NBA-Profi Franz Wagner:Dirigent und Schnitzelkoch

NBA-Profi Franz Wagner: Auf Augen- und Passhöhe mit den Besten: Franz Wagner (links) im Duell mit Christian Wood von den Los Angeles Lakers.

Auf Augen- und Passhöhe mit den Besten: Franz Wagner (links) im Duell mit Christian Wood von den Los Angeles Lakers.

(Foto: Ryan Sun/dpa)

Vom Höhenflug des WM-Titels zurück im harten Alltag der NBA: Basketballprofi Franz Wagner etabliert sich bei Orlando Magic mit 22 Jahren als Dreh- und Angelpunkt - der Klub schafft ihm ein Umfeld, das mehr bietet als nur Geld.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Der wahre Wert von NBA-Profis lässt sich recht einfach daran ablesen, wann genau sie auf dem Spielfeld sind - und was von ihnen in diesen Momenten erwartet wird. Flügelspieler Franz Wagner bei Orlando Magic zum Beispiel: Stammspieler, natürlich, in den ersten sechs Partien der noch jungen Saison hat er 19,8 Punkte und 5,7 Rebound pro Spiel geschafft. Bei zwei Dritteln aller Ballbesitze seines Teams ist er der Dirigent. Er bekommt möglichst früh den Ball, dann erst beginnen die Laufwege der Kollegen, und Wagner entscheidet: öffnender Pass, Dribbling, Pick-and-Roll mit einem Mitspieler, gerne mit Bruder Moritz.

All das ändert sich gewaltig in den entscheidenden Momenten einer engen Partie, zu beobachten war das kürzlich in Los Angeles bei der Partie gegen die Lakers. Der Dirigent wird zum Mann für den Schlussakkord, er läuft sich frei, wird von den Mitspielern gesucht und soll mit einem Wurf möglichst Ausgleich oder Sieg bewerkstelligen. In den USA nennen sie das "Go-to-Guy", und es ist durchaus interessant, dass dies in Orlando der erst 22 Jahre alte Franz Wagner ist. Es ist Vertrauensbeweis und Druck zugleich, denn der Go-to-Guy packt das komplette Team auf seine Schultern, und wenn er richtig erfolgreich ist, bauen sie ihm irgendwann eine Statue vor der Halle, wie es Dirk Nowitzki in Dallas zuteilwurde.

Bruder Moritz ist in Orlando mentale Stütze und zupackender Mitstreiter

Gegen die Los Angeles Lakers warf Wagner allerdings daneben, es war die erste von mittlerweile zwei Niederlagen in dieser Saison. Und es war eines von mehreren Signalen, dass nach Wagners Höhenflug im Sommer - er war Mitglied der deutschen Basketball-Weltmeisterauswahl - nun wieder Alltag in der NBA herrscht. "Es ist ein ganz anderer Vibe", sagt Wagner in der Umkleidekabine der Orlando Magic im Gespräch: "Jeder Tag ist ähnlich, man reist permanent, der Rhythmus ist komplett anders als bei einer WM, wo innerhalb kürzester Zeit ein Höhepunkt auf den nächsten folgt." Zwei Spiele also daheim für Orlando Magic in Florida; Flug an die Nordwestküste für die Partie bei den Portland Trailblazers; runter nach Los Angeles, zwei Partien innerhalb von 24 Stunden gegen Lakers und Clippers; rüber nach Utah; vier Spiele daheim (unter anderem zuletzt ein 120:101-Erfolg gegen die Lakers), dann weiter nach Brooklyn, Chicago, Indianapolis.

"Das ist schon okay, weil es bedeutet: geregelter Alltag, Rhythmus, öfter mal im eigenen Bett schlafen", sagt Wagner, der zugibt: "Die WM war nicht nur körperlich anstrengend, sondern auch emotional. Ich habe ein paar Wochen gebraucht, um da runterzukommen." Es hilft freilich, dass Bruder Moritz auch in Orlando spielt - zumal viele Profisportler sagen, wie schwierig es ist, jemanden zu finden, der wirklich versteht, was man da bisweilen durchmacht. Franz und Moritz teilen sich derzeit ein Haus, fahren gemeinsam ins Training und reden natürlich darüber, was mit ihnen passiert. "Hin und wieder schauen wir uns gegenseitig an", sagt Moritz Wagner, "und sagen: Alter, was führen wir zwei eigentlich für ein Leben?"

Die Rolle des vier Jahre älteren Moritz ist eine andere als die von Franz. Er ist nicht Dirigent oder setzt den Schlussakkord, er steht an der Pauke. Für ein Basketballteam ist er das, was ein Espresso für Ausgelaugte ist: dieser Schuss Energie, den man hin und wieder braucht, gerade in schwierigen Momenten. Deshalb bezahlen sie Moritz Wagner in Orlando in dieser Saison acht Millionen Dollar (Franz kriegt 5,5 Millionen), und er rechtfertigt das nicht nur mit ordentlichen Statistiken (10,0 Punkte und 4,0 Rebounds pro Partie), sondern dadurch, wie genervt etwa die Lakers-Ausnahmespieler LeBron James und Anthony Davis gucken, wenn Moritz Wagner aufs Parkett kommt. Sie wissen: Jetzt wird es ungemütlich.

Andere Klubs locken mit mehr Geld - doch das ist den Wagners nicht so wichtig

Franz dürfte nicht mehr lange schlechter verdienen in der Familie. Noch gilt sein Vertrag, den er als Neuling in der Liga unterzeichnet hat. Doch durch das, was Jaylen Brown gerade für seine Dirigier- und Schlussakkordarbeit mit den Boston Celtics ausgehandelt hat - 304 Millionen Dollar für fünf Spielzeiten -, ist auch die Latte für Franz Wagner gesetzt. Sie wollen ja etwas aufbauen in Orlando, in dieser Saison ist die Qualifikation für die Playoffs möglich, mittelfristig noch mehr. Und dafür müssen sie Leute wie Franz Wagner und den 20 Jahre alten Paolo Banchero halten, und das dürfte in beiden Fällen mehr als 40 Millionen Dollar kosten - pro Saison.

"Ich will heuer den nächsten Schritt machen", sagt Wagner: "Ich will physischer spielen, das ist in der NBA mit all den unfassbar athletischen Akteuren auch notwendig. Ich habe bei der WM ganz gut verteidigt; das ist in der NBA schwieriger, weil da mehr Platz ist - da will ich noch besser sein. In der Offensive will ich mich beim Pick-and-Roll verbessern, um mehr Räume zu schaffen." Heißt: Der vielseitige und mit hohem Basketball-IQ ausgestattete Wagner will über Athletik eine weitere Nuance hinzufügen, und diese Einzigartigkeit macht ihn begehrt. Es ist zum Beispiel kein Geheimnis, dass die Memphis Grizzlies gewaltiges Interesse an Wagner bekunden - und dass sie bereit sind, sehr viel Geld für ihn zu bezahlen.

Wer die Wagners privat kennt, der weiß: Geld ist ihnen nicht so wichtig. Sie wollen sich wohlfühlen; in einer Stadt und bei einem Verein - und manchmal sind es Kleinigkeiten wie ein deutscher Abend, an dem die Wagners den Teamkollegen Schnitzel, Kartoffelpuffer, Käsespätzle und Rotkohl auftischten. Es sind auch Signale wie: in den wichtigen Momenten den Ball erhalten, das Vertrauen haben, auch wenn man mal nicht trifft. Das haben die Dallas Mavericks einst auch mit Nowitzki gemacht, der Ausgang ist bekannt.

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