Jugendfußball "Wir müssen für die Nachwuchsspieler wieder Probleme schaffen"

Will die Jugendarbeit beim VfB Stuttgart grundlegend reformieren: Thomas Hitzlsperger.

(Foto: Andreas Gebert/dpa)
  • Thomas Hitzlsperger kritisiert, dass den Nachwuchsfußballern zu viel abgenommen wird und sich die fehlende Selbständigkeit auch negativ auf dem Platz bemerkbar macht.
  • Der frühere Nationalspieler will das nun in Stuttgart ändern und die Nachwuchsspieler aus der Komfortzone holen - mit ungewöhnlichen Methoden.
Von Matthias Schmid, Sindelfingen

Als Thomas Hitzlsperger im Alter von 18 Jahren den Bauernhof seiner Eltern im oberbayerischen Forstinning verließ, tauchte er im Birminghamer Stadtteil Aston in einer ihm bisher unbekannten Welt wieder auf. Bei dem damaligen Premier-League-Klub war alles neu für das jüngste von sieben Kindern, rau war der Umgang untereinander, "es wurde viel geflucht", erinnert sich Hitzlsperger, der damals schon erreicht hatte, was vielen Heranwachsenden ein Leben lang verwehrt bleibt: Er kickte in der Jugend des FC Bayern. Aber: "Zu Aston Villa zu gehen, war die beste Entscheidung meines Lebens."

Weit weg von zu Hause wuchs er zu einem selbständig handelnden und denkenden Menschen heran, der nebenbei seinen Traum vom Fußballprofi Wirklichkeit werden ließ und Erfolge feierte.

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Hitzlsperger, 36, sitzt vor ein paar Tagen zurückgelehnt auf einer Couch im Sindelfinger Glaspalast. Er blättert im Programmheft des Junior-Cups, einem der angesehensten Hallenfußballturniere für U 19-Teams in Europa. Die Entwicklung von Nachwuchsfußballern hat er nach seiner Karriere als Fußballprofi zu seinem zweiten Beruf gemacht, er leitet das Nachwuchsleistungszentrum des VfB Stuttgart. Man spürt im Gespräch schnell, dass das Thema ihn bewegt.

"Wir müssen für die Nachwuchsspieler wieder Probleme schaffen", sagt Hitzlsperger. Dem früheren Nationalspieler missfällt, wie den talentierten Spielern schon früh jede Entscheidung abgenommen wird. Sie müssten sich um nichts mehr kümmern. Widerstände? Werden alle abgebaut. Aus Angst, dass der Hochbegabte zum nächsten Klub weiterzieht. "Aber wenn dann auf dem Platz plötzlich Schwierigkeiten auftreten, finden viele keine Lösungen mehr, weil sie es nicht gewöhnt sind, selbständig zu handeln", sagt Hitzlsperger.

Er will das ändern. Er will die Spieler wieder aus ihrer Komfortzone holen. Aber er weiß, dass das ein komplizierter Prozess ist. Er kann die Fußballwelt mit den verschiedenen Strömungen nicht neu erfinden, er kann aber verhindern, dass sich schon Junioren-Mannschaften mit Fünferkette dem Fußballspielen verweigern. "Der Ausbildungsgedanke geht in Deutschland mehr und mehr verloren", hat Hitzlsperger festgestellt.

In Stuttgart versucht er deshalb in der Nachwuchsförderung behutsam neue Wege zu gehen. Das fängt damit an, dass er hierarchisches Denken abschaffen will. U 15-Trainer schauen ehrfürchtig auf zu Hitzlsperger und trauen sich kaum etwas zu sagen. "Ich möchte, dass sie auch ihre Gedanken einbringen." Er will im Klub einen Wettbewerb um die besten und innovativsten Ideen schaffen. Ihm geht es nicht in erster Linie darum, möglichst viele Spiele und Titel zu gewinnen. Er hat das große Bild im Blick. "Ziel muss sein, dass wir möglichst viele Spieler fürs Profiteam entwickeln", sagt er.