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Jugendfußball:Hitzlsperger verbietet wegen schlechter Noten schon mal das Vormittagstraining

Beim Turnier in Sindelfingen bekommen die Zuschauer vorgeführt, was er mit der fehlenden Selbständigkeit meint. Während die Spieler des VfB oder des FC Bayern sich von jeder noch so kleinen Fehlentscheidung des Schiedsrichters oder einem unerlaubten Rempler des Gegenspielers ablenken lassen und fast hilflos nach draußen zu den Trainern schauen, verziehen die Spieler des späteren Siegers FC Liverpool in vergleichbarer Lage keine Miene und spielen einfach weiter. "In unserer Ausbildung geht es vor allem darum, dass wir die Spieler zu Persönlichkeiten entwickeln, die sich in der Gesellschaft zurechtfinden können", sagt Phil Roscoe.

Er ist Nachwuchsleiter beim FC Liverpool, "Head of Education und Welfare", wie auf seiner Visitenkarte zu lesen ist. Die Fürsorge steht dabei ganz oben, wie er hervorhebt. "Nur die wenigsten von ihnen werden ihr Geld später mit dem Fußball verdienen können." Wie wichtig dem englischen Klub der interkulturelle Austausch war, kann man daran erkennen, dass sie für die Teilnahme am Junior-Cup eigens ein Ligaspiel gegen Manchester United verlegt haben.

Im Nachwuchsfußball schauen sich die Konkurrenten über die Schulter

Hitzlsperger kennt die Strukturen in England, er hat sie selbst erleben dürfen. Und wie den Liverpoolern liegt ihm viel daran, von den Besten zu lernen. Deshalb werden er und andere vom VfB bald nach Bilbao fliegen, um sich dort das Ausbildungsprogramm der Basken anzusehen. Hospitanzen im internationalen Nachwuchsfußball kommen häufig vor. Erst vor ein paar Wochen hatte eine zehnköpfige Delegation von Paris Saint-Germain in Stuttgart vorbeigeschaut.

Auch Hitzlsperger möchte die Spieler "aufs Leben vorbereiten", wie er sagt. Und deshalb verlangt er von ihnen auch, dass sie die Schule genauso ernst nehmen wie den Fußball. Dreimal in der Woche bietet der VfB seinen Nachwuchsspielern ein vormittägliches Training an, von elf bis zwölf. Nach einem gemeinsamen Mittagessen kommen dann die Lehrer zum VfB Stuttgart, um den Unterricht nachzuholen. Verschlechtern sich die Noten, kommt es schon einmal vor, dass Hitzlsperger in Absprache mit dem Klubpädagogen einem Spieler ein Vormittagstraining verwehrt. "Das ist ein Druckmittel, das meistens funktioniert", erzählt Hitzlsperger. Niemand von ihnen will eine Übungseinheit verpassen, schon gar nicht beim aktuellen Tabellenführer der A-Junioren-Bundesliga.

© SZ vom 10.01.2019
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