bedeckt München 14°

Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton:Die Hoffnung auf mehr Spannung in der Formel 1

Das gilt sogar für Fernando Alonso. Hamiltons Teamkollege in seinem Rookie-Jahr (der 2007 trotz Hamiltons Ritt ins Kiesbett nicht Weltmeister wurde, weil er sich ein Rennen später Kimi Räikkönen im Ferrari geschlagen geben musste) kehrt im Frühjahr nach zwei Jahren Abenteuern jenseits der Formel 1 zu Renault zurück, wo er zwei Weltmeisterschaften gewann. Mit Wucht angreifen wird Alonso Hamilton dann aber auch nicht sofort. Sagt sogar Cyril Abiteboul, der Teamchef bei den Franzosen: "Es geht alles um 2022, er hat fast kein Interesse an 2021."

Die Hoffnung auf mehr Spannung in der Formel 1 ist nun diese: Die Fahrzeuge von 2022, um die es allen geht, werden im kommenden Jahr mit weit geringeren Budgets entwickelt werden, als ursprünglich und noch vor Ausbruch der Pandemie geplant. Der Siegeszug des Coronavirus und die damit verbundenen Einnahme-Einbußen aller Teams im Seuchenjahr 2020 brachte die Allianz der Besserverdiener in der Formel 1 ins Grübeln: Sie stimmten der Einführung eines Kostendeckels zu, der niedriger ausfiel als geplant. 2021 wird das Budgets aller Mannschaften auf 145 Millionen Dollar gedrückt. Für die kleineren Teams wie Aston Martin, wo Sebastian Vettel künftig unterschlüpft, ist die Entwicklung der neuen Fahrzeuggeneration also eine enorme Chance, um endlich aufzuschließen zu Mercedes, Red Bull und Ferrari. Für die großen Drei wird der Sparkurs auch mit Personalabbau und Gehaltskürzungen einher gehen. Und Lewis Hamilton könnte sich die legitime Frage stellen: Sollte ich nun unterschreiben bei Mercedes - wie lang sitze ich dort noch im besten verfügbaren Auto?

Zweifel daran, dass er verlängern wird bei Mercedes bestehen eigentlich keine mehr. Daran ändern auch die Überlegungen des Automobil-Weltverbands Fia nichts, eine Grenze für Fahrergehälter einzuführen, die bislang ausgenommen sind vom Budget-Deckel. Denn diese böten eher noch einen Anreiz zur möglichst zeitnahen Unterschrift. "Ich habe das Gefühl, dass es gerade erst beginnt, es ist ganz komisch", sagte Hamilton in Istanbul.

Und auffällig war, wie sehr er über jene Aspekte sprach, die auf eine vertragliche Übereinkunft mit seinem Arbeitgeber für die Zeit nach der aktiven Karriere hindeuteten. Hamilton, der sich in diesem Jahr politisiert und aufgeschwungen hat zum Frontmann der Black-lives-matter-Bewegung, will sich verstärkt dafür einsetzen, "dass sich unser Sport seiner Verantwortung bewusst ist". Außerdem: Verletzungen der Menschenrechte sollte "entschlossen entgegentreten werden" - ein Vorhaben, das ja durch den ersten Besuch der Formel 1 im Folterstaat Saudi Arabien im kommenden Jahr zunächst einmal konterkariert zu werden scheint. Grundsätzlich, sagte Hamilton, brauche die Formel 1 Veränderungen. "Nicht in zehn Jahren oder in zwanzig, sondern jetzt. Und ich will Mercedes und der Formel 1 bei dieser Reise zur Seite stehen."

Das klang nicht nach den Abschiedsworten eines siebenmaligen Weltmeisters. Eher nach einem zukünftigen Markenbotschafter, der die Lust verspürt, vorher noch ein paar Jahre zu fahren, um alleiniger Rekordweltmeister zu werden. Mindestens einen Titel wird der Schwamm noch gerne aufsaugen.

© SZ vom 17.11.2020/chge
Zur SZ-Startseite
Turkish Grand Prix

Lewis Hamilton
:Sein Meisterstück

"Ich fühle, ich habe heute etwas Großes erreicht": Lewis Hamilton beweist beim spektakulären Rennen in Istanbul, dass er den Unterschied macht - und wird der erst zweite siebenmalige Weltmeister der Formel 1.

Von Philipp Schneider

Lesen Sie mehr zum Thema