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Mercedes in der Formel 1:Was bringt "DAS"?

Lewis Hamilton bei den Testfahren in Barcelona.

(Foto: Joan Monfort/AP)
  • Bei den Testfahrten der Formel 1 in Barcelona in der vergangenen Woche fällt Lewis Hamiltons Mercedes mit einer neuen Lenk-Konstruktion auf.
  • "Dual Axis Steering" (DAS) heißt die neue Lenkung. Dabei lassen sich die Vorderräder auf der Geraden durch Ziehen und Drücken leicht drehen - das soll wohl mehr Grip erzeugen.
  • Für die Konkurrenten sind nun zwei Szenarien denkbar. Im Optimalfall wird DAS verboten oder bringt Mercedes wenig Wettbewerbsvorteile. Denkbar auch, dass es gelingt, DAS nachzubauen.

Sonderlich besorgt wirkt Sebastian Vettel nicht, als er in diesen Tagen angesprochen wird auf Lewis Hamiltons mutmaßliches Wunderlenkrad. Vettel scherzt jedenfalls. Eigentlich, sagt er, "heißt es Lenkrad, nicht Zug- oder Druckrad. Das ist ja wie im Flugzeug." Dass dieser Jet-Steuerknüppel aber illegal sein könnte, glaubt Vettel auch nicht: Mercedes werde es schon mit dem Weltverband Fia abgesprochen haben, "wenn sie so etwas entwickeln und fahren." Davon darf man tatsächlich ausgehen.

Kurz zuvor hatten Hamiltons Konkurrenten gestaunt wie seit Jahren nicht, als die Bildregie am zweiten Morgen der Testfahrten in Barcelona auf Hamiltons Bordkamera umschaltete: Der sechsmalige Weltmeister donnerte gerade die Hauptgerade der Hochgeschwindigkeitsstrecke in Katalonien hinunter, als die Zuschauer eine ungewohnten Anblick präsentiert bekamen: Hamilton lenkte sein Auto nicht, wie man ein Auto lenkt, nicht nach links, nicht nach rechts. Er zog sein Lenkrad zu sich heran. Und wer ganz genau hinschaute, der sah auch, dass sich währenddessen seine Vorderräder leicht nach innen drehten. Als sich Hamilton schließlich dem Anbremspunkt näherte, drückte er das Lenkrad wieder von sich weg - und schwupps! Stellten sich die Vorderräder wieder auf ihre alte Position.

Dem Publikum stellten sich Fragen wie beim Anblick des Zaubertrick-Klassikers mit zersägter Jungfrau - praktischerweise bot Mercedes sogleich eine Pressekonferenz mit Technikchef James Allison. Wie es sich gehört, hatte Mercedes seinem Innovations-Baby gleich mal einen Namen verpasst: "Dual Axis Steering", kurz "DAS", heißt die neue Lenkung. Allison weigerte sich selbstverständlich auf Konstruktion und Vorzüge des Systems, einer zweiachsigen Lenkung, tiefer einzugehen, sagte aber: "Es bringt dem Fahrer nur eine zusätzliche Dimension in die Lenkung, von der wir hoffen, dass sie im Laufe des Jahres nützlich sein wird."

Es darf mit dem Einspruch mindestens eines Teams gerechnet werden

Auch wenn sich noch erweisen muss, ob DAS den Mercedes-Piloten einen Vorteil verschafft, ist für Experten offensichtlich, was DAS bringen soll: Indem Hamilton auf einer Gerade die Spur verstellt, kann er die Abkühlung seiner Reifen im Fahrtwind verringern. Das leichte Querstellen der Vorderreifen führt zu zusätzlicher Reibung. Diese Reibung erzeugt Hitze. Und auf wärmeren Reifen hat der Pilot mehr Grip in der folgenden Kurve.

Rechtlich sei DAS völlig sauber, bekräftigte Allison. Ein Lenkrad sei schließlich zum Bewegen der Räder berechtigt, das gelte auch für eine weitere Dimension. "Die Verstellung der Vorderräder geschieht allein über die Lenkung und unter voller Kontrolle des Fahrers", ließ auch der Weltverband Fia mitteilen. Dennoch darf mit dem Einspruch mindestens eines Teams gerechnet werden. Zumal die Fia bereits mitgeteilt hat, dass die Neuerung ab 2021, wenn sich die Formel 1 ein völlig neues Reglement verpasst, nicht mehr erlaubt sein wird.

Für die Konkurrenten von Mercedes sind nun zwei Szenarien denkbar. Im Optimalfall wird DAS verboten oder bringt Mercedes wenig Wettbewerbsvorteile. Denkbar auch, dass es gelingt, DAS nachzubauen. Dann stellt sich nur die Frage: Wie schnell ist der Klon einsatzbereit und wie gut funktioniert er? "Ein großer Teil in der Fabrik" in Maranello sei gerade damit beschäftigt, das neue Lenksystem zu verstehen, verriet Vettel. "Und dann fragen wir uns, ob es Sinn macht und wie lange es dauert, so etwas zu bauen."

Ebenfalls fragen darf man sich, ob es nicht die Sicherheit aller beeinträchtigt, wenn vereinzelte Piloten plötzlich in einer weiteren Dimension lenken. Vettel erinnerte an den sogenannten F-Schacht, den McLaren 2010 erfunden hatte und der im Folgejahr wegen Sicherheitsbedenken verboten wurde. Die Piloten fuhren damals zeitweise mit nur einer Hand am Steuer, mit der anderen regulierten sie den Anpressdruck, indem sie ein Luftloch im Cockpit offen ließen oder verdeckten. Für Hamilton fühle sich die Lenkung wohl ungewohnt an, sagte Vettel: "Stell dir vor, du gehst jeden Tag joggen in normalen Laufschuhen. Und dann sagt dir einer: Ab jetzt läufst du mit Flip-Flops. Das geht auch, aber es fühlt sich gewiss anders an."

© SZ vom 23.02.2020/chge
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