1860 München Spieler erhielten kein Gehalt mehr

Der Jordanier stellte in dem Brief sechs Forderungen. Zum Beispiel die partielle Abschaffung des Weisungsrechts des e. V. an den KGaA-Geschäftsführer - was strikt gegen geltende Regularien der Bundesliga (DFL) verstoßen würde; oder auch die Übertragung des gesamten Jugendbereichs an die KGaA. Nahezu fassungslos - und das darf als exemplarisch gelten für die sechs Jahre lange Liaison mit Ismaik - macht der Dilettantismus von Ismaiks Anwalt: In dem Schreiben fordert er die Eingliederung der A-Jugend in die KGaA, dabei ist diese dort schon seit Jahren verankert. Zudem forderte Ismaik die Verlegung von Kompetenzen aus dem paritätisch besetzten Beirat der KGaA in den Aufsichtsrat, dessen Vorsitzender er ist und in dem er die Mehrheit besitzt.

Der e.V. schrieb am 26. Mai zurück - und erklärte, dass er grundsätzlich zur Erfüllung dieser Bedingungen bereit, hierbei aber auf die Zustimmung der DFL und die Mitarbeit der KGaA angewiesen sei. Ismaik antwortete noch am selben Tag: "Ich weiß es zu schätzen, dass Sie meine Bedingungen als angemessen und akzeptabel einschätzen, auch wenn ich feststellen muss, dass Sie zwar bei allen Themen sagen, dass Sie bereit seien, diese zu akzeptieren - aber tatsächlich nicht ausdrücklich Ihr Einverständnis geben."

TSV 1860 München "Reißt's Euch zam!"
TSV 1860 München nach dem Abstieg

"Reißt's Euch zam!"

Die Fans randalieren, die Verantwortlichen treten zurück, der Investor schweigt - und der DFB ermittelt: 1860 München gibt im Moment des Abstiegs ein jämmerliches Bild ab.   Aus dem Stadion von Martin Schneider

Am Ende sah sich Ayre noch vor dem letzten Relegationsspiel gezwungen, von seinem Amt zurückzutreten. Weil er vermutete, dass der Klub selbst dann wohl nicht mehr zu retten gewesen wäre, wenn er sportlich noch die Kurve bekäme. Denn Ismaik verabschiedete sich prägnant: "Bitte sehen Sie davon ab, weiter mit mir zu korrespondieren, sofern Sie nicht die vollständige und bedingungslose Bestätigung haben, dass sämtliche Bedingungen aus meinem Brief fristgemäß erfüllt werden."

Nun muss man sich in die paradoxe Situation all der Verantwortlichen bei 1860 versetzen, die schon vor dem letzten Relegationsspiel von diesem unerfüllten Erpressungsversuch Ismaiks wussten. Wie hätten Ayre und Cassalette reagieren sollen, hätte Sechzig gegen Regenburg gewonnen? Hätten sie jubeln und klatschen sollen, obwohl ihnen klar gewesen wäre, dass der Jordanier auch so nicht das für die Zweitliga-Lizenz notwendige Geld überweisen würde? Dem Vernehmen nach soll Ayre den Gedanken als unmoralisch empfunden haben, einerseits für das Spiel Werbung zu machen, um die Arena zu füllen. Andererseits aber die Zuschauer im Unklaren darüber zu lassen, dass ihr Jubel wohl vergeblich sein würde. Zumal die Frage ist, wer die vielleicht letzten Einnahmen erhält; nach SZ-Informationen bekamen einige Spieler zuletzt keine Gehälter mehr.

Rainer Koch, der Präsident des Bayerischen Fußball-Verbandes (BFV), richtet sich bereits auf eine Insolvenz der Löwen ein. Die Drittliga-Lizenz sei "nicht zu erlangen, ohne dass es zu weiteren Zahlungen von Herrn Ismaik kommt", bestätigte Koch. Er könne versprechen, "dass wir gegebenenfalls auch Platz für eine 19. Mannschaft in der Regionalliga Bayern hätten".

Ismaik kündigte auf Facebook allerdings an, nicht aufzugeben: "Ich appelliere an alle Löwen-Fans, die ernsthaft und verantwortungsvoll am Wiederaufbau des TSV 1860 interessiert sind, sich mir bei der Umsetzung der nötigen Änderungen anzuschließen", teilte er mit; gemeint sind sein Forderungskatalog und die Trennung von allen Funktionären, die ihn nicht umgesetzt haben. Der Klub sei "momentan geprägt von skrupellosen Machtkämpfen und internen Querelen".

1860 ist jedenfalls erstmals seit 24 Jahren nur noch dritt-, vielleicht sogar viertklassig. 1994, als es bisher letztmals hoch in die Bundesliga ging, hieß der Trainer Werner Lorant. Er trank seinen Espresso bei der neuen Wirtin Christl Estermann.

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