Magdalena Neuners Karriereende Kein Fremder erfährt Neuners Adresse

Reaktionen zum Neuner-Rücktritt

"Magdalena ist nicht zu ersetzen"

Aufschlussreicher ist das, was die Rückkehrerin so über den Charakter ihrer Wallgauer sagt, und was zunächst nicht unbedingt positiv klingt. "Wir sind nicht so weltoffen, wir sind halt die ,Gebirgler'", sagt sie. Diese Einzigartigkeit ziehe sie irgendwie an, so wie der raue, nuschelige, Enden-verschluckende Wallgauer Dialekt, der für Fahrrad zum Beispiel das Wort "Ralla" bereithält, was schon in Mittenwald, zehn Kilometer weiter, "Ralle" heißt, ein Dialekt, den kein normaler Deutscher versteht.

Es ist vielleicht der Kern des großen Missverständnisses zwischen der 24-jährigen Biathlon-Prinzessin Magdalena Neuner und ihren zehntausenden Fans. Von denen wird sie dafür bewundert, dass sie angeblich über allen anderen steht, sie selber bewundert aber ihre kleine Gebirgler-Gemeinde, die in der Nische des Werdenfelser Hochtals seit den Zeiten der Römer-Handelsstraße von modernen Einflüssen weniger als die anderen abbekommt, die auch der Bürgermeister Zahler als "durchaus anfangs skeptisch" beschreibt.

"Wenn es dann aber passt", sagt Zahler, "entwickelt sich echte Freundschaft." Zahler sagt, man müsse nur den richtigen Ton treffen. Der Wallgauer schätze es, wenn man eine gewisse Achtung habe. Dass man nicht glaubt, man könne, nur weil sich in Bayern eh alle duzen, auch ältere Wallgauer einfach mit Du anreden (Genau genommen sagt man auch nicht "Sie", man sagt "Es", also bayerisch für "Ihr"). Oder dass man nicht glaubt, Anspruch auf alles zu haben, nur weil man einen Kurbeitrag gezahlt hat. Dass man, mit anderen Worten, den Menschen meint, und nicht dessen Funktion.

Direkt tiefenpsychologisch", sagt Zahler, sei dieses Gespräch jetzt, warum also nicht auch etwas Philosophie: Ihm falle der Vergleich mit dem Becher und dem Wasser ein, man spreche ja gerade irgendwie nicht über Materielles. "Unser Schwerpunkt", sagt Zahler, "liegt in den leisen Tönen." In Wallgau müsse man das Großartige in den Blumen und Kräutern auf den Wiesen suchen oder in einem Sonnenaufgang morgens um fünf auf der Wallgauer Alm. Aber das habe seine Vorteile, denn wolle man einen Becher mit Wasser randvoll kriegen und halte man diesen unter einen donnernden Wasserfall, dann werde man scheitern - anders als unter einem Rinnsal.

Wenn der Becher also der Mensch ist, das Wasser das Glück und Wallgau das Rinnsal, dann hat die zehnfache Weltmeisterin, die Doppelolympiasiegerin und zweimalige Sportlerin des Jahres Magdalena Neuner alles richtig gemacht. Sie wird nämlich wahrscheinlich bald nach dem Ende ihrer Laufbahn im April Kinder trainieren: die Biathlon-Anfänger, die die Waffe noch nicht auf dem Rücken tragen dürfen, sondern erst am Schießstand in die Hand nehmen. Nicht die Cracks von morgen, sondern die noch langsamen, manchmal schwierigen, begriffsstutzigen Kleinen, die hin und wieder noch diese roten Polyester-Haarmützen tragen und in Wirklichkeit wohl gar nicht weg wollen aus dem Hochtal.

Ein bisschen von der großartigen Normalität des Seins erlebt Magdalena Neuner auch schon jetzt, da ihre Märchen-Karriere noch läuft. In Wallgau gibt es eine unausgesprochene Übereinkunft, keinem Fremden ihre Adresse zu verraten, und ihre Freunde reagieren ganz von selbst, wenn Fans ohne Distanz zudringlich werden, im Bierzelt, an der Bar, wo auch immer. "Dann", sagt Bürgermeister Zahler, "bilden sie so einen, ja, einen Schutz-Kordon, kann man sagen, und manchmal sieht man die Magdalena dann gar nicht mehr." Zahler muss grinsen bei diesem Gedanken, aber es ist ja auch ein bisschen bezeichnend: Die Magdalena ist verschwunden, und der Becher ist voll.