Vierschanzentournee in Garmisch:Chaos aus Böen

Aufgrund der Windkapriolen hätte der Tag bei der Vierschanzentournee in Garmisch-Partenkirchen fast ein böses Ende gefunden. Favorit Thomas Morgenstern war nach einem Wettbewerb mit nur einem Durchgang schwer geschlagen, sein ärgster Konkurrent siegt.

T. Hahn

Thomas Morgenstern stand im Schatten des Gudibergs und lächelte. 14. war der Weltcup-Führende aus Österreich nur geworden beim Neujahrsskispringen von Garmisch-Partenkirchen. Seine Chance, alle vier Wettkämpfe der Vierschanzentournee zu gewinnen, hatte er an den Seitenwind verloren, und gewonnnen hatte einer seiner ärgsten Konkurrenten: der Schweizer Olympiasieger Simon Ammannn.

59. Vierschanzentournee

Simon Ammann (Bildmitte) brauchte beim zweiten Tourneespringen in Garmisch nur einen guten Flug, um ganz oben auf dem Siegertreppchen zu landen.

(Foto: dapd)

Aber Morgenstern nahm sich nichts übel, er fand sogar, dass er sich noch ganz ordentlich durch dieses Chaos aus Böen gesteuert hatte. "Der Sprung war nicht ohne", sagte er und schaute gleich wieder voraus. Der Halbzeitstand der Tournee, deren österreichischer Teil an diesem Sonntag mit der Qualifikation zum Bergiselspringen in Innsbruck (Montag, 13.45 Uhr, ARD) beginnt, wies ihn immer noch als Gesamt-Ersten aus. Mehr brauchte Morgenstern für den Moment nicht zu wissen, mit schnellen Sätzen hakte er die Niederlage ab. Thomas Morgenstern sagte: "Ich freu mich, dass ich als Führender nach Österreich reisen kann."

Insgesamt ist das Neujahrsspringen 2011 eine ziemliche Geduldsprobe gewesen für Athleten, Trainer und die 22.000 Zuschauer an der Olympiasschanze. So lange dauerte der erste Durchgang wegen der vielen Windunterbrechungen, dass der zweite Durchgang der besten 30 wegen der einbrechenden Dunkelheit ausfiel. Schlimmer noch: Der Tag hätte fast ein böses Ende genommen, wenn nicht der österreichische Tournee-Titelverteidiger Andreas Kofler geistesgegenwärtig seine Ski herumgerissen hätte, welche der Seitenwind aus der Bahn geweht hatte.

Zuvor hatte schon der Tournee-Mitfavorit Matti Hautamäki aus Finnland nicht richtig durch die bewegte Luft gefunden, landete schon bei 122 Metern, verlor sein K.o-Duell gegen den Deutschen Pascal Bodmer und liegt nun in der Tournee-Wertung fast schon vorentscheidend weit zurück. Und Hautamäkis Landsmann Ville Larinto ließ sich von einem plötzlichen Aufwind überraschen, sprang zu weit, stürzte und humpelte mit Knieschmerzen davon; ob er weiter an der Tournee teilnehmen kann, war zuächst ungewiss. Aber bei Kofler hätte ein Sturz schwerere Folgen haben können als ein wehes Knie. Dass er nach seiner Notlandung keine Chance mehr hat, seinen Tournee-Erfolg vom vergangenen Jahr zu wiederholen, war für ihn ein lässliches Übel - Kofler war froh, heil im Zielraum angekommen zu sein.

Der deutsche Bundestrainer Werner Schuster fand die Wettkampfführung durch die Jury trotzdem "zumutbar" und wollte sich auch nicht zu lange aufhalten mit diesem Tag, den er "schwierig für alle Beteiligten" nannte. Sein Team gehörte allerdings auch zu den besser gestellten Mannschaften in der Windlotterie: Martin Schmitt platzierte sich auf einem guten siebten Rang, es folgten Stephan Hocke (13.), Michael Uhrmann (15.), Pascal Bodmer (16.), Michael Neumayer (18.), Andreas Wank (23.) sowie Richard Freitag (26.) als weitere Deutsche mit Platzierungen, für die es Weltcup-Punkte gibt. Dafür erlitt Severin Freund, der Sechstplatzierte vom Tournee-Auftakt in Oberstdorf, einen Rückschlag: Platz 42.

Aber Freund beklagte sich nicht. Die Windturbulenzen? Interessierten ihn nicht sehr. "Es ist eine Freiluftsportart", sagte Freund, "der Wettkampf ist vorbei, dadurch steht das Ergebnis, und dann müssen, glaube ich, alle in die Zukunft schauen."

Die Österreicher sahen das Geschehen etwas kritischer. Ihr Cheftrainer Alexander Pointner vertrat die Meinung, dass man das Springen hätte abbrechen müssen, wollte damit aber auch nicht ablenken von der Leistung des Siegers, der nämlich keineswegs einen Windvorteil gehabt hatte bei seinem Erfolgssprung.

Simon Ammann pflegt einen Sprungstil, der weniger anfällig ist bei Seitenwind, und flog sicher zu Tale. "Gewonnen hat absolut der verdiente Mann", sagte auch Werner Schuster, und Ammann selbst genoss den Augenblick. Er beklagte sich nicht über den Wind, stattdessen freute er sich über "einen perfekten Start ins neue Jahr" und blickte zufrieden auf seinen zweiten Rang in der Tournee-Gesamtwertung hinter dem Favoriten Thomas Morgenstern: "Ich bin immer noch der Herausforderer."

Die Schanze am Bergisel liegt Ammann nicht besonders, aber auch daran wollte er jetzt einfach weiträumig vorbeidenken nach seinem prestigesträchtigen Sieg beim Neujahrsskispringen. "Ich möchte", sagte Simon Ammann, "Gewinn ziehen aus diesen wirklich guten Gefühlen."

© sueddeutsche.de//jbe
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