Manipulations-Vorwürfe gegen Gattuso:SMS aus dem Unterholz

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Das Raubein wehrt sich: Gennaro Gattuso (rechts), hier 2011 gegen einen Betreuer von Tottenham Hotspur

(Foto: Olivier Morin/AFP)

"Ich - und Spiele verschieben? Absurd!": Mit feurigen Worten wehrt sich Weltmeister Gennaro Gattuso gegen den Verdacht, er habe Spiele manipuliert. Schnelle Aufklärung ist von der italienischen Justiz nicht zu erwarten.

Von Birgit Schönau

Der Satz war ein echter Gattuso. "Ich - und Spiele verschieben? Absurd. Ich wüsste gar nicht, wo ich da anfangen sollte. Wenn die mir das nachweisen können, gehe ich auf die Piazza und bringe mich um." Öffentliche Selbstentleibung, kalabrisches Harakiri, was man eben so verspricht, wenn man einen Ruf als ehrliches Raubein zu verteidigen hat und einem die Polizei die Wohnung durchwühlt - auf der Suche nach Beweisen für Wettbetrug.

Gennaro Gattuso hat in seiner wechselhaften Karriere jede Menge Höhen und Tiefen erlebt, er war Weltmeister im Sommer 2006, er hat mit dem AC Mailand jeweils zwei Mal die Champions League und die Meisterschaft gewonnen, in seinen besten Zeiten war er einer der besten und populärsten Mittelfeldwühler der Welt.

Damals verkörperte Gattuso den Typus des unermüdlichen Balldiebs und Wadenbeißers, grimmig, entschlossen und aus Prinzip unelegant. Die Gegner fürchteten ihn einerseits, andererseits schätzten sie ihn auch, "Rino" war erstens fair und zweitens sehr sympathisch, sehr gesellig und sehr uneitel.

Als der Sohn eines Fischers in der Nähe des Milan-Trainingszentrum eine Fischhandlung eröffnete, war sein damaliger Teamkollege David Beckham Ehrengast. Gattuso hantierte zwischen Tintenfischen, Goldbrassen und Rotbarben, Beckham gab gnädig Autogramme, es war eine Szene aus der Commedia dell'Arte des Fußballs, in der Leute wie Gattuso übrigens interessantere Rollen besetzen als die Pop-Ikonen vom Schlage Beckhams.

Es kamen dann schwierige Zeiten für Gattuso. Eine Augenkrankheit besiegelte seinen Abschied von Milan; als er sich nach monatelanger Pause gerade erholt hatte, wechselte er als Spielertrainer in die Schweiz, zum FC Sion. 2012 war das, Gattuso war 34, und als er Sion nach einer durchwachsenen Bilanz frühzeitig verlassen musste, heuerte er als Coach beim italienischen Zweitligisten US Palermo an. Da lief es auch nicht besonders, nach sechs Spieltagen wurde Gattuso entlassen, seither ist er arbeitslos, die Aussichten auf den nächsten Trainerjob sind eher trübe.

Gattuso, der im Januar 36 wird, steckt beruflich gerade in einem Loch. Und jetzt dieser Verdacht: Spielbetrug.

Es geht um die Begegnung Chievo Verona gegen den AC Mailand vom 20. Februar 2011, Endstand 1:2. Einer der verdächtigen Wettbetrüger soll zuvor Gattuso eine SMS geschickt haben, eine von insgesamt 13.

Notorische Prahlerei

Ja, er kenne den Mann, hat Gattuso bereits erklärt. Es handelt sich um Francesco Bazzani, Wettbüro-Inhaber aus Bologna. Bazzani wurde auf Weisung der Staatsanwaltschaft in Cremona gemeinsam mit drei anderen Verdächtigen verhaftet, neben Gattuso steht auch der frühere Lazio- und Milan-Profi Cristian Brocchi unter Verdacht.

