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Missbrauch im US-Turnen:Es wurden Kinderseelen zerstört

Artistic Gymnastics - Women's Individual All-Around Victory Ceremony

Simone Biles bei den Olympischen Spielen in Rio.

(Foto: REUTERS)

Der Skandal um sexuellen Missbrauch im US-Turnen offenbart, was im Sport an vielen Stellen im Argen liegt. Es geht vor allem ums Geschäft - und nicht um das Wohl der Athleten.

Vor acht Monaten ist Larry Nassar in den USA zu seiner letzten Haftstrafe verurteilt worden: Mindestens vier Jahrzehnte muss der heute 55-Jährige noch im Gefängnis bleiben, wenn er erst mal die Strafen abgesessen hat, die er in zwei vorangegangenen Prozessen bereits auferlegt bekam - das sind wenigstens 100 Jahre. Das amerikanische Strafrecht gibt solche Zeiträume her.

Nassar hatte als Arzt des amerikanischen Turnverbandes über Jahre hinweg Hunderte von jungen Sportlerinnen sexuell missbraucht, meist unter Vortäuschung einer medizinisch notwendigen Behandlung, in seinem Haus, in Trainingszentren, auf Wettkampfreisen. Was Nassar verbrochen hat, geht über das hinaus, was die #MeToo-Kampagne derzeit nicht nur in den USA beklagt: Mit seinem Treiben hat er Kinderseelen zerstört.

Beweise vernichtet: Ex-Chef des US-Turnverbands verhaftet

Im Skandal um den sexuellen Missbrauch von Turnerinnen in den USA ist der frühere Chef des nationalen Turnverbandes festgenommen worden. Steve Penny sei am Mittwoch in Gatlinburg im US-Bundesstaat Tennessee wegen des Verdachts der Fälschung und Vernichtung von Beweisen verhaftet worden, teilte die Polizei von Tennessee mit. Penny werde nach Texas ausgeliefert, wo gegen ihn ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werde, sagte Polizeisprecher David Jolley. Im Zuge der Ermittlungen gegen den früheren Arzt der US-Turnerinnen, Larry Nassar, hätten mehrere Zeugen angegeben, dass Penny die Zerstörung von Dokumenten angeordnet habe, die auf der Ranch Karolyi in Texas gelagert waren, sagte der dortige Bezirksstaatsanwalt David Weeks. Die nach dem aus Rumänien eingewanderten Trainer-Ehepaar Karolyi benannte Ranch war bis 2017 ein Trainingszentrum des amerikanischen Verbandes. Unter anderem dort hatte Nassar während seiner jahrzehntelangen Tätigkeit für den Verband viele überwiegend minderjährige Sportlerinnen sexuell missbraucht. Zu seinen Opfern gehören auch die Olympiasiegerinnen Alexandra Raisman, McKayla Maroney und Simone Biles. Nassar war Anfang des Jahres zu langen Haftstrafen verurteilt worden und wird wohl bis an sein Lebensende im Gefängnis bleiben. Steve Penny leitete von 2005 bis zu seinem Rücktritt im Oktober 2017 den Turnverband. Mehrere Athletinnen hatten ihm vorgeworfen, ihren Vorwürfen gegen den Sportart Nassar nicht Gehör geschenkt zu haben. Wegen des Missbrauchsskandals kommt der Verband nicht zur Ruhe: Die erst in der vergangenen Woche zur Interims-Verbandspräsidentin berufene Mary Bono trat bereits an diesem Dienstag wieder zurück, nachdem mehrere Opfer von Nassar ihr vorgeworfen hatten, an der Vertuschung der Vergehen beteiligt gewesen zu sein. AFP, dpa

Zerbrochene Seelen sind kaum jemals wieder in Ordnung zu bringen. Aber nicht einmal juristisch ist der Fall mit dem letzten Urteil erledigt: Der Turnverband USA Gymnastics, oder kurz USAG, hat in dieser Woche so massive Nachbeben erlebt, dass es mittlerweile zweifelhaft ist, ob der Schaden, den er hat, überhaupt noch zu reparieren ist - oder ob man nicht besser den ganzen Trümmerhaufen einfach beseitigt und ein neues Konstrukt aufbaut, mit unbelasteten Mitarbeitern.

Am Dienstag ist jedenfalls Mary Bono als USAG-Präsidentin zurückgetreten, sie hatte das Amt nur vier Tage vorher interimsweise übernommen; ihre im Januar gewählte Vorgängerin Kerry Perry hatte es Anfang September niedergelegt, auf massiven öffentlichen Druck hin. Am Mittwoch wurde Perrys Vorgänger verhaftet, Steve Penny; er hatte seinen Posten im Zuge des Nassar-Skandals im Frühjahr 2017 räumen müssen. Ihm wird von einem Staatsanwalt vorgeworfen, Beweismittel vernichtet zu haben, seinen Nachfolgerinnen von etlichen betroffenen Athletinnen, dass sie zumindest nichts gegen Nassars Treiben unternommen haben.

Eine Selbstreingung der Amtsträger scheint unmöglich

Der Skandal um sexuellen Missbrauch im US-Turnen offenbart vieles von dem, was im Sport generell im Argen liegt. Da ist zum einen die Person von Steve Penny, der als Marketing-Experte an die Spitze eines Sportverbandes geholt wurde: Der Fokus der Funktionäre liegt also offensichtlich auf dem Image, auf der Vermarktbarkeit, auf dem Geschäft - nicht auf dem Wohl von Athleten. Da ist des weiteren die Strategie, mit der die Funktionäre unangenehme Fälle bearbeiten: sie vertuschen, verdrängen, verzögern. Schließlich belegt der Skandal ein weiteres Mal, dass den Amtsträgern des Sports eine Selbstreinigung allem Anschein nach unmöglich ist. Der Impuls zur öffentlichen Aufklärung von Nassars Treiben kam ja aus den Reihen älterer Athletinnen - lange nachdem sie intern schon darauf hingewiesen hatten und nichts passiert war. Und wenn nicht staatliche Ermittler eingreifen, würden die Sportverbände sogar die schlimmsten Übeltäter laufen lassen, solange Geld und Medaillen stimmen.

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