dazu selbst abgeschnittene Jeans und Fliegerbrille, in Interviews spricht er davon, wie er seine Hand einst mit dem Hammer brechen wollte, um länger am College spielen zu können. So wurde Minshew zur Kultfigur, die Jaguars-Fans kommen mit angeklebten Bärten zu den Spielen, im Internet gab es Sprüche über ihn wie sonst nur über den Schauspieler Chuck Norris. Ein Beispiel: "Als Minshew zur Uni ging, sagte er zu seinem Vater: Du bist jetzt der Mann im Haus!" Das Netzwerk Snapchat führte einen Minshew-Filter mit Bart, Brille und Stirnband ein.

Minshew ist ein Beispiel dafür, wie es jungen Quarterbacks in der ersten Saison ergeht

Kaum ein Mannschaftssport ist derart auf einen Einzelnen fokussiert wie American Football auf den Quarterback, und so wird Minshew zum Symbol einer Saison, in der Ersatzleute auf der Spielmacherposition für Furore sorgen: Bei den Saints übernahm Teddy Bridgewater für den verletzten Drew Brees, bei den Pittsburgh Steelers spielt nun Devlin Hodges, nachdem erst Ben Roethlisberger und dann dessen erster Ersatzmann Mason Rudolph ausfiel; bei den Indianapolis Colts steht Jacoby Brissett nach dem überraschenden Karriereende von Andrew Luck auf dem Feld. Auch die New York Giants (Daniel Jones für Eli Manning) und die Carolina Panthers (Kyle Allen für Cam Newton) haben bereits getauscht.

Es wäre zu früh, die vielen Wechsel als Trend zu betrachten oder die Karrieren der Super-Bowl-Gewinner Brees und Roethlisberger für beendet zu erklären - die des zweimaligen Titelträgers Manning dagegen dürfte vorbei sein. Es lohnt aber, die ersten Partien von Minshew als Beispiel dafür zu betrachten, wie es jungen Quarterbacks während ihrer ersten Saison als Stammspieler in dieser Liga ergeht, in der einer schwimmen mag wie Phelps und dennoch von Haien gefressen werden kann.

Kaum ein Sportler ist derart gläsern wie ein Quarterback

Die Wissenschaftlerin Jackie Fenn hat in den Neunzigerjahren ein Modell für technologische Innovationen entwickelt, das "Gartner Hype Cycle" heißt und sich auf junge Sportler anwenden lässt: Nach ersten Erfolgen folgt der Gipfel überzogener Erwartungen, also die wahnwitzige Begeisterung um Minshew und der Glaube der Jaguars-Fans, nicht nur die Playoffs erreichen, sondern womöglich gar die Meisterschaft gewinnen zu können.

Nur: Football wird manchmal auch deshalb als "Rasenschach" bezeichnet, weil die Gegner fast alles übereinander wissen und einander zu übertölpeln versuchen. Kaum ein Sportler ist derart gläsern wie ein Quarterback, ein junger Ersatzspieler kann erst einmal Verwirrung auslösen, wenn nicht viel über ihn bekannt ist und er aus dem Bauch heraus richtige Entscheidungen trifft. Minshew wich bei seinen ersten Partien den heranstürmenden Verteidigern geschickt aus, er agierte unbekümmert und warf die Bälle ebenso unbekümmert zu im Grunde gedeckten Mitspielern.

Diese Spielweise gefällt den Zuschauern, und Minshew gab sich auf und abseits des Spielfelds derart lässig, dass die Leute glaubten, dass ihm all der Rummel nichts ausmache. Minshew kommt daher wie der bodenständige Typ, der vor der Abfahrt zum Stadion ein Kätzchen rettet, seinem Vater beim Reifenwechseln hilft und der Mutter Blumen bringt - und dann quasi nebenbei Footballspiele gewinnt.

Bei Minshew könnte das Tal der Enttäuschung folgen

Aber nun gibt es Videomaterial von Minshew aus Partien bei den Profis, und das zeigt, dass er oft zu lange für einen Pass braucht. Die Verteidiger wissen, wohin er am liebsten wirft, nämlich zu dem Wide Receiver D. J. Chark, und mit welchen Manövern er Gegner abschütteln will - ducken, seitlich nach hinten weg. Die Panthers haben ihm vor zwei Wochen dreimal den Ball aus den Händen geschlagen, die Saints ließen am vergangenen Wochenende keinen Touchdown zu und fingen dazu einen Wurf ab. Bei den tollen Statistiken zu Beginn der Saison hatte Minshew die bis dato führenden Rick Mirer und Trent Edwards überholt. Kennt keiner mehr? Eben.

Es kann schon sein, dass bei Minshew nun das Tal der Enttäuschungen folgt, und dann wird laut Hype Cycle deutlich, wohin die Reise geht. Die Jaguars haben Minshew, so heißt es, nicht nur wegen seiner sportlichen Fähigkeiten gewählt, sondern weil er sich beim Probetraining als intelligenter und lernwilliger Typ präsentiert hatte. "Ich muss weiter lernen und besser werden", sagt er. Er hat ungefähr sechs Wochen lang Zeit, um im Hype Cycle das sogenannte "Plateau der Produktivität" zu erreichen. Dann sollte Foles wieder einsatzfähig sein, und Jaguars-Trainer Doug Marrone wird entscheiden müssen, ob er an den Hype glaubt.

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