Auch Brocchi hat eingeräumt, Bazzani zu kennen, der Mann sei einer von vielen, die notorisch um bekannte Profis herumschwirrten, um vor Freunden zu prahlen und ab und zu Tickets zu ergattern. "Die halbe Serie A kennt Bazzani", sagt Gattuso, "der ist einer von vielen" - einer aus dem Unterholz, dem er seine Handynummer gegeben habe. Auf keine der 13 SMS, so Gattuso, habe er dann geantwortet.

Dutzende Polizisten im Morgengrauen

Seit 2010 ermittelt die Staatsanwaltschaft in Cremona zu Schiebereien in den italienischen Profi-Ligen, gegen 120 Personen wurden Verfahren eröffnet, 54 wurden festgenommen. Rund 30 Spiele sollen zwischen 2009 und 2013 manipuliert worden sein, die Italiener arbeiteten angeblich gemeinsam mit Osteuropäern im Auftrag einer Wett-Zentrale in Singapur.

Prominente Profis wurden im Laufe der Ermittlungen schon verhaftet. Giuseppe Signori, ehemals Spieler bei Lazio Rom und Bologna, wurde ebenso festgenommen wie der Lazio-Kapitän Stefano Mauri. Dieser verbrachte im Mai 2012 Wochen in Untersuchungshaft, wurde aber erst im Oktober 2013 vom Sportgericht für neun Monate gesperrt.

Anklage gegen Mauri wurde in der ganzen Zeit überhaupt noch nicht erhoben - und damit wären wir beim Hauptproblem der breit angelegten Ermittlungen von Cremona: ihrer mangelnden Effizienz. Wie so viele Verfahren in Italien droht auch die Arbeit der Staatsanwälte in Cremona im Sande zu verlaufen; hinzu kommt noch, dass manche Kollegen die Ermittlungen durchaus kritisch sehen.

Da gab es den Fall Domenico Criscito. Wenige Tage vor der EM 2012 erhielt der Abwehrspieler von Zenit St. Petersburg im Trainingslager der italienischen Nationalmannschaft einen Ermittlungsbescheid und wurde von Cesare Prandelli umgehend aus dem Kader befördert.

Die gesamte Squadra Azzurra war schockiert von einer Aktion, die ganz offensichtlich zum Ziel hatte, die Arbeit der Juristen in Cremona ins Zentrum des Medieninteresses zu rücken. Normalerweise werden Ermittlungsbescheide per Einschreiben an der Privatadresse des Verdächtigen zugestellt, diesmal rückten ein Dutzend Polizisten im Morgengrauen bei der Nationalmannschaft an. Im September 2012 ersuchte die Staatsanwaltschaft in Genua, das Verfahren wegen Criscito einzustellen - wegen Mangels an Beweisen. Doch Cremona pochte auf Verlängerung.

Gegen den Spieler wird weiter ermittelt, ob er bei der WM in Brasilien dabei sein kann, ist ungewiss. Jedenfalls hat die Staatsanwaltschaft Cremona schon einmal vorsorglich darauf hingewiesen, dass auch bei der kommenden Weltmeisterschaft Spiele verschoben werden könnten, nicht nur von Italienern.

Bis die grauen Haare wachsen

Gennaro Gattuso wird also vermutlich lange darauf warten müssen, bis er entweder angeklagt oder rehabilitiert wird. Und falls dann tatsächlich ein Prozess eröffnet wird, dürfte er darüber endgültig graue Haare bekommen: Am Mittwoch entschied ein Berufungsgericht in Neapel über Luciano Moggi, den ehemaligen Generaldirektor von Juventus Turin, der im Jahr 2006 im Zentrum eines Manipulationsskandals um italienische Schiedsrichter stand.

Damals wurden Juventus Turin zwei Meistertitel aberkannt, der Rekordmeister wurde zudem in die zweite italienische Liga relegiert. Nun, Moggi bekam jetzt zwei Jahre und vier Monate Haft aufgebrummt, wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Ein Teil der ihm vorgeworfenen Vergehen war unterwegs verjährt, ins Gefängnis muss der Mann mit seinen 77 Jahren sowieso nicht mehr. Moggi hat umgehend Revision gegen das Urteil angekündigt.

© SZ vom 19.12.2013/jkn
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