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Belgiens Romelu Lukaku bei der EM 2021:Im Zweifel Weltklasse

Romelu Lukaku traf zum EM-Start gleich mal doppelt gegen Russland.

(Foto: Anton Vaganov/AFP)

Beim souveränen Auftaktsieg gegen Russland muss Belgien die nächsten Verletzungen verkraften. Doch auf die fitten Spieler ist Verlass - besonders auf Romelu Lukaku, der mit einer Botschaft an Christian Eriksen trifft.

Von Sebastian Fischer, Sankt Petersburg

Romelu Lukaku hat die zahlreichen Tore in seinem Leben schon auf vielfältige Art und Weise bejubelt. Mal schlug er einen Salto, mal deutete er in den Himmel, mal wies er auf das Wappen auf seiner Brust. Doch die Worte und Gesten nach seinem ersten Treffer für Belgien bei dieser Europameisterschaft, dem Tor zum 1:0 beim 3:0 gegen Russland, sie gingen ihm besonders nah. Als er getroffen hatte, mit einem Schuss aus der Drehung, da suchte er eine Kamera. "Chris, stay strong, I love you", rief er hinein. Chris, bleib stark, ich liebe dich.

"Es ist mir sehr schwer gefallen, meine Gedanken zu ordnen", sagte Lukaku später, und auch im letzten von vielen Interviews, die er als von der Uefa gekürter Mann des Abends und zweimaliger Torschütze geben musste, sah man ihm in der Pressekonferenz immer noch an, wie ernst er es meinte. Eriksen ist sein Mitspieler bei Inter Mailand, gemeinsam sind sie gerade italienischer Meister geworden. "Ich habe ein paar Tränen geweint, ich dachte an seine Familie, seine Kinder, seine Freundin, seine Eltern, seine Schwester", sagte Lukaku. Er sehe Eriksen öfter als seine eigene Familie. "Ihn dort liegen zu sehen, das war sehr hart."

Tränen wegen Eriksen, auch bei den Belgiern

Roberto Martínez, Belgiens Trainer, erzählte, dass sie alle gemeinsam, wenige Minuten vor der Teambesprechung, Dänemark gegen Finnland im Fernsehen geschaut hatten, die andere Begegnung der Gruppe B. Sie sahen, wie Eriksen zu Boden ging und die Ärzte versuchten, ihn zu reanimieren. "Das letzte, worüber wir reden wollten, war Fußball. Es gab Tränen." Nicht nur bei Lukaku, auch bei anderen ehemaligen Mitspielern des Dänen. "Wir waren geschockt", so der Coach.

Doch spielen oder nicht spielen, "diese Dinge stehen nicht in meiner Macht", sagte Martínez. Und so wurde nach der Nachricht der vorsichtigen Entwarnung aus Kopenhagen dann auch in Sankt Petersburg angepfiffen, alles nach Protokoll, eine Frau am DJ-Pult im Stadion legte vor den Hymnen Partymusik auf. Und hinterher wurde auch über Fußball gesprochen. Wobei Martínez kurz nach dem Lob für eine "sehr zufriedenstellende Leistung" schon wieder von "sehr schlechten Nachrichten" sprach.

Dieses mit so hohen Erwartungen verbundene Turnier ist für die Belgier, einen der großen Favoriten, nach dem Auftaktsieg mit Blick auf ihr Personal nicht unbedingt leichter geworden. Kevin De Bruyne und Axel Witsel fehlten ja schon, weil sie Verletzungen noch nicht vollständig auskuriert haben, Angreifer Eden Hazard kämpft mit seiner Fitness. Und am Samstagabend gab es dann den nächsten Ausfall zu vermelden: Der Außenverteidiger Timothy Castagne muss wegen eines Augenhöhlenbruchs operiert werden, die EM ist für ihn vorbei.

Er war in der ersten Halbzeit mit Daler Kusjajew zusammengeprallt, auch der Russe musste ausgewechselt werden, aber den Belgier traf es noch heftiger. Zusätzlich ist Kapitän Jan Vertonghen am Knöchel lädiert, wenn auch "nicht so ernst", wie Martínez beschwichtigte.

Andererseits brachte das Spiel die Erkenntnis, dass auf so manchen Ersatzmann Verlasst ist. Der Dortmunder Thomas Meunier, der für Castagne kam und nun wohl Stammspieler ist, schoss sieben Minuten nach seiner Einwechslung das 2:0, kurz vor Schluss bereitete er mit einem Dribbling und einem Steilpass das 3:0 vor. "Sehr beeindruckend" sei Meuniers Leistung gewesen, sagte Martinez. Für den zweimaligen Torschützen Lukaku galt das natürlich umso mehr.

Und bald ist auch De Bruyne wieder da

Die Offensive ist die große Stärke der Belgier. Doch ob sie vorerst auch ohne De Bruyne zur Geltung kommt, von dessen Ideen und Initiativen viel abhängt, das hatte durchaus in Frage gestanden. Russland war zwar nie der geeignete Gegner, um die Schwächen offenzulegen, die bei schnellen Kontern durchaus anfällige Abwehr etwa.

Bis auf wenige, von den mehr als 26 000 in großer Mehrzahl russischen Zuschauern im Stadion mit lauten Rufen bedachten Versuchen, den Ball in die Nähe des Stoßstürmers Artjom Dsjuba zu bekommen, deutete sich selten Gefahr an. Aber dass Lukaku seine herausragende Form aus der vergangenen Saison konserviert hat, dass ein Angriff mit ihm in der Mitte immer zur Weltklasse gezählt werden muss, dafür diente das Spiel dennoch als Beleg.

Für Inter hat er 24 Tore in der Saison geschossen, manchmal wirkte es, als nehme er es mit den Verteidigern in Italien persönlich auf, alle gegen einen im Strafraum, und der 1, 91 Meter große Hüne ging oft genug als Sieger hervor. Es werde kein Spiel gegen Lukaku allein, das hatte vor dem Spiel der russische Verteidiger Georgi Dschikija gesagt, gehofft vielleicht.

Belgium v Russia - UEFA Euro 2020: Group B

Deckel drauf: Romelu Lukaku trifft zum 3:0 für Belgien.

(Foto: Evgenia Novozhenina/Getty)

Aber es war dann Lukaku, der vor dem 1:0 im Abseits lauerte, als würde er ahnen, wie der Verteidiger Andrej Semjonow den Ball unfreiwillig verlängern und damit das Abseits aufheben würde. Beim 3:0 traf er nach einem Sprint nicht minder souverän. Steht er im Strafraum frei, dann ist es meist ein Tor. Und er band Gegenspieler, wenn über die Flügel Dries Mertens oder Yannick Carrasco ihre Dribblings aufzogen.

Lukaku, 28, ist in den vergangenen Jahren jener Spieler der höchstmöglichen Kategorie geworden, der er als Talent in Anderlecht zu werden versprach. Er habe seine Diät umgestellt, hat er mal gesagt, Salat, Hühnchen, Shirataki-Nudeln, er fühle sich so fit wie nie. Und wenn er viel trifft, dann hat er die Gelegenheit, jene Botschaften zu platzieren, die zu seinem Selbstverständnis als Profi gehören. Er kniete auch schon nieder nach Toren, als Zeichen gegen Rassismus, wie er es gemeinsam mit seinen Mitspielern vor dem Anpfiff gegen Russland machte.

Seine Tore, seine Botschaften, sie könnten bei der EM ein Thema bleiben. Belgien tritt am Donnerstag in Dänemark an.

© SZ/bek
